Literarische Verelendungstheorien (zwei Buchbesprechungen)

Im Sommer habe ich zwei Bücher vom Nachttisch geräumt, die eine interessante Ähnlichkeit aufweisen, über die ich ein paar Worte verlieren möchte: Sie thematisieren indirekt die etwas aus der Mode gekommene linke „Verelendungstheorie“, also die Annahme, da es eine Wende zum Besseren erst geben könne, wenn die Lebensbedingungen der Menschen unerträglich geworden sind, müsse diese Unerträglichkeit aktiv herbeigeführt werden.

Die beiden Bücher:
„Blackout“ von Marc Elsberg (2012), ein Bestseller, der in mittlerweile sechsstelliger Auflage die Folgen eines Stromausfalls in den Industrienationen als Thriller beschreibt.
„Rotwild“ von Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson (2013), ein Krimi, der wie mittlerweile gefühlt jeder zweite in Deutschland gelesene Kriminalroman in Schweden spielt.

Die literarische Qualität oder die Stärke von Charakteren und Plot will ich hier nicht ernsthaft diskutieren. Beide Bücher lesen sich schnell und relativ flüssig durch, die Kritik am bahnhofskiosk-gerechten Schreibstil lässt sich in Rezensionen nachlesen.
Beide Bücher haben mich als Linken am Schluss aber ziemlich geärgert. Denn sie führen die Handlung zu einem zuletzt offenbarten Motivationskern, der wesentlich aus einer wenig bis gar nicht reflektierten linken Verelendungstheorie besteht.

Bei Elsbergs „Blackout“ haben wir es mit einer Hacker-Gruppe zu tun, die einerseits – natürlich – über kaum nachvollziehbare logistische und finanzielle Mittel verfügt, andererseits einer Ideologie folgt, die irgendwo zwischen „Ökoterrorismus“, Nihilismus und Anarchismus anzusiedeln ist. Ihre Erwartung ist, dass auf eine Phase des Chaos nach dem Zusammenbruch des kapitalistischen Alltags alsbald die Selbstorganisierung der Massen treten werde – in anarchistischer Tradition ohne Avantgarde, ohne „Führung“ durch eine Partei.

Ähnlich oberflächlich und angelesen wirkt der Zusatz-Plot, den Voosen und Danielsson hinter ihrer Krimi-Handlung in „Rotwild“ verstecken und der eine Öffnung der Handlung in die Zukunft darstellen soll: Im Haupt-Plot wird die Geschichte der RAF-Mitglieder, die Anfang der 1980er Jahre in die DDR übersiedelten, übertragen auf undogmatische Linksradikale, die nach dem GAU von Tschernobyl militant werden, nach einem fehlgeschlagenen Bankraub in die DDR flüchten müssen und 1989 mit Stasi-Hilfe in Schweden untertauchen. Dort spürt sie dann der Hinterbliebene eines Opfers des Bankraubs auf und bringt sie bestialisch um, woraufhin ein früherer Stasi-Offizier sich zu ihrem Schutz auf den Weg macht. Doch nicht die Schwäche des Haupt-Plots und seiner Charaktere ist mein Ärgernis, sondern der Clou am Ende. Es erweist sich nämlich, dass die Schlüsselperson, die informelle Anführerin der alten Gruppe, eine zynische Machtpolitikerin ist. Sie heißt Helena (wie die „Verursacherin“ des trojanischen Krieges) und wurde schon von Ulrike Meinhof auf den Ego-Trip geschickt, und nun kämpft sie mit den Waffen der Verelendungstheorie, indem sie für einen internationalen Hedgefonds Griechenland in die Krise treibt und mit „weicher Stimme“ dazu sagt, der Kampf um das Bewusstsein der Menschen sei nur so zu gewinnen: „Man nimmt ihnen alles, was sie haben.“

Es ist grundsätzlich nicht zu bestreiten, dass es in der radikalen Linken Personen oder kleine Gruppen gibt, die sich nicht entscheiden können, ob ihre Politik auf eine gesellschaftliche Utopie ausgerichtet ist oder ob es sich um reine Strafexpeditionen gegen eine bereits verlorengegebene Gesellschaft handelt. Beispielhaft dafür stehen die Brandanschläge der vergangenen Jahre in Berlin auf die S-Bahn-Infrastruktur (Kabelleitungen), die eigentlich nur als letzteres zu verstehen waren, da sie keine positiven Anknüpfungspunkte für Kämpfe um Verbesserung der Zustände erkennen lassen. Die von den Akteuren gegebene Erklärung, der kurzzeitige Stillstand des kapitalistischen Alltags solle den Betroffenen (den S-Bahn-Fahrgästen) die Möglichkeit zum Innehalten und Besinnen geben, ist nicht mehr weit entfernt von der repressiven Pädagogik des „Erziehens durch Strafe“. Doch solche Positionen sind in der Linken stets sehr marginal geblieben.

Den beiden Büchern ist anzumerken, dass die AutorInnen gewisse Grundkenntnisse über die Linke und deren Diskurse haben, vielleicht auch an Demonstrationen teilgenommen haben oder sich selbst als (gemäßigte) Linke betrachten. Sie scheinen aber weder die politischen Debatten erfasst noch die Individuen dahinter kennengelernt oder verstanden zu haben. Um wie viel näher an der Realität war da doch etwa T. C. Boyle vor zehn Jahren in seinem Roman „Ein Freund der Erde“

Es ist zu befürchten, dass ihnen nicht bewusst ist, dass sie mit ihrer Geschichte in Klischees des Kalten Krieges zurückfallen, als nämlich die westliche Propaganda den Kampf um die Köpfe vielfach mit dem Argument führte, die Linken (egal ob Anarchisten, Kommunisten, Sozialisten) wollten „den Menschen“ alles wegnehmen und den „Steinzeitkommunismus“ einführen. Dabei wurde außerdem regelmäßig den Linken eine Macht zugeschrieben, die diese gesellschaftlich gar nicht hatten. Appelliert wurde nicht nur an die Angst vor dem Wohlstandsverlust, der bei einer gerechteren Verteilung der weltweiten Ressourcen tatsächlich unvermeidlich wäre. Es sollte auch die Idee, gesellschaftlicher Wohlstand ließe sich grundsätzlich auch außerhalb kapitalistischer Verhältnisse herstellen, denunziert werden.

Insbesondere Elsberg ist anzukreiden, dass er – ganz im Stil der Post-Al-Qaida-Diskurse – die Krisen und Probleme der hochindustrialisierten und -technisierten Gesellschaft auf eine kleine Gruppe von Störenfrieden („Terroristen“) projiziert. Das rettet uns alle vor der Mitverantwortung, obwohl wir im Grunde ganz genau wissen, dass die eigene Beteiligung am Massenkonsum viel mehr zur Krise beiträgt als einzelne Anschläge dagegen, und dass Wachstumsdynamik und Profitmaximierung die Kräfte sind, die unsere Gesellschaften tatsächlich zersetzen.

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