Heinz Lembke, 1981: „Werwolf” oder „Gladiator”?

Ich beschäftige mich in drei Teilen mit Heinz Lembke, den 1981 bei ihm entdeckten Waffendepots und dem möglichen Zusammenhang mit der geheimen Stay-Behind-Organisation der NATO-Staaten: Wer war Heinz Lembke? Was machte er in den 1970er Jahren in der Lüneburger Heide, wie und warum entstanden seine Depots? Was ist die Geschichte der Stay-Behind-Organisation (SBO) in der Bundesrepublik, und gibt es eine Verbindung zwischen Lembke und der SBO?

1981-Lembke-Tassen-WebBild: Cellesche Zeitung, 10.11.1981

Wie schon bei meinen früheren Untersuchungen zum Themenkomplex ist der folgende Text sehr umfangreich geworden. Er kann hier als PDF heruntergeladen werden: 2014 Heinz Lembke (Anm.: Den Text habe ich im Oktober 2014 noch einmal korrekturgelesen, aber inhaltlich nicht verändert, mit einer kleinen Ausnahme auf Seite 47: Peter Naumann wurde wegen der 1995 von ihm offenbarten Waffendepots verurteilt, wie nachzutragen war).

Kurze Zusammenfassung:

Lembke und die Depots
* Heinz Lembke war aktiver Neonazi, und es ist davon auszugehen, dass er die Depots tatsächlich selbst angelegt hat.
* Der Inhalt der Depots spricht eher dafür, dass das Material unsystematisch gesammelt wurde.
* Die uneinheitliche Zusammensetzung der Depots passt schlecht zu einem organisierten militärischen Kriegseinsatz für Kommandogruppen à la Stay Behind: Zu wenige Schusswaffen, falsche Munition, teils unvollständige und nicht einsatzfähige Kampfmittel, fehlende Bestandteile.
* Die Ereignisse im Herbst 1981 (Auffinden der Depots, Selbstmord von Lembke) lassen sich nur schlecht mit einem Stay-Behind-Zusammenhang vereinbaren.
* Es sind keine Indizien für einen Zusammenhang mit dem Oktoberfest-Attentat erkennbar.

Stay-Behind-Organisation
* Stay Behind ist ein militärisches Konzept, das die Westalliierten unmittelbar von der deutschen Wehrmacht und dem NS-Regime übernahmen und weiterentwickelten.
* Die Stay-Behind-Organisation spielte zu der Zeit, als die Depots vermutlich angelegt wurden (ab 1977), keine bedeutende militärische Rolle mehr in der NATO-Kriegsplanung.
* Lembkes Material könnte von Stay Behind stammen, aber wohl eher indem es gestohlen/abgezweigt wurde.

 

Einleitung und Inhaltsverzeichnis:

Durch den Spielfilm Der blinde Fleck ist das Thema Oktoberfest-Attentat 1980 wieder stärker in den öffentlichen Blickpunkt gerückt. Nicht zuletzt die lauter werdenden Zweifel, ob die rechtsradikale Wehrsportgruppe Hoffmann wirklich mit dem Münchener Bombenanschlag in Verbindung zu bringen ist, lenken das Interesse auf eine zweite Hypothese, nämlich einen möglichen geheimdienstlichen Hintergrund des Anschlags, mutmaßlich in Person von Angehörigen des Stay-Behind-Netzwerks. Doch dabei ist Vorsicht geboten, allzu schnell kann ein öffentlicher Mythos durch einen anderen ersetzt werden.

Wenn vom Oktoberfest-Attentat in Verbindung mit der Stay-Behind-Organisation die Rede ist, taucht üblicherweise sofort der Name Heinz Lembke auf. Die 1981 entdeckten Waffendepots von Lembke sind in dieser Angelegenheit das nahezu einzige Indiz, bei dem nicht allein über Meinungen und Spekulationen zu diskutieren ist, sondern zumindest ein paar Tatsachen die Debatte bereichern können. Um so bedauerlicher ist, dass die Veröffentlichungen zum Thema seit dreißig Jahren einen immer gleichen Kanon von Stereotypen und Mutmaßungen wiederholen. KennerInnen der Materie können die Beiträge inzwischen fast mitsprechen, deren Informationsgehalt nahezu nie über die knappe und teilweise falsche Darstellung bei wikipedia hinausgeht. Aktuelle Beispiele dafür sind eine TV-Dokumentation von Ulrich Stoll im ZDF vom 25.03.2014 und ein völlig verunglücktes »Streitgespräch« zwischen dem Schweizer Publizisten Daniele Ganser und dem Rechtsradikalen Karl-Heinz Hoffmann in dem rechtsintellektuellen Online-Magazin Compact vom 20.02.2014.

Im günstigsten Fall reiten dabei die Ritter der Aufklärung mit quergelegter Lanze zum Tjost. Mit anderen Worten: Mangels eindeutiger Indizien wird durch die Vermischung von Fakten, Behauptungen, Spekulationen und Fehldeutungen ein allgemeiner Verdacht in den Raum gestellt, der hoffentlich irgendwie sein Ziel trifft bevor er durch Gegenargumente aus dem Sattel gehoben wird. Und wer gar nicht mehr weiter weiß, zieht den Joker und raunt von »bestens vernetzten« Neonazis. Das ist gut gemeint, aber deswegen noch lange nicht gut, sondern Grund genug, das Thema etwas gründlicher zu behandeln. Ich habe mich schon früher zu dem Fall Lembke geäußert, im März 2013 (Gladio / Stay Behind – wieviel Verschwörung ist dabei) und in meiner längeren Untersuchung im Januar 2014 (Oktoberfest-Attentat 1980 – Eine Revision). Meine dortige Darstellung bedarf keiner inhaltlichen Korrektur, auch wenn einige Details zu verbessern und vor allem viele Einzelheiten nachzutragen sind. Daher nun also Vorhang auf für die Geschichte aus dem Oechtringer Forst, soweit sie sich nachzeichnen lässt. Ich beschäftige mich zuerst mit den Geschehnissen, wie sie ohne Berücksichtigung der SBO-Hypothese zu beschreiben sind, und versuche im Anschluss daran zu beurteilen, ob und wenn ja welche Rolle die SBO dabei gespielt haben könnte.

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Teil 1: Heinz Lembke – Neonazi, „Werwolf”?
1.1 Heinz Lembkes Lebensweg
Lembke beim BVJ
Ankunft in Oechtringen: Lüneburger Heide, NPD und BHJ
Die 1970er Jahre und die Liebe zum Militärischen
Heimattreue Jugend (BHJ) ab 1974
1.2 Die 70er Jahre: Von der Radikalisierung zu den Depots
Die Quelle beginnt zu sprudeln: Munitions-Delaborierungswerk Dragahn
Öffentliche Aktivitäten Mitte der 1970er
Die Technische Notgemeinschaft
Radikalisierung am rechten Rand
Naumanns Arbeitsproben: Die Anschläge 1978/79
Das Depotsystem in seiner endgültigen Form
Verzeichnis der Inhalte der Depots
Versuch einer Bewertung der gelagerten Materialien
Die Deutschen Aktionsgruppen treffen Lembke
1.3 Herbst 1981: Der Untergang
Der Selbstmord
Die weiteren Ermittlungen
Einstellung des Verfahrens 1982/83
Verbindung zum Oktoberfestattentat in München 1980?
Was für ein Mensch war Heinz Lembke?
Ein Epilog: Peter Naumann und Heinrich Becker
Lembke als Werwolf
Teil 2: Die Stay-Behind-Organisation
2.1 Die Gründung der Stay-Behind-Organisation
Gansers Forschungsarbeit 2001
Verwirrung um die Struktur: NATO, Einzelstaaten, Geheimdienste…?
2.2 Die SBO – eine Fortführung des Nazi-Werwolfs
Wer hat’s erfunden? Die deutsche Wehrmacht!
Guerilla-Träume von Gehlen & Co.
Der Technische Dienst läuft aus dem Ruder (1952)
2.3 Die »Strategie der Spannung« in Italien 1969-1974
Der rechte Terror der Nuclei Armati Rivoluzionari
Strage di Bologna: Der Anschlag 1980
2.4 Der Kalte Krieg und die Strategie des Westens
Die NATO in der Vorwärtsverteidigung
Die 1970er Jahre: Rückbauen oder Abtauchen?
Was wussten MfS und KGB über Stay Behind?
Teil 3: Heinz Lembke – Depotverwalter, „Gladiator”?
3.1 Lembkes Profil als Stay-Behind-Agent: Unstimmigkeiten
Hat der BND mal wieder geschlafen?
Keine Hinweise in MfS-Akten
»Guter Leumund« von Neonazi-Kameraden
3.2 Lembkes Depots: Unstimmigkeiten
Die SBO-Depots in Deutschland
Die Gladio-Depots in Italien
Eine Einschätzung von Lembkes Depots aus Österreich
Zeitliche Anlage der Depots und MfS-Funkortung
3.3 Zusammenfassung der Argumente
Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft
Die andere Hypothese
Eher Werwolf als Gladiator…
Quellen

werwolf

6 Gedanken zu “Heinz Lembke, 1981: „Werwolf” oder „Gladiator”?

  1. * Naumann tauchte Mitte letzten Jahrzehntes im Umfels ehemaliger SSS-Mitglieder auf( hat für diesen NPD-Angeordneten gearbeitet, der versuchte einen Revolver in den Landtag mitzubringen ). Bei den SSS in Sachsen gab es 2000 einen Waffenfund, zunächst wurde bekannt gegeben es handele sich um 2kg TNT, Schusswaffen und Munition. Ein paar Stunden später waren es dann eingestaubte 400g TNT, abgepackt in ungefährlich kleine Mengen(?), aus den Schusswaffen waren alte Rohre geworden, Munition gab es nicht.
    Das Trio hatte sein TNT zwar aus Sachsen, aber zu so einer Transmutation kam es zwei Jahre zuvor in Thüringen nicht. Die Folgen sind bekannt, das Trio musste abtauchen( nach Sachsen ), war aber so wenig auffindbar wie das TNT identifizierbar war. Was aber auch in diesem Fall dazu führte das die Sache nicht vor Gericht kam.
    Rennicke und Schönborn tauchen beiden in der Peripherie dieser NSU-Geschichte auf. Rennicke trat bei der Veranstaltung im Gasthof „Zur Bergbahn“ in Oberweißbach auf und wohnte bis kurz davor im Landkreis Böblingen. Aus Oberweißbach kam die ermordete Polizistin Michéle Kiesewetter, ihren Dienst hatte sie bei der BFE523 in Böblingen angetreten.
    Und die Leiche von Thomas R, des V-Mannes Corelli, wurde in einer Kleinstadt nahe Detmold gefunden, wo Schönborn wohnt. Und wo er Anfang der 90er sein NF-Hauptquartier hatte, wo damals auch R wohnte( steht in dem Buch „Blut und Ehre“, S.197 ). Nun ist Schönborn Anführer der „Neuen Ordnung“. Das Mitglied Jan G ist mit Maik E zusammen in der „Bewegung Neues Deutschland“( ehemals „Bewegung Neuer Ordung“ ), und bei dessen Zwillingsbruder André E wurde seine Telefonnummer gefunden.

    * Wie genau konnte die Menge des beim Oktoberfest verwendeten mutmasslichen TNT’s geschätzt werden ? Sie hatten an einer Stelle geschrieben, 1390 Gramm TNT würden relativ genau passen( „Oktoberfest-Attentat 1980 Eine Revision“ , S.91 ), an einer anderen ist von rund einem Kilo die Rede( S.94 ). Falls mehr TNT verwendet worden sein soll als nach Abzug der Schiessbaumwolle an Volumen zur Verfügung standen, dann müsste ein dementsprechend stärkerer Sprengstoff verwendet worden sein.

    * Zur Identifizierbarkeit von TNT, da ist vielleicht dieser Lesekommentar ganz interessant :
    http://blog.zeit.de/nsu-prozess-blog/2014/04/15/106-prozesstag-sprengstofffund-und-verfassungsschuetzer-t/#comments
    ( ich habe wie gesagt keine Ahnung von sowas )

    • 1) Was die Ortsüberschneidungen angeht, wäre ich vorsichtig, daraus Spekulationen abzuleiten:

      Rennicke taucht überall auf wo Neonazis sind; und er zog in dem Jahr aus Ehningen (bei Böblingen) fort, in dem Michèle Kiesewetter dort ihren Polizeidienst antrat (2005).

      Schönborn wohnt seit über 10 Jahren nicht mehr in Detmold, allerdings auch weiterhin in der Nähe (Herzebrock-Clarholz). Als Fundort von Richter/Corelli kursieren in den Medien verschiedene Angaben, am aktuellsten ist die Angabe des Paderborner Ortsteils Schloß Neuhaus, vorher war auch die Rede von einer Wohnung in oder nahe bei Schloß Holte-Stukenbrock, manchmal auch „Nähe Bielefeld“ (was dazu passt) oder im „Kreis Paderborn„. Die relative örtliche Nähe der verschiedenen Orte in einer dicht besiedelten Gegend beweist aber nichts, zumal die Ortswahl ja auch unter der Aufsicht des BKA stand.

      Dass aktive Neonazis über die Jahre in den gleichen Gruppen tätig sind und sich begegnen, ist auch alles andere als verwunderlich. Solche Querverbindungen lassen sich zuhauf finden für jede mögliche Kombination von Namen, würde ich behaupten.

      2) Die Menge des TNT in der Münchener Bombe 1980 wurde vom bayerischen LKA geschätzt aufgrund dessen eigener Versuchsanordnung zur Rekonstruktion der Bombe. Da die genaue Bauweise der Bombe aber nur vermutet wurde und auch die Art der Befüllung (z. B.: eingegossenes TNT oder lose eingefüllt?) nicht bekannt ist, handelt es sich um eine Mutmaßung. Es wurde die nachgebastelte Bombe mit TNT ausgegossen, und das ergab 1390 Gramm. Die Sprengung mit dieser Menge zeigte ein sehr ähnliches Splitterbild wie beim Anschlag, eine Vergleichssprengung mit 710 Gramm TNT ergab ein deutlich anderes Splitterbild; es wurden aber nur diese zwei Sprengungen durchgeführt. Die Angabe „rund 1 – 1,5 kg brisanter Sprengstoff“ stimmt demnach ziemlich sicher, während grammgenaue Massenangaben spekulativ sind.

      3) Sprengstoffexperte bin ich nun auch nicht, aber zumindest kann ich sagen: Die in dem verlinkten Kommentar des ZEIT-NSU-Medien-Blogs erwähnten Analysemethoden sind im Fall NSU mglw. bedeutsam, aber für die Zeit 1980/81 kaum relevant:

      Der „Taggant„-Test wurde erst 1991 eingeführt.

      Die Untersuchung auf STV (sprengstofftypische Verbindungen) betrifft nicht detonierte Sprengstoffe (solche Rückstände bleiben auch nach einer Detonation in Form von Staub) und erlaubt deren allgemeine Identifizierung. Sie begann in Westdeutschland erst in den 1980er Jahren, war also 1980/81 mit Sicherheit noch sehr exotisch, wenn überhaupt vorhanden. Derartige Untersuchungen wurden im Fall Lembke 1981 sicher nicht durchgeführt, zumal das Material ja bereits identifiziert war als TNT und PETN. In München 1980 dürfte es keine verwertbaren Rückstände gegeben haben, dafür hätte wohl der Asphalt großflächig abgetragen und gesiebt werden müssen und es wäre vermutlich trotzdem zu wenig aussagekräftiges Material übriggeblieben selbst für Analysen nach heutigem Standard.

      Mit dem „Fingerprint“ von TNT und drgl. ist wohl eine chemische Analysemethode auf Molekül-Ebene gemeint, auch dies technisch ziemlich neu und erst in den letzten 10 Jahren ernsthaft verwendet.

      Ob all das in Sachen Jenaer Garage 1998 einen großen Erkenntniswert gehabt hätte, weiß ich nicht, aber für die Vorfälle von 1980/81 spielt es sicher keine Rolle.

      • […]
        2) Dann kann man aus den Mengenangaben nicht auf den verwendeten Sprengstoff schliessen. Falls man vermutet hat das der beim Oktoberfest-Anschlag verwendete aus Dragahn stammt, wo der ja en masse für Selbstabholer bereitgestellt wird, dann hätte man damit doch einen Grund etwas zu vertuschen. Das könnte sonst ja Nachahmer motivieren…
        3) Die Asservate vom Oktoberfest-Anschlag sollen ’97 oder ’98 vernichtet worden sein, darunter Splitter der Bombe [3]. Das die Bombe keine verwertbaren Rückstände hinterlassen haben soll leuchtet mir auf Anhieb nicht ein, aber ich kenne mich wie gesagt mit sowas nicht aus. Der Taggant-Test wurde jedenfalls eingeführt bevor die Asservate vernichtet wurden. Wissen sie wann das Material aus Lembkes Lagern dem anheim fiel ?
        [3] http://www.sueddeutsche.de/muenchen/oktoberfest-attentat-die-asservatenkammer-ist-leer-1.465382

        Anmerkung von TLC: Bei der Münchener Bombe ist in der Tat weder die exakte Masse des Sprengstoffs noch dessen genaue Zusammensetzung bekannt, die Näherungswerte dürften aber nicht allzuweit von der Realität entfernt sein. Die Sprengwirkung entsprach übrigens auch ungefähr derjenigen, die die verwendete Mörsergranate mit Originalfüllung gehabt hätte. Ob irgendjemand vermutet hat, dass Sprengstoff aus Dragahn verwendet wurde, weiß ich nicht. Quellen für TNT und ähnliche Sprengstoffe gab/gibt es ja nun diverse für diejenigen, die das Zeug wirklich wollen. Dass Sprengstoff in Dragahn „en masse für Selbstabholer bereitgestellt“ worden sei, halte ich für reichlich übertrieben und nicht zu belegen. Schon die Tatsache, dass es überhaupt möglich war, dort etwas abzuzweigen, dürfte Anlass zur Vertuschung gewesen sein.
        Die Münchener Bombe hat massenhaft Splitter hinterlassen, aber offenbar keine verwertbaren Reste an nicht explodiertem Sprengstoff, und davon war ja die Rede bei den „verwertbaren Rückständen“, die chemisch zu analysieren wären. Der Taggant-Test setzt voraus, dass schon bei der Produktion des Sprengstoffs Markierungsteile beigemischt werden, insofern fällt er für 1980/81 leider aus.
        Ich würde mal davon ausgehen, dass das bei Lembke gefundene Material entsprechend den Vorschriften zum Umgang mit gefährlichen Asservaten ziemlich bald vernichtet wurde.

      • […]
        Der DNA-Fingerprint soll in Deutschland schon ’88 vor Gericht anerkannt worden sein( wiki ). Man hätte also zehn Jahre die Gelegenheit gehabt die Asservate vom Oktoberfest-Anschlag, also die Hand-Fragmente und die Kippen, dahingehend zu untersuchen. Hat man nicht. In Sachen Sprengstoff-Untersuchungen wird sich da bestimmt auch etwas getan haben, ich rate mal das wird da ähnlich aussehen…

        Anmerkung TLC: D’accord, das hat ja auch Ulrich Chaussy mehrfach kritisiert. Die Bundesanwaltschaft hat sich stets auf den Standpunkt zurückgezogen, der Fall sei doch aufgeklärt, daher seien keine neuen Untersuchungen nötig (damit wurde ja auch die Vernichtung der Asservate begründet). Daher gab es bei der Behörde kein „Schuldbewusstsein“ in dieser Sache. Das hat sich ja offenbar erst in allerjüngster Vergangenheit geändert.
        Im übrigen ist das Thema DNA-Beweis, soweit ich es beurteilen kann, sehr kompliziert und anhand der Wikipedia-Bemerkung „1988 erstmals anerkannt“ nicht wirklich sinnvoll diskutierbar. In Sachen RAF war das BKA zwar durchaus in der Lage, auch zwanzig Jahre später noch DNA-Untersuchungen durchzuführen und hat mit einigem Wirbel per Sonderkommission umfangreich nachermittelt. Doch obwohl in dieser Sache kein Zweifel an einem ernsthaften Verfolgungsinteresse der Behörden bestehen kann, kam soweit bekannt kaum etwas dabei heraus.

  2. Sie erwähnen die Waffenübergabe von Peter Naumann ’95. Laut einigen Berichten soll Meinolf Schönborn dabei zugegen gewesen sein [1], und auch Frank Rennicke gesellt sich in einem Bericht mal dazu [2]. Wissen sie ob das zutrifft ?
    Zu den Waffenfunden, die Doppelflinten 05) können keine Pumpguns gewesen sein, das sind diese klassischen a la Mad Max.
    Zu 17), dem Sprengstoff, wissen sie im Detail was da an Untersuchungen gemacht wurde ? Und wissen sie das bezüglich der Oktoberfest-Bombe ? Sie schreiben ja das man bei der nicht genau weiss ob es sich bei der um TNT handelte. Und von Lembkes TNT konten 10kg nicht zugeordnet werden. Man konnte das also nicht vergleichen, und hätte man es gekonnt, dann hätte das Ergebnis zu früh festgestanden…
    Sie schreiben die knapp 100kg PETN stammten wahrscheinlich aus Bundeswehrbeständen, inwieweit wurden die untersucht ? Handelt es sich komplett um Semtex, das ist ja nicht dasselbe, PETN ist ein Bestandteil von Semtex.
    Ich frage das weil mir da eine Richtigstellung des BKA bezüglich des TNT’s des Trios in den Sinn kommt [3], sowas hört sich ganz vernünftig an, aber letztendlich steht da bloss das festgestellt wurde das es sich um TNT handelt, dann kommt auch nichts mehr.
    Entsprachen die Untersuchungen der Oktoberfestbombe und Lembkes Sprengstoff dem damaligen Stand der Dinge ? Wenn sie dazu näheres wissen, es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn sich das mal jemand ansieht der Ahnung davon hat (nicht ich).

    [1] http://www.hiergeblieben.de/pages/textanzeige.php?limit=50&order=quelle&richtung=ASC&z=9&id=2398
    [2] https://www.antifainfoblatt.de/artikel/frank-rennicke-%E2%80%93-vom-%C2%BBs%C3%A4nger-f%C3%BCr-deutschland%C2%AB-zum-bundespr%C3%A4sidenten-kandidat
    [3] http://www.thueringen.de/th3/polizei/lka/presse/aktuell/pm/66821/

    • Ich glaube, unsere Quellen sind weitgehend dieselben.
      * Dass bei Naumanns Depot-Übergabe im August 1995 Schönborn und Rennicke dabei waren, bezeugen einige Quellen aus dem Antifa-Bereich, z. B. Alhambra. Schönborn gab auch eine eigene Stellungnahme dazu ab (vgl. Bildungswerk Anna Seghers). Da das ganze vom ARD-Magazin „Panorama“ begleitet wurde, wäre für eine endgültige Verifikation dort nachzufragen. Ohne es damals selbst gesehen zu haben, halte ich die Beteiligung der Neonazi-Größen aber für hinreichend belegt und auch im Sinne der Sache (denn es ging ja auch um einen Propaganda-Coup und Naumann wollte sich zudem gegen Verrats-Vorwürfe absichern).

      * Der Einwand zu den Flinten ist berechtigt. Wenn die Bezeichnung „Doppelflinten“ exakt ist, können es eigentlich keine Pumpguns (= Vorderschaftrepetierflinten, nur ein Lauf) gewesen sein. Würde auch besser zu den relativ vielen Jagdwaffen passen.

      * Genaueres zu den Untersuchungen des Sprengstoffs weiß ich nicht. Zum Oktoberfestattentat ist mein aktueller Wissensstand, dass TNT als Sprengstoff nur vermutet, aber nicht bewiesen wurde. Der Journalist v. Heymann sagte kürzlich, es gebe ein Gutachten, wonach es gerade kein TNT gewesen sei (was ich aber nicht unbesehen glauben würde, angesichts der zahlreichen Ungenauigkeiten bei Heymanns Recherche).

      * Was das PETN angeht, so wird nirgends geschrieben, dass es sich um Semtex handelte. Ich habe das nur als vergleichenden Hinweis geschrieben, weil der Name bekannter ist als Nitropenta.
      Das PETN aus Lembkes Depots wurde vom Bundesinstitut für Chemisch-Technische Untersuchungen (BICT) untersucht (nähere Infos zum BICT hier, hier und hier). Das BICT ordnete das PETN trotz fehlender Losnummern dem Delaborierungswerk Dragahn zu, vermutlich aufgrund chemischer Vergleiche zwischen dem PETN aus Lembkes Depots und den 1981/82 in Dragahn noch vorhandenen 271 PETN-Sprengkörpern.

      Alle mir bisher bekannten Angaben zu TNT bei Lembke oder – vermutlich – in München sind so ungenau, dass sich daraus nichts ableiten lässt, und ich bezweifle, dass sich das noch groß ändern wird, da ja das TNT von Lembke vernichtet ist und soweit bekannt ohnehin keine Losnummern mehr hatte. TNT ist halt längst nicht so eindeutig identifizierbar wie ein Fingerabruck, eine DNA-Spur oder eine Seriennummer. Gutachten mit Einzelheiten gibt es nur bei Akteneinsicht, nicht in zusammenfassenden Berichten. Hoffen wir, dass in näherer Zukunft noch nähere Details zumindest in Sachen München 1980 ans Licht kommen durch die Akteneinsicht von Anwalt Dietrich oder andere Recherchen. Aber das sich dabei irgendwelche Querverweise ergeben, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich aus oben genannten Gründen.