Der längste 1.Mai-Nachbereitungs-Text aller Zeiten

incl. häufig gestellter Fragen (FAQ) und historischer 1.Mai-Hitliste

1.Kapitel – Der revolutionäre 1.Mai 2000 in Berlin

In einem Jahr mit dreizehn Monden… dreizehn Mal zog nun die revolutionäre 1.Mai-Demo durch Berlin, und wie der Tagesspiegel einmal so richtig bemerkte, gibt es im Frühjahr drei Dinge, auf die Verlaß ist: Ostern folgt auf den ersten Frühlingsvollmond, am 1.Mai gibt es abends Randale und am 2.Mai verkündet der Innensenator, daß das Polizeikonzept ein voller Erfolg und die Schäden niedriger als im Vor­jahr waren. Auch den Inhalt des Nachberei­tungstextes der Antifaschistschen Aktion Berlin (AAB) und/oder der kommunistischen Auto­nomen möchte ich hier kurz verraten: Der 1.Mai war ein großer Sieg, die Bullen haben den Krawall provoziert, nächstes Jahr wird alles noch besser.
War sonst noch was?
Ach ja: Medien und Parteien zeigten sich er­schreckt über den hohen Anteil jugendlicher Ran­da­lierer ohne politischen Hintergrund…
All dies nachzulesen in bürgerlichen wie links­radikalen Medien jedes Jahr seit 1988 in den Tagen nach dem 1.Mai.

Nach dem Zusammenbruch des „real-existier­enden-Sozialismus“ hatte der us-amerikanische Yuppie-Philosoph Fukuyama das „Ende der Geschichte“ verkündet. Im großen und ganzen lag er damit völlig falsch, es sei denn, er kannte den Berliner 1.Mai und hielt ihn für den Dreh- und Angelpunkt der Menschheitsgeschichte. Im „Dreißig-Plus“-Block der Alten auf der 1.Mai-Demo 2000 wurde bestimmt mehr als einmal darüber sinniert, was denn die diversen Mai-Ereignisse der 90er Jahre voneinander unterscheidet… und wann war noch mal diese Mai-Demo, bei der die Schlägerei mit den Maoisten war?… und wann gab es überhaupt keine revolutionäre Mai-Demo in den 90ern?…
Ich habe mir neben den folgenden Über­legungen die Mühe gemacht, eine Chronologie zum 1.Mai seit 1987 zusammenzustellen. Ohne Anspruch auf Objektivität und Vollständigkeit, aber mit dem Anspruch auf konstruktiv-kritische Sichtweise. Checkt sie aus, Brüder und Schwestern, damit ihr wißt, welche Zeit es ist…

Viele ältere Linksradikale haben sich über die Jahre vom „Event“ Mai-Demo verabschiedet; manche, indem sie statt aktiver Teilnahme nur noch am Rande mitlaufen, andere, indem sie statt am Rande mitzulaufen nur noch vom Fenster aus zuschauen oder nicht mal mehr das. Ihr Fehlen macht sich zahlenmäßig auf der Demo nicht bemerkbar, was wohl bedeutet, daß es doch nicht so viele „ältere Linksradikale“ gibt oder daß die Lücke durch andere Leute aufgefüllt wurde.

Ich finde den revolutionären 1.Mai weiterhin richtig und wichtig als „Kampftag“ der radi­kalen Linken, und ich würde mir wünschen, daß diejenigen, die das „sinnentleerte Ritual“ beklagen, ihren Teil zur Verbesserung bei­tra­gen. Ich habe keineswegs die Hoffnung, die­ser Text werde gelesen von denen, die betrun­ken auf der Demo mitstolpern, aus der zwanzigsten Reihe Flaschen werfen und abends von den Bullen verprügelt und verhaftet werden. Und auch die vielen, die jedes Jahr gemütlich mit­spa­zieren und sich keine weiteren Gedanken über Sinn und Inhalt der Demo machen, gehören wohl nicht zu den paar hundert aufmerksamen Interim-LeserInnen in Berlin.

Die Kritik von links am „Ritual 1.Mai“ verstehe ich vor allem als Frustration über das Miß­verhältnis zwischen (Medien-)Hype rund um den Tag und realem politischen Ausdruck und Wirken. Aber das liegt an allen Beteiligten, auch an denen, die die Beine hochlegen und schlau kritisieren. Hinter der Resignation vermute ich auch das Ohnmachtsgefühl von Vereinzelung und zerfallen(d)en Gruppenstrukturen, wo­durch Menschen dem Massenauflauf des revo­lutionären 1.Mai plötzlich scheinbar hilflos gegen­überstehen. Das negative am Ritual ist doch, daß da etwas ohne Nachdenken und ohne Kreativität wiederholt wird. Ein kreativ von vielen gestalteter revolutionärer 1.Mai wäre natürlich viel besser als „nur“ die jährliche Abstimmung mit den Füßen gegen „das System“. Leider haben die vielen, die das „Ritual 1.Mai“ aus linker Sicht kritisieren, bisher wenig dagegen unternommen (mich selbst eingeschlossen). Wo sind auf der Demo die einfallsreichen Transparente und Parolen jenseits von Hoch-die-nieder-mit? Wo sind die anderen möglichen Aktionsformen: Gesänge, Tanz, Musik, Verkleidungen, Straßentheater, Aktionen an der Demoroute wie Besetzungen, Beschallungen…? Die vielgescholtene AAB hat sich da bisher noch als eine der ideereicheren Gruppen erwiesen, auch was denUmgang mit Außenstehenden (v.a. Medien) angeht. Ansons­ten treten vor allem die unvermeid­lichen Split­ter­gruppen mit ihren schon immer todlang­weiligen Pamphleten auf den Plan.

Ich rufe darum schon mal vorsorglich auf zu einer Walpurgis-Transparent-Mal-Aktion 2001! Wenn ein paar Leute sich die Mühe machen, vorher Stoff, Farbe und Stangen zu besorgen, könnten an geeigneter Stelle – im Mehringhof, oder auch auf einem öffentlichen Platz – am Vorabend des 1.Mai 2001 massen­haft schöne Transparente gemacht werden, und bei so einem Zusammenkommen fällt den Leu­ten vielleicht auch noch mehr ein…

Bei den militanten Auseinandersetzungen ist es auch nicht besser: Flaschen und Steine gegen gepanzerte Fahrzeuge, überwiegend spontane Aktionen – denn es gibt nur noch wenige, die sich die Mühe machen, Krähenfüße, Farbbeutel, Mollis, irgendwelche pfiffigen Fallen oder auch Störsender gegen Bullenfunk vorbzubereiten.
Diese formalen Möglichkeiten widerlegen natürlich nicht den Vorwurf, der 1.Mai als ein symbolischer Tag im Jahr werde viel zu wichtig genommen, es komme viel mehr auf die anderen 364 Tage an. Stimmt! Trotzdem sehe ich im 1.Mai potentiell mehr „Tradition“ als „Ritual“, und deshalb gehe ich auch weiter hin.

Beunruhigend finde ich, daß Vor- und Nachbereitung des revolutionären 1.Mai auch ritualisieren. Gab es früher vorher wie nachher lebhafte Diskussionen zwischen verschiedenen politischen Strömungen (leider oft auch sehr ätzend und destruktiv), so ist es in den letzten drei Jahren recht still geworden. Es wirkt, als habe sich eine Mischmenge aus v.a. AAB und kommunistischen Autonomen gebildet, die quasi automatisch für die Demo zuständig sind. Alles, was schlecht ist, wird ihnen von außen vorgeworfen; für alles, was gut läuft, klopfen sie sich selbst auf die Schulter. Andere beteiligte Gruppen treten kaum in Erscheinung. Das finde ich umso bedenklicher, als auch die Ge­genseite – Innensenat und Bullen – sich auf die­ses Spektrum einschießt und versuchen könnte, durch Angriffe auf die Vorbereitung der Demo diese weiter auszuhebeln. Ein Ver­bot der AAB steht vielleicht aktuell nicht an, auch wenn es vorstellbar ist, aber es gibt ja auch davor re­pressive Möglichkeiten, um Grup­pen zu spreng­en oder wenigstens zu lähmen. Ange­kündigt wurde von den Bullen bereits, im näch­sten Jahr „verantwortliche“ Leu­te vor Ort an­hand von Fotos zu identifi­zie­ren und direkt ein­zuschüchtern. Vielleicht sollte es nächstes Jahr mal wieder mit einer breiteren und öffent­licheren Vorbereitung versucht werden…!?

Die schon immer gemachten Drohungen von Demo-Verboten sind in den letzten drei Jahren realer geworden. Zum 1.Mai 2000 wurden Auflagen gerichtlich durchgesetzt, die in früheren Jahren nicht durchgekommen waren und die deutlich gegen die Demo an sich gerichtet waren. Denn was ein tumber Verwaltungsrichter nicht weiß, die Bullen aber sehr wohl, ist, daß Seitentransparente und die Dicke von Transparentstangen mit der Militanz einer Demo herzlich wenig zu tun haben. Die Zukunft der revolutionären 1.Mai-Demo könnte durchaus eine weitere Verschärfung der Auflagen oder ein Verbot sein, wobei der Innensenat sicher dabei auch abwägen wird, wieviel zusätzliche Randale er sich dadurch möglicherweise einhandelt.

Die Begleitumstände des 1.Mai 2001 lassen sich natürlich jetzt noch nicht absehen, z.B. die Frage einer Nazi-Mobilisierung. Grundsätzlich fände ich es sinnvoll, zu überlegen, ob es nicht geht, die Dreieinigkeit Fest-Demo-Randale weiter zu entzerren. Die Feste blieben in den letzten Jahren vor allem deshalb verschont, weil die Randale sich an der Demo entzündete. Das gefährdet aber wiederum die Demo. Ich fände es toll, wenn es möglich wäre, daß Leute friedlich aufs Fest gehen können, ohne dort abends mit Kind und Kegel von den Bullen ab­geräumt zu werden, weil an der Ecke ein paar Leute loslegen (wie 1997 am Mariannenplatz); wenn eine große Demo geschlossen und aus­­­drucksstark durch den Kiez und am besten ins Regierungsviertel zöge; und wenn schließlich am Abend dort, wo es möglich und verant­wortbar ist, die Lage eskaliert. Wenn es knallt, sollten alle, die nicht dabeisein wollen, die Chance haben, rechtzeitig zu gehen. Wenn dann zu wenige Menschen übrigbleiben, kann es eben nicht knallen – Militanz, die sich ab­hängig vom „Massenrückhalt“ durch Besoffene und Schaulustige macht, ist doch eine Farce.

Eine Farce war auch das Ende der 1.Mai-Demo 2000. Es gab mit Sicherheit bei den Bullen auch welche, die draufhauen wollten, gerade ange­sichts der Hetze in den Vortagen. Andererseits hatten die Bullen vorher zweimal „deeskaliert“, nämlich bei den Auseinandersetzungen Wiener Str./Ohlauer Str. und Ohlauer Brücke Ecke Bürknerstr.; in beiden Fällen zogen sie sich in zugespitzten Situationen zurück, wo sie ebenso­gut die ganze Demo hätten angreifen und letzt­lich aufmischen können – trotz der ent­schlossenen Gegenwehr -, Verstärkung und Wasserwerfer waren schon da. Wie schnell so eine Demo kaputt zu machen ist, haben wir letztes Jahr am Kottbusser Damm erlebt, wo eine ziemlich kleine Bullentruppe sich zwei­hundert Meter weit durch die Demo prügelte, oder auch am 1.Mai 1993, als die Bullen die Demo in Mitte am Mühlendamm sprengten.

Auf unserer Seite war viel Entschlossenheit und Wut zu spüren, nicht zuletzt wegen der Innenpolitik der Vortage: die unverhohlene An­­kündigung, die Demo anzugreifen, ver­bun­den mit den Auflagen und verbaler Zünde­lei von Werthebach und Saberschinsky (ver­mut­lich mit dem Ziel, durch das vorherige Hoch­kochen hinterher behaupten zu können, nur durch ihre kluge Taktik sei alles glimpflich ab­gelaufen); dazu die nazifreundliche Demo­poli­tik von Innenbehörde und Verwal­tungs­richtern… daß es spätestens nach der Demo im Kiez knallen würde, war klar wie nur was.

Wie es dann aber anfing, war, so glaube ich, ein reines Mißverständnis. Die Demo-Spitze um­rundete einmal den Oranienplatz, um Platz für die Nachkommenden zu schaffen, und rannte einfach so – ohne verfolgt zu werden, just for fun – zurück zum Anfang des Platzes. Das Bullenspalier rannte einfach nebenher. Aus Richtung Moritzplatz rückten weitere Bullen nach, vielleicht als Verstärkung, vielleicht, weil sie wirklich jemanden festnehmen wollten, aber weitab vom Geschehen (Das ominöse Funk-Protokoll, das die taz abdruckte, beweist gar nichts und wurde von den Bullen recht über­zeugend erklärt). Die Leute, die aus der Ora­nien­straße auf den Platz kamen, sahen die ent­gegenkommenden Leute und die daneben ren­nenden Bullen und glaubten wohl irrtümlich, einen Bullenangriff zu sehen, woraufhin sie die Bullen mit allem eindeckten, was sie gerade zur Hand hatten. Die Demo-Spitze mußte vor dem Bombardement panisch in Deckung gehen. Erst nach dieser Initialzündung kamen weitere Bullen über Erkelenzdamm und Leuschner­damm (also von Süden und Norden) auf den Platz gestürmt, und vom Moritzplatz her be­gann der Angriff der Wasserwerfer. Die Bullen waren sehr schnell sehr massiv vor Ort, viel­leicht dachten sie, sie könnten alles gleich am Platz im Keim ersticken. Auf jeden Fall waren sie nicht überrascht. Aber es ist falsch, zu be­haupten, sie hätten den Krawall angezettelt. Dafür haben sie danach umso brutaler zuge­langt, uniformiert und zivil.

Noch etwas zur Demo konkret. Soweit ich’s mit­­bekommen habe, waren die Durchsagen aus dem Lautsprecherwagen diesmal besser, ver­ständ­licher und situationsangemessener als 1999. Die nervtötende (tschuldigung, ich meine: avantgardistisch-moderne) Musik von Atari Teenage Riot, der Sound zum Krawall, der 1999 mehr ein Sound zum Massaker war, blieb uns erspart. Nicht erspart blieben uns lei­der die hohlen Sprüche eines kommunistischen Autonomen, in Erinnerung ist mir zum Beispiel das pathetische Hochlügen der Zahl der Demo­teilnehmerInnen und der proletarisch daher­kommende Aufruf an die prügelnden Bullen, sozusagen ihren Klassenstandpunkt zu erken­nen und sich „nicht verheizen zu lassen“ von ihren Vorgesetzten. Wenn die Lage so eskaliert ist wie abends am Oranienplatz, wäre es wohl angemessener, der Lautsprecherwagen gibt Informationen und Aufrufe an die Teilnehmer­Innen der Demo durch als hilflose Appelle an die Bullen!

Fazit: Der 1.Mai 2000 war in meinen Augen insoweit ein Erfolg, als das Abschreckungs- und Aufmischungskonzept der Staatssicher­heitsorgane (wieder mal) nicht aufgegangen ist und die ritualhafte Zahl von 15.000 Menschen, die von links gegen das herrschende System auf die Straße zu bringen sind, weiterhin aktuell ist. Ein Erfolg war meiner Meinung nach auch, daß die symbolische Bedrohung des Regierungs­viertels offenbar sehr ernst genommen wurde – vermutlich von der Gegenseite ernster als von uns. Während des ganzen Tages waren die Bullen massiv in Mitte präsent, abends hatte sie starke Sperrkräfte zwischen Kreuzberg und Mitte stehen. Hatte da wohl ein Innensenator Angst um seinen Job?
Der Zusammenhang zum „global action day“ hingegen fand leider nur wenig Beachtung – woran lag das?

In Sachen Antifa-Mobilisierung sah es weniger gut aus. Die letzte erfolgreiche 1.Mai-Demo der Nazis war am 1.Mai 1996 in Marzahn, aber die war viel kleiner und hatte längst nicht so einen langen bekannten Vorlauf und bundesweite Be­deutung wie die Versuche der Jahre danach. Für die Nazis war der 1.Mai 2000 meines Wis­sens das erste Mal in der jüngeren Geschichte, daß sie eine zentrale Demo am 1.Mai relativ un­behelligt durchziehen konnten. In Leipzig 1998 waren sie zwar mehr Leute, aber dennoch ein­gekesselt und defensiv, während die Straßen drum­­rum teils von Antifas, teils von Bullen beherrscht wurden. In Hellersdorf konnten sie sich relativ frei bewegen – vor allem natürlich dank der massiven Bullenpräsenz, aber auch, weil enttäuschend wenige Gegendemonstrant­Innen durchgekommen waren. Daß die Nazis ihre Demo als Erfolg betrachteten, war ihren Ge­sichtern und ihrer Stimmung deutlich anzu­merken, als sie sich hinterher an den Bussen versammelten. Kein Wunder, waren sie doch dop­pelt so viele wie wir und hätten eine direkte Konfrontation nicht fürchten müssen, anders als etwa am 12.März in Mitte! Die 100-150 Anti­­faschistInnen, die vorher in ASOG genom­men worden waren, hätten an diesen Kräfte­verhältnissen wenig ändern können. Dabei war es an diesem Tag möglich, durchzukommen, auch ohne völlig verkleidet zu sein. Ich glaube nicht so recht an die Geschichte, nur die Bul­len­blockade v.a. an den Bahnhöfen hätte den Erfolg der Antifa-Mobilisierung verhindert. Viele Leute haben sich erst gar nicht auf den Weg gemacht, haben sich von der nazi-freund­li­chen Politik von Innensenat, Polizei und Ge­rich­ten abschrecken lassen und sind lieber aufs Fest oder an den See gegangen. Und auch bei der albernen 13-Uhr-Demo waren viele hun­dert Menschen, die in Hellersdorf besser aufge­hoben gewesen wären. Ob auch die Querelen um die AAB mit der Demobilisierung zu tun hatten, wage ich nicht zu beurteilen – sind viel­leicht die einen weggeblieben, weil sie nicht einer AAB-Mobilisierung folgen wollten, und die anderen, weil die AAB-Demo verboten war? Ich will’s nicht hoffen, es wäre allzu pein­lich.

Daß „unsere“ Antifa-Mobilisierung so re­la­tiv getrennt von dem bezirklichen Fest blieb, lag vielleicht weniger daran, daß ein Kilometer dazwischen lag, sondern eher an der Lange­weile, die das Fest ausstrahlte, und an der eige­nen Fremdheit vor Ort – Hellersdorf ist auch ohne Nazi-Demo nicht gerade anziehend für unsereins, und die jungen kurzhaarigen Männer an den Imbisstischen sehen auch am 2.Mai nicht gerade sympathisch aus. Die spontan ent­standene Idee, geschlossen von den Nazis weg­z­u­gehen und hin zum Fest, um dort Berüh­rungsängste zwischen AnwohnerInnen und Linksradikalen abzubauen, war an sich gut, aber damit wäre letztlich die (Louis-Lewin-)Straße völlig den Nazis überlassen worden, und das hätte ihren Triumph komplett gemacht.

Kurzum, die Antifa-Mobilisierung steht auf der Minus-Seite des 1.Mai 2000. Auch wenn die revo­lutionäre 1.Mai-Demo und die Randale letztlich der NPD die Show gestohlen hat und die Medien sich in den Berichten über Hellers­dorf zurückhielten, läßt sich nicht leugnen, daß das Nazi-Konzept der letzten Jahre greift: Durch penetrantes Nerven und regelmäßiges bun­desweites Mobilisieren besetzen sie nach und nach Terrain am 1.Mai, politisch, medial… ignorieren läßt sich das nicht, und nach dem Ver­lauf dieses Jahres in Hellersdorf sind Verbote der Nazi-Demo noch unwahrschein­licher als zuvor geworden. Dazu fällt mir nichts ein, was nicht schon oft gesagt und geschrieben worden wäre (breitere Bündnisse etc.pp.).

Soviel zum 1.Mai 2000 von Sven Glückspilz.

2.Kapitel – Häufig gestellte Fragen zum revolutionären 1.Mai

Die folgende kleine FAQ (Frequently Asked Questions) samt historischem Anhang zum revolutionären 1.Mai wird hoffentlich nicht un-beachtet im Interim-Ordner verstauben… vielleicht findet sich ja jemand, der alles ins Internetz stellt, etwa bei „nadir“!?

Die Fragen:
01. Was ist der „revolutionäre 1.Mai“ in Berlin?
02. Wie entstand der revolutionäre 1.Mai in Berlin überhaupt?
03. Ist der revolutionäre 1.Mai in Berlin nicht längst ein leeres Ritual geworden?
04. Wer ist am 1.Mai in Berlin auf der Straße?
05. Wer macht und wer will den Krawall am 1.Mai?
06. Was für politische Konflikte gab es um den revolutionären 1.Mai in Berlin bisher?
07. Welche Rolle spielt die antifaschistische Mobilisierung im revolutionären 1.Mai in Berlin?
08. Wie hat sich der Charakter des revolutionären 1.Mai in Berlin entwickelt über die Jahre?

01. Was ist der „revolutionäre 1.Mai“ in Berlin?
Der revolutionäre 1.Mai in Berlin ist die einzige öffentliche basisdemokratische Struktur der ra­di­­­kalen Linken in der Stadt. Denn an diesem Tag haben Menschen die Möglichkeit, auf ver­schiedene Weise unüberhörbar ihre Stimme ab­zugeben: Für die Kritik von links an den staats­loyalen Gewerkschaften. Für das Feiern großer, lauter und wenig kommerz-dominierter Feste. Für grundsätzliche Opposition gegen das herr­schende System. Für Rebellion gegen autoritäre Strukturen – wobei manche damit Staat und Poli­zeiapparat meinen, andere vielleicht ihre Eltern oder den grauen Arbeitsalltag, und wie­der andere den Mangel an Freibier und die ständige Unterdrückung durch Buswarte­häuschen und Ampelanlagen. Mal ganz im Ernst: Der revolutionäre 1.Mai in Berlin gehört niemandem richtig, und wenn manche versu­chen, ihm ihren politischen Stempel aufzu­drücken, sind immer drei andere Gruppen da, es ihnen streitig zu machen. Aktuell ist es schick bei Altautonomen, sich über die ober­flächlichen Mai-Aufrufe der AAB zu mokieren, dabei hat die AAB lediglich (sinngemäß) abgeschrieben, was vor zehn Jahren in den Auf­rufen der Altauto­nomen stand. Der Ur­sprung der revolutionären 1.Mai-Demo (siehe Frage 02.) zeigt, daß das Dilemma von poli­tischer „Füllung“ oder „Vereinnahmung“ des Tages (je nach Sichtweise) von Anfang an, also von 1987 an, vorhanden war. Es kann deshalb keine kurze Erklärung geben, was der revo­lutionäre 1.Mai in Berlin ist. Er bietet Raum für bestenfalls anpolitisierte pubertäre Abenteuer­urlauber ebenso wie für esoterische linke Grüne oder linksradikale Militante.

Daß es bis heute gelungen ist, ihn gegen alle Versuche der Entpolitisierung, Zähmung und Zerschlagung als linkes, radikales, rebellisches Symbol zu behaupten, ist durchaus ein Erfolg auch der politischen Gruppen, die sich immer wieder die Mühe der Fest- und Demovorbe­reitung machen. Aber auch der tausenden, von denen ich nicht zu behaupten wage, ob sie den Rest des Jahres mehr mit unspektakulärer poli­tischer Kleinarbeit oder mehr mit Alltags­maloche und Feierabend verbringen.

02. Wie entstand der revolutionäre 1.Mai in Berlin überhaupt?
Die Randale in Kreuzberg am 1.Mai 1987 war etwas neues, unbekanntes für alle Beteiligten, wa­rum auch immer sie daran teilnahmen: Ein euphorisches Machtgefühl des Sieges gegen sonst übermächtige Feinde (den Bullenapparat), ermöglicht durch ein spontanes massenhaftes Bündnis von vielen Menschen, die sonst nie zu­sammenkamen, sondern im Kiez neben­einan­der­herlebten. Die Kraft, die darin spürbar wur­de, hatte durchaus negative Nebenerschei­nun­gen und war ganz gewiß nicht Spiegelbild der Stärke revolutionärer autonomer Struk­turen. Aber die Melodie der nächtlichen Trom­mel­kon­zerte war doch eine von Befreiung, anti­auto­ritärer Rebellion und „Völkerverstän­di­gung“ (ganz im Gegensatz zum aufgepeitsch­ten Spießer-Mob, der 1992 in Rostock sein „Befrei­ungserlebnis“ im rassistischen Pogrom hatte). Link­sradikale hatten den Riot begonnen und es­ka­liert, fühlten sich zumindest teilweise für den Verlauf verantwortlich und wollten auch da­nach das politische Feld weiter besetzt halten. Daraus entstand die Idee, die am 1.Mai 1987 gespürte Kraft zur Stärkung der radikalen Linken zu nutzen und gleichzeitig zu politisieren. So entstand die revolutionäre 1.Mai-Demo 1988.

Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Riot vom 1.Mai 1987 kaum vergleichbar war mit anderen militanten Großereignissen, eben weil er nicht allein den militanten Links­radikalen gehörte, sondern viel mehr Men­schen. Und etliche diese Menschen sind weiter­hin da, an jedem 1.Mai, und nehmen sich ihren Teil des Tages.

03. Ist der revolutionäre 1.Mai in Berlin nicht längst ein leeres Ritual geworden?
Im Prinzip ja, sagt Radio Eriwan, aber was ist schon ein Prinzip? Ein Teil der Antwort liegt im Blick der oder des Fragenden bereits ent­halten. Der Vorwurf des „Rituals“ wurde z.B. in der „taz“ bereits am 1.Mai 1988 erhoben (und seitdem ritualhaft jedes Jahr)! Er ist viel­fach ein rhetorisches Mittel gegen den politi­schen Gehalt des revolutionären 1.Mai – es ist eine altbewährte Methode, dort, wo politische Argumentation vermieden werden soll, auszu­weichen auf formale Kritik: „Wiederholungs­zwang“, „alkoholisierte Krawallmacher“, „un­poli­tische Jugendliche“ (schon Martin Luther hetzte ja vor fast 500 Jahren „wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“, der revolutionären, versteht sich).

Andererseits sind tatsächlich viele Ereignisse ritu­alisiert, mittlerweile schon beginnend mit der Walpurgisnacht am 30.April in Prenzlauer Berg. Wie schon erwähnt, sagt der Innen­senator jedes Jahr fast wortgleich: Das Polizei­konzept war erfolgreich, der 1.Mai verlief we­niger schlimm als im Vorjahr, aber gegen die Randalierer muß endlich etwas unternommen werden. Und die Demo-VorbereiterInnen wie­der­holen sich genauso: Die Bullen haben provo­ziert, die Demo war stark und größer als letztes Jahr.
Beide Seiten sagen stets nur zum Teil die Wahr­heit. Es ist eben auch völlig klar, daß es am 1.Mai Leute gibt, die die Randale wollen, und an­dere, die sie nicht wollen, und das auf beiden Seiten der Barrikaden.

Was die linke Kritik am „Ritual 1.Mai“ angeht, steht weiter oben im Text einiges. Hier nur noch einmal soviel: Wie sehr etwas ein leeres Ritual ist, hängt von allen Beteiligten ab. Alle können etwas dagegen unternehmen, und das nicht nur durch einfaches Wegbleiben.

04. Wer ist beim revolutionären 1.Mai in Berlin auf der Straße?
Alle nur vorstellbaren Leute: Kritische Gewerk­schaf­terInnen vom DGB-Auflauf. Techno-Freaks beim morgendlichen chill-out. Freund­Innen der kurdischen PKK. Dä­ni­sche und bas­ki­sche Demo-TouristInnen. Ju­gend­­­gangs aus Rei­­­n­­icken­dorf. Altgediente links­radikale Un­dog­matInnen. Jugendantifa. Tür­­kische Kids aus dem Kiez. Linke Grüne. Kommunistische Klein­­parteimitglieder/Mao­is­ten­-Trotzkisten-Le­­ni­­nisten (KKM/MTL). Punks. Desorientierte Hooligans. Schwulesbische Politunten. Kra­wall­touristen aus Süddeutschland. Zufällig an­we­sende AnwohnerInnen. Und natürlich ver­wirrte Polizeieinheiten aus Sachsen-Anhalt.

Wolltest du vielleicht eigentlich fragen: Wer bestimmt das Geschehen auf der Straße bei Demo und Randale?
Die großen Demos in Berlin werden meistens politisch von den 2000-3000 Leuten an der Spitze durch Parolen und Transparente reprä­sentiert, während – falls vorhanden – die tau­senden dahinter vor allem sich selbst mitge­bracht haben und wenig beitragen zur Außen­wirkung. Von den 15.000, die jährlich am 1.Mai auf der Demo sind, kennen vermutlich 80% weder das Leittransparent noch den Aufruf. Diejenigen, die die Demos vorbereiten, sollten aber daraus nicht den Trugschluß ziehen, zehntausend Leute liefen zustimmend hinter ihren Parolen her. Überwiegender Konsens ist zwar eine undogmatisch-linke Haltung, was aber viele nicht daran hindert, auch unter/ hinter Transparenten strenger ML-Gruppen zu gehen, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Viele nehmen auch an der Demo teil, ohne irgendeine Vorstellung davon zu haben, was eine Demo ist oder sein sollte. Sie folgen den Menschenmassen, weil sie dahin wollen, wo es was zu erleben gibt. Wenn es während der Demo zu Auseinandersetzungen mit Bullen kommt, sind diese Leute leider diejenigen, die am meisten Panik verbreiten, weil sie die Flucht ergreifen, sobald sie irgendwo jemand rennen sehen.

Wenn es abends knallt im Kiez, ändert sich die Zusammensetzung. Die noch existierenden autonomen Gruppen sind in der Anfangsphase aktiv, setzen sich mit den Bullen auseinander (meist ohne größere eigene Verluste) und wis­sen, wann sie aufhören müssen. Die jüngeren (Männer), die auf Abenteuersuche sind, ma­chen weiter, viele von ihnen werden ab­ge­griffen wegen Landfriedensbruch. Später sind es vor allem Betrunkene, oft Leute aus dem Kiez, die auf den Straßen bleiben und darunter zu leiden haben, daß die Bullen inzwischen massiv aufgefahren sind, alles kontrollieren und sich austoben.

05. Wer macht und wer will den Krawall am 1.Mai?
Es gibt immer wieder hübsche Verschwör­ungs­theorien hüben wie drüben. Ein Highlight des revolutionären 1.Mai 2000 war die Be­haup­tung des Landesschutzpolizeidirektor Piestert, der Be­ginn der Auseinandersetzungen seit „über Funk gesteuert“ gewesen von den bösen Ran­dalierern. Auf der anderen Seite verbreitete selbst die manchmal als seriös geltende „Inter­im“ nach dem 1.Mai 1997 die hahnebüchene Behauptung, Zivis hätten durch Steinwürfe auf einen Wasserwerfer Krawall angezettelt. Und in linksliberalen Kreisen werden gern „bezahlte Pro­vokateure“ beim Steineschmeißen gewittert.

Für die Sicherheitsstaats-Strategen bietet ein Kra­wall natürlich politische Entfaltungs­mög­lichkeiten – Paradebeispiel dafür ist der 1.Mai 1989; einiges spricht dafür, daß die damalige Polizeiführung des Einsatzes, die aus CDU-Hard­linern bestand, dem neuen SPD-Innen­senator Pätzold tüchtig vor die Haustür schei­ßen wollte und deswegen die Lage eska­lieren ließ. So etwas sollte aber besser nicht über­be­wer­tet werden, denn ein solches Spiel mit dem Feuer kommt in Agentenromanen wohl doch häufiger vor als in deutschen Beamtenzimmern. Wenn etwa der Innensena­tor so scharf auf Ran­dale wäre, um seine Bann­meile durchzu­setzen, dann hätte er zum 1.Mai 2000 bloß die Demo-Route durch die Fried­richstraße geneh­migen müssen – massenhaft klir­rende Scheiben hätte es mit Sicherheit gegeben.

Randale bedeutet immer auch Parteiengezänk, Profilierungen und Abwatschungen, die Gefahr von Bauernopfern; es gibt Schäden zu be­zahlen; Morgenpost und Polizeigewerkschaft werden hysterisch wegen drei Bullen mit blauen Flecken am Fuß; der gute Ruf der Stadt leidet, Hassemers „Partner für Berlin“ kriegt ver­mutlich besorgte Anrufe, ob das Hotel Adlon denn noch sicher sei; und jetzt geben auch noch die angereisten Bonner Schlafmützen ihren innenpolitischen Senf dazu. Nichts davon können Innensenator und Polizeipräsident sich wünschen.

Wo die politische Führung Randale zwar aus­nutzt und auch mal zu beeinflussen versucht, haben die unteren Büttel, vor allem die Bullen der Bereitschaftspolizei, ganz simple Gründe fürs Randalieren: Rache, angestaute Aggression, Karriere. Ja, wirklich, Prügeleinheiten wie die 23. und 24.Hundertschaft sind Karrieresprung­bretter innerhalb der Polizei, trotz allem Ge­mecker in Medien und von Politikern. Die Jungs, die immer an den Brennpunkten sind… als ihnen nach den Todesschüssen auf KurdIn­nen am israelischen Konsulat im Februar 1999 psychologische Nachbetreuung angeboten wurde, lachten sie angeblich, weil sie doch so harte coole Typen sind…

Und die andere, unsere Seite: Es gibt viele gute Gründe, gegen die 1.Mai-Randale zu sein. Weil sie von den Sicherheitsstaats-Politikern poli­tisch gegen uns gewendet werden kann. Weil die Kräfteverhältnisse just an diesem Tag in­zwi­schen so ungünstig sind für uns, daß es sich mehr um Polizeimanöver handelt (Polizei­präsident Saberschinsky nach dem 1.Mai 1997: Durch jahrelange Erfahrung mit den „Störern“ sei die Berliner Polizei „inzwischen eine der besttrainierten Truppen Europas“). Weil ein Großteil der Randale von besoffenen jungen Männern gemacht wird, die politisch nicht viel mehr hinkriegen, als ihr Gesicht in die Kamera zu halten und „voll geil hier ey“ zu sagen. Weil unter den folgenden Bullenangriffen viele Un­be­teiligte bzw. Schaulustige zu leiden haben. Weil die Randale kein ausgesprochenes poli­tischen Ziel außer günstigenfalls „gegen die Bul­len“ vermittelt. All das sind Gegen­argu­men­te, die auch Linksradikale vorbringen können, ohne sich der bürgerlich-liberalen Abweichung verdächtig zu machen (außer vielleicht bei den Kartoffel-Maoisten).

Es gibt aber auch gute Gründe für militante Akti­onen: Dem gewalt-tät-igen Staatsapparat nicht die Straße überlassen. Die Schikanen ge­gen die Demos nicht hinnehmen. Militante Ein­griffe als mögliche Aktionsform behaupten. Den vielen Menschen, die ihrer rebellischen Wut Ausdruck verleihen möchten, nicht poli­tisch-sozialarbeiterisch (lampenputzerisch, würde Erich Mühsam vielleicht sagen) daher­kommen. Und es gibt weitere Gründe, die ich vielleicht weniger gut finde, die aber etlichen Leu­ten ausreichen. Dazu gehört: Alles hier kotzt mich an und ist mir egal, nach uns die Sint­­flut. Rache für irgendetwas nehmen, viel­leicht für verletztes Gerechtigkeits­empfinden, vielleicht für Beziehungsfrust. Aben­teuerlust und Angeberei. Voll geil hier ey. Usw.

So gibt es insgesamt mehr als genug Gründe, eine Randale auch ohne „bezahlte Provo­kateure“, „eskalierende Bullentaktik“ oder „funkgesteuerte Chaoten“ zu erklären.
Die Wirklichkeit ist nun mal oft viel einfacher (und langweiliger) als die Theorie.

06. Was für politische Konflikte gab es um den revolutionären 1.Mai in Berlin bisher?
Vier Hauptkonflikte der letzten dreizehn Jahre lassen sich beschreiben:
Erstens der zwischen Staatsmacht und links­radikaler Szene.
Zweitens innerhalb der linken Szene zwischen marxistisch-leninistischen und undogmatischen Gruppen.
Drittens innerhalb der linken Szene zwischen Gruppen aus Ost und West.
Viertens der Versuch von Nazis, den 1.Mai als Terrain für sich zu besetzen.

Der Konflikt mit der Staatsmacht ist konstant und hat sich über die Jahre nur wenig ver­ändert. Bei den ersten vier Demos (1988-1991) gab es eine klare Trennung zwischen Demo und abendlicher Randale, die Demos selbst ver­liefen vergleichsweise streßfrei (1989 nahm die Demo allerdings zeitweise heftige offensiv-mili­tante Formen an). 1992/93 verfolgte die Polizei unter Innensenator Heckelmann ein Konzept des massiven Einsatzes mit erhofftem Ab­schreck­ungseffekt, so daß die 93er Demo nicht bis zum Ende durchgeführt werden konnte. Nach der Demo-Pause 1994/95 ging es dann 1996 unter Innensenator Schönbohm erst ein­mal etwas ruhiger los, aber seit 1997 hat sich die Trennung zwischen Demo und Randale weit­gehend aufgelöst, zum Teil auch wegen der Verlegung der Demo in den Abend. Bullen­angriffe auf die Demo-Spitze wechseln sich in rascher Folge ab mit „Deeskalation“, wobei sich meistens sagen läßt, daß die Bullen durch ihr flexibler gewordenes Vorgehen mehr Ein­fluß auf den Demo-Verlauf haben als die Demon­strantInnen. Dafür blieben die Feste, die Anfang der 90er meistens Ausgangspunkt von Randale waren, in den letzten Jahren von Bullenräumungen weitgehend verschont.

Dieser Konflikt um den 1.Mai hat sich über die Jahre kaum verändert. Die Schikanen wechseln im Detail, das Konzept ändert sich wenig: Mediale Hetze im Vorfeld, Erfolgsmeldungen danach, die Zahl der eingesetzten Bullen stei­gerte sich von Jahr zu Jahr etwas (von knapp 4000 im Jahr 1989 auf 6500 im Jahr 2000). Das könnte noch jahrelang so weitergehen, aller­dings machte sich zum 1.Mai 2000 erstmals massiv die Tatsache bemerkbar, daß Berlin nunmehr auch Schauplatz der Bundespolitik ist und die politische Latte damit gewissermaßen höher gelegt ist als bisher. Es könnte passieren, daß die Sorge um den „guten“ Ruf der Haupt­stadt und um die Sicherheit der Regierungs­bonzen (und ihrer Autos) etc. die traditionell dröge und großkoalitionsmatte Lokalpolitik unter Druck setzt. Dann könnte am 1.Mai 2001 mit stärkerem Gegenwind zu rechnen sein…

Der zweite Konflikt ist ein klassischer inner­halb der Linken: Undogmatische und marx­istisch-leninistische Linksradikale haben eine lange Spaltungstradition in Deutschland. Seit den späten 80er Jahren ist diese Spaltung gewis­sermaßen in die autonome Szene hineinge­wachsen, die vorher fast deckungsgleich mit „undogmatischen Linken“ schien. Dazu kommt in Berlin die ebenso traditionelle Spaltung zwi­schen den türkisch-kurdischen Gruppen, von denen die meisten ML-orientiert sind.

Seit Ende 1989 entzündete sich die Spaltung vor allem an einer kleinen, v.a. maoistischen Gruppe, die bis heute von vielen einfach „die RIM“ genannt wird. Diese Vereinfachung stimmt zwar so nicht exakt, da die „Revolutio­näre Internationalistische Bewegung“ (engl. RIM) ein Dachverband verschiedener Gruppen aus diversen Ländern ist; die beteiligten Grup­pen sind natürlich beleidigt, wenn sie einfach nur als „RIM“ bekannt sind und nicht unter ihrem eigenen langen Namen, wie etwa „Türki­sche Kommunistische Partei / Marxis­ten-Leni­nis­­ten – Maoistische Parteizentrale (TKP/ML-MPM)“. Das ist aber nur ein Nebenkriegsschauplatz. Anders als andere ML-Gruppen versuchte und versucht „die RIM“, in der linksradikalen autonomen Szene Fuß zu fassen und sich an Themen anzuhängen, die dort aktuell sind (zuletzt etwa die Solidaritäts-Kampagne zu Mumia Abu Jamal). Schon im November 1989 gab es auf einer kleinen linksradikalen Demo am Kudamm den ersten Konflikt um ein „RIM“-Transparent, das u.a. Stalin zeigte (wo­mit ein weiterer Nebenkriegsschauplatz eröff­net war, nämlich der, ob die „RIM“ nun stalinistisch sei oder maoistisch oder beides. Auf diesen Nebenkriegsschauplätzen tobten einige ML-Gruppen sich in der Folgezeit gerne aus, um der eigentliche Diskussion um die realen Geschehnisse und um den Umgang inner­halb der Linken auszuweichen).
Die Reaktionen vieler undogmatischer Linker auf die Präsenz der „RIM“ waren von Anfang an recht heftig, und die von den MLern ein­geforderte „Freiheit der Agitation“ für alle Gruppen sahen sie an ihre Grenze gestoßen, wenn es um lautstarkes Eintreten für Stalin auf linksradikalen Demos ging. Das verstärkte sich in dem Maße, wie Linke aus der zusammen­brechenden DDR in den Westen auf Demos kamen; für sie war ein Zusammengehen mit Leuten, die den Stalinismus verteidigten, un­mög­lich und unbegreiflich. Die „RIM“ eska­lierte den Konflikt, indem sie sich grundsätzlich nicht an getroffene Absprachen hielt – wobei diese aufgrund der Mehrheitsverhältnisse aller­dings auch meist nicht zu ihren Gunsten ausge­fallen waren – und wüste Pamphlete veröf­fent­lichte, die neben großen rebellischen Phrasen vor allem Beleidigungen, Denunziationen und Lügen gegen Linksradikale enthielten. Die „RIM“ entdeckte den 1.Mai als Möglichkeit, offensiv zu werden: Anfang der 90er wurden jedes Jahr bundesweit Mitglieder mobilisiert, ein vom Rest der revolutionären 1.Mai-Demo un­erwünschter Lautsprecherwagen wurde mit­gebracht und verteidigt gegen Versuche, ihn aus der Demo zu schmeißen. 1993 gipfelte das in einer wüsten Schlägerei zu Beginn der Demo, wobei sich bewaffnete „RIM“-Leute samt Lautsprecherwagen zweihundert Meter weit durch die Demo nach vorne prügelten und schließlich von den Bullen abgegriffen wurden. Unter anderem wegen dieser über vier Jahre jedesmal schlimmer werdenden Auseinander­setzung fand sich 1994 keine Vorbereitungs­gruppe für die revolutionäre 1.Mai-Demo – niemand fühlte sich einem gewaltsamen Kon­flikt innerhalb der Demo gewachsen, der scheinbar nur durch brutales Vorgehen zu lösen war. Die „RIM“ hatte damit eines ihrer Ziele erreicht, nach dem Motto: Wenn du eine Bewegung nicht dominieren kannst, zerstöre sie und gründe eine neue. Seit 1994 führt die „RIM“ jedes Jahr eine eigene 1.Mai-Demo durch („13 Uhr O-Platz“), an der sich neben ein paar hundert Leuten aus deutschen und türkisch-kurdischen ML-Gruppen auch diverse verirrte Kiezleute und Demo-Touristen beteili­gen, die meist nach und nach die Demo ver­lassen, wenn sie merken, wohin sie da geraten sind. Politische Relevanz hat dieser Demo-Wurmfortsatz kaum.

1996/97 gab es Versuche, die Trennung auf­zuheben. Zum einen bemühten sich ML-orientierte Autonome, eine Brücke zwischen dem dogmatischen O-Platz-Bündnis und der undogmatischen revolutionären 1.Mai-Demo zu schlagen, zum anderen gab es auch bei den Undogmatischen viele, die die Auseinander­setzungen und schlechten Erfahrungen von Anfang der 90er nicht kannten oder für über­trieben hielten. Die Versuche scheiterten, die ML-Autonomen (und andere) beteiligten sich an der mittäglichen Oranienplatz-Demo und werteten diese dadurch vorübergehend etwas auf. Seit 1998 haben sich die dogmatischen ML-Gruppen dort aber wieder durchgesetzt, während die kommunistischen Autonomen zur „erfolgreicheren“ abendlichen revolutionären 1.Mai-Demo überwechselten.

Die Anfang der 90er teilweise geführte Aus­einandersetzung mit stalinistischen oder auch marxistisch-leninistischen Politik-Konzepten führte nicht weiter und wurde nicht weiter­geführt. Letztlich wurde aus der Erkenntnis der andauernden, tiefen und verletzenden Spaltung innerhalb der radikalen Linken hier eher die unausgesprochene Konsequenz gezogen, ober­flächlich und unverbindlich zu bleiben.

Drittens: Der Ost-West-Konflikt. Verschiede­ne Gruppen von Linken aus Ost-Berlin hatten von Anfang an (d.h. ab 1.Mai 1990) ein kri­tisch-solidarisches Verhältnis zum revolutio­nä­ren 1.Mai. Sie hatten zum einen das Inter­esse, sich nicht von der West-Linken vereinnahmen zu lassen – sie wollten nicht „im Kleinen“ ge­nauso geschluckt werden wie „im Großen“ der Osten vom Westen. Mit einigen Traditionen oder Umgangsformen der West-Linken hatten sie mehr als nur Probleme (genau wie um­gekehrt). In der Ablehnung ML-orientierter Gruppen waren sich alle einig, davon hatten sie in der DDR satt gehabt und keine Lust auf Wiederholungen. Mit Militanz hatten einige grund­sätzlich Probleme, andere vor allem im Kontext, z.B. bei der Frage, wo und wann es knallt. Die Frage, ob es sinnvoll sei, die revo­lutionäre 1.Mai-Demo durch oder nach Prenz­lauer Berg bzw. Friedrichshain zu führen, wurde auch unter Menschen aus dem Osten durchaus widersprüchlich beantwortet, doch es blieben viele, die lautstarke Zweifel anmeldeten. Besonders heftig war diese Diskussion 1997, als die Demo nach 1996 zum zweiten Mal nach Prenzlauer Berg führen sollte; als Kompromiß ging sie schließlich „nur“ durch Mitte. Der schlei­chende Verlust von Prenzlauer Berg als rebellischer Kiez und die zunehmende Durch­mischung von Ost und West – letztlich eben doch eine weitgehende Anpassung des Ostens an den Westen – nimmt dieser Debatte nach und nach die Schärfe.

Viertens: Die Offensive der Nazis am 1.Mai. Sie begann bereits 1992 mit dem Versuch von ein paar dutzend FAPlern, in Prenzlauer Berg zu demonstrieren. Bereits hier wurden sie vom BGS beschützt, dennoch von entschlossenen Anti­fas verjagt. 1993 wollten die Nazis es bes­ser machen, es gelang ihnen, eine kleine ge­neh­migte Demo in Berlin-Friedrichsfelde durch­­zuführen, die von den Bullen gesichert wurde (ähnlich wie Hellersdorf 2000, nur alles zehn­mal kleiner). 1994 wurde eine Nazi-Demo in Berlin-Treptow verhindert durch unklare Ver­botslage und Antifa-Mobilisierung, Antifas und Bullen beherrschten das Straßenbild. Die FAPler machten daraufhin abends eine kleine Spontandemo in Prenzlauer Berg, auch hier hat­ten sie Streß mit Bullen und Antifas. Diese Nazi-Aktionen hatten keine große Aus­strahl­ung und waren ein mehr lokales Phänomen.

Das änderte sich ab 1996, mittlerweile waren NPD und JN zum Hauptsammelpunkt der Nazis geworden. In Berlin-Marzahn setzten sie eine Demo mit 300 Leuten durch, von Bullen geschützt. Spätestens 1997 wurde erkennbar, daß die NPD zum Angriff auf den 1.Mai blasen wollte: Bundesweite Mobilisierung, nach dem Verbot der zentralen Kundgebung in Leipzig wichen sie (erfolglos) auf andere Städte aus. 1998 dann mobilisierten sie um die 3000 Leute nach Leipzig, eingekreist von tausenden Bullen und Antifas. Sie hatten es nun geschafft, sich unübersehbar in Szene zu setzen, was ja auch ihr Hauptanliegen war. Die Linke mußte sich mit dieser Herausforderung beschäftigen und hatte dabei wenig zu gewinnen, denn nur eine totale Verhinderung des Nazi-Aufmarsches wäre ein eindeutiger Erfolg, und die ist kaum erreichbar.

Letztlich zeigt sich am Kampf um das poli­tische Terrain „1.Mai“ ein allgemeiner gesell­schaftlicher Trend der 90er Jahre, nämlich das wachsende Selbstbewußtsein und die größere Geschlossenheit der Nazis bei gleichzeitig fort­dauernder Untätigkeit der Staatsorgane und Un­fähigkeit der restlichen Menschheit, sie erfolg­reich zu isolieren und auszumerzen…

07. Welche Rolle spielt die antifaschistische Mobilisierung im revolutionären 1.Mai in Berlin?
Sie ist eine zweischneidige Angelegenheit. Der revolutionäre 1.Mai soll eigentlich politisch offensiv sein, eine Kampfansage an das herr­schende System und eine Botschaft, daß immer noch viele tausend Menschen eine revolu­tio­näre Umwälzung zu einer befreiten Gesell­schaft wollen. Dadurch, daß in Form der Nazis nun auch das Gegenteil die Straße für sich rekla­miert, ist die Linke gezwungen, auch politisch defensiv zu mobilisieren. Die Nazis an diesem Tag in Ruhe demonstrieren zu lassen, ist kaum vorstellbar, doch die Gegen­mobilisierung bindet und verschleißt Kräfte. Auf die Dauer ist es unwahrscheinlich, daß die kleine radikale Linke beides bewältigt, zumal wenn die Nazi-Mobilisierung sich gegenüber 1998 und 2000 weiter festigen oder gar steigern sollte. Vermutlich müssen entweder die anti­faschistischen Gruppen sich auf die Nazis kon­zentrieren und den offensiv-politischen Aspekt der revolutionären Demo vernach­lässigen, oder es müssen breite Antifa-Bünd­nisse bis in bürgerliche Kreise hinein angestrebt werden.
Letztlich ist die antifaschistische Mobilisierung am 1.Mai notgedrungene Pflicht, der Rest ist die Kür.

08. Wie hat sich der Charakter des revolutionären 1.Mai in Berlin entwickelt über die Jahre?
Die Geschichte des revolutionären 1.Mai in Berlin läßt sich in vier Phasen einteilen:
1987-1990 war der revolutionäre 1.Mai ein re­lativ offener, politisch umkämpfter Anlaß. Es war vorher nicht sicher, was passieren würde, und es gab jeweils wichtige Begleitumstände, die den Verlauf des Tages (mit)bestimmten und ihm seine individuelle Besonderheit verliehen. Das war 1987 die in diesem Moment nicht erwartete, aber eigentlich fällige Explosion, die auf Jahre der CDU-Beton-Politik antwortete, die sich zuletzt in der selbstgerechten „750-Jahr-Feier“ manifestiert hatte.
1988 ging es viel um 1987, also darum, ob der damalige Riot als einmalige Sternschnuppe oder als Funke-zum-Steppenbrand eingeordnet wer­den müsse; dem neuen Selbstbewußtsein der autonomen Szene im Vorfeld des IWF-Kon­gresses in Berlin im Herbst 1988 standen mar­kige Sprüche aus dem Regierungslager gegen­über (Innensenator Kewenig wollte die auto­nome Szene „bis zum Herbst zerschlagen“ haben), der 1.Mai wurde so auch zu einer Kraftprobe. Und natürlich war der Versuch spannend, erstmals seit den frühen siebziger Jahren eine linksradikale Großdemo ohne unmittelbaren Bezug auf eine Teilbereichs­bewegung (also etwa Demos gegen Häuser­räumungen oder Friedensdemo), sondern mit dem einfachen Programm „Revolution groß­artig, alles andere Quark“ zu versuchen.

1989 war die rot-grüne Regierung in Berlin ein zentraler Dreh- und Angelpunkt des revolutio­nä­ren 1.Mai: Würde der Regierungswechsel eine Auswirkung auf die Mobilisierung der radi­ka­len Linken habe, und wenn ja, welche? Der 1.Mai schien eine gute Gelegenheit zu sein, klar­zustellen, was Linksradikale zu rot-grün zu sagen hatten, nämlich: die Regierung wechselt, die Machtverhältnisse bleiben gleich. Außer­dem war die Thematik Repression, Innere Sicher­heit, Militanz auf der Tagesordnung: BKA-Schlag gegen Rote Zora im November 1988 mit diversen Haftbefehlen, Verhaftung von zwei Leuten in Berlin wegen Anschlägen der „Amazonen“, Hungerstreik der RAF-Ge­fangenen im Frühjahr 1989, Skandale um den Ber­liner Verfassungsschutz und einige seiner V-Leute…

1990 war natürlich der Fall der Mauer und der bevorstehende Anschluß der Ex-DDR an die BRD ein bestimmendes Thema, das wiederum die Frage aufwarf, was die radikale Linke dazu zu sagen haben würde. Zudem spielte der schar­fe Bruch von 1989 eine Rolle: Nach dem 1.Mai hatten sich damals lautstarke Teile der (ge­mäßigten) Linken für die staatstragende „rot-grüne“ Seite entschieden und – angeführt von der „taz“ – sowohl nach dem Mai 1989 als auch vor dem 1.Mai 1990 eine beispiellose Hetz­kampagne gegen die autonome Szene ins­zeniert. 1990 wurde aber auch bereits die zweite Phase erkennbar, als nämlich aufgrund des rot-grünen Schulterschlusses mit den Rech­ten die Durchführung des revolutionären 1.Mai an sich zum Kampfterrain wurde, in diesem Jahr v.a. am Beispiel des Straßenfestes (anfangs waren ja die Feste immer die Ausgangspunkte der Randale!), das vom Bezirk verboten, letztlich aber trotz des Verbots durchgesetzt wurde.

Nun begann die Phase 1991-1993, die geprägt war von den Bemühungen, den revolutionären 1.Mai durchzusetzen gegen staatlichen Terror und gegen die Spaltung durch die ML-Klein­gruppen (siehe Frage 06., Konflikte um den revolutionären 1.Mai). Die inhaltliche politische Gestaltung des Tages rückte in den Hinter­grund, der Erfolg bestand darin, daß die Demo überhaupt stattfand. Ein Fest gab es 1991, es endete aber wieder im Tränengas, daraufhin kam in den folgenden zwei Jahren kein Fest zu­stande. Die Auseinandersetzungen innerhalb der Demo (v.a. mit den „RIM“-Leuten) und mit den Bullen eskalierten von Jahr zu Jahr. Am Ende dieser zweiten Phase stand das vorläufige Scheitern des revolutionären 1.Mai, vielleicht eine folgerichtige Entwicklung, da sich der Schwer­punkt von der inhaltlichen Gestaltung immer mehr dahin verlagert hatte, froh zu sein, wenn der Tag heil überstanden war.

Die dritte Phase war 1994/95, in diesen Jahren ging es vor allem darum, den revolutionären 1.Mai für die radikale Linke nicht aufzugeben: es gab 1994 wieder ein (Szene-)Fest und 1995 den Autonomie-Kongreß in Berlin.
1996 kam die „Wiedergeburt“ des revolu­tio­nären 1.Mai in Berlin. In den fünf Jahren, die es nun seitdem die Demo und die mittlerweile zwei traditionellen Feste gibt, hat sich wenig getan. Die politische Auseinandersetzung wird noch weniger als früher um politische Themen geführt, vielmehr ist der revolutionäre 1.Mai an sich Thema und Gegenstand der politischen Aus­einandersetzung geworden. Immerhin ist, anders als 1991-93, die Frage „ob überhaupt“ klar zugunsten der radikalen Linken ent­schieden worden, und es geht nun weniger um das „Ob“ als um das „Wie“. Die Situation läßt sich positiv wie negativ interpretieren. Positiv gesehen, ließe sich sagen, daß die radikale Linke erfolgreich und offensiv ein Terrain besetzt hat, auf der ihr nun andere politische Kräfte ge­zwung­enermaßen begegnen müssen. Negativ ge­sehen, ist der revolutionäre 1.Mai erstarrt und ritualisiert, und mit jedem Jahr der „same-procedure-as-every-year“ wird es schwieriger, frischen politischen Wind reinzubringen…

3.Kapitel – Die Geschichte des revolutionären 1.Mai in Berlin

1.Mai 1987
Vorher: Verschärfung des innerstädtischen Kli­mas durch CDU-Regierung; „750-Jahr-Feier“ in Berlin; Volkszählung steht bevor, morgens Durchsuchung im Mehringhof deswegen.

Demo: DGB-Kundgebung am Vormittag.

Fest: Wie seit Jahren üblich am Lausitzer Platz, getragen von v.a. linken Gruppen, breites Spek­trum von Radikalen bis Reformern.

Randale: Am Nachmittag am Rande des Festes erste militante Aktionen (Polizei-Bulli um­gestürzt, später erste kleine Barrikaden und Festnahmen). Für viele Leute war klar, daß es an diesem Abend im Kiez knallen würde. Die Heftigkeit überraschte dann aber alle, am meis­ten die Bullen, die am späten Nachmittag das Straßen­fest mit Tränengaseinsatz abräumen wollten. Nach einigen Stunden des Straßen­kampfes zog sich die Polizei gegen elf Uhr nachts aus dem Kiez rund um die Skalitzer Straße zurück.
Es wurden über 30 Geschäfte geplündert, da­run­ter auch der seitdem berühmte Bolle-Supermarkt an der Wiener Str., der danach aus­brannte (und auch 13 Jahre später noch als Ruine dasteht!). Überall brannte es: Autos, Baufahrzeuge, Barrikaden, Bauwagen, Müll­container, ein Feuerwehrfahrzeug, der U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof; unzählige Schei­ben gingen zu Bruch. Hunderte trommelten stundenlang auf den Stahlstreben der Hoch­bahn und auf allem, was Lärm machte. Gegen drei Uhr morgens rückten starke Polizeikräfte mit Wasserwerfern, Panzerwagen und schwe­rem Räumgerät in den Kiez ein. Es war der erste echte „riot“, den Berlin erlebte.

Nazis: Nix.

Bilanz: 400 Polizisten im Einsatz. 47 Festnahmen. Über 100 Verletzte. Schäden in „Millionenhöhe“.

Skandale: Die ganze Nacht an sich.

Nachher: Innensenator Kewenig entdeckte die „Anti-Berliner“ als Urheber der Krawalle, die sich in „brutaler Gewalt zusammengerottet haben um zu stören und zu zerstören“. Als staatliche Ant­wort darauf wurde die Sonder­einheit für „einsatzbezogene Lagen und Training“ (EbLT) gebildet, eine gut ausge­rüstete Schlägertruppe, die erstmals das inzwi­schen längst typische Einsatzbild der Berliner Anti-Riot-Polizei erprobte: Schutzkleidung statt Schutzschilder, schnelle und bewegliche Ein­heiten, dazu ein Zug mit Wasserwerfer und Panzerwagen. Ihr offizielles Ziel: „beweis­sichere Festnahmen“; in der Realität vor allem brutale Prügelorgien.
Liberale Linke und Medien beklagten die Ge­walt und wiesen auf soziale Ursachen hin. In der Folgezeit war viel die Rede von der „Zwei-Drittel-Gesellschaft“, von den „sozial Schwa­chen“, die aufbegehren. Es wurde (folgenlos) über Konzepte geredet, den 36er-Kiez zu stabilisieren.
In autonomen Kreisen herrschte eine Mischung aus Euphorie und Erschrecken. Der Geist, der da aus der Flasche gelassen worden war, war manchen nicht ganz geheuer. Obwohl doch sehr viele begeistert waren von der wilden Nacht, wurden auch Exzesse beklagt: Alkohol­mißbrauch, sexistische Anmache, Plünderung kleiner Geschäfte, unkontrollierte Gewalt… Es gab zahlreiche Versuche, nachträglich den Riot nach außen auch politisch zu vermitteln.

1.Mai 1988
Vorher: Mobilisierungsphase zum IWF-Kon­greß im Herbst 1988. Innensenator Kewenig stößt Drohungen aus (autonome Szene bis zum Herbst abräumen… Vorgehen „mit Rigorosität und Härte“). Prügeltruppe „EbLT“ aufgestellt, erstmals massiver Einsatz von Panzerwagen. Schon Tage vor dem 1.Mai starke Polizei­prä­senz im 36er-Kiez, die Stadtreinigung räumt Barri­kadenmaterial weg. Alle reden vom Krawall und von 1987: Neuauflage? Bullen­rache?

Walpurgisnacht: Abends kleinere Ausein­andersetzungen am Heinrichplatz.

Demo: Mittags am Oranienplatz erstmals die revolutionäre 1.Mai-Demo durch Kreuzberg und Neukölln, 6000-8000 Menschen. Die Demo verlief friedlich, die Polizei hielt sich zu­rück. Die Größe der Demo überraschte alle, und die erfolgreiche Mobilisierung außerhalb einer „Bewegungszeit“ wurde als Triumph angesehen.

Fest: Bei sonnigem Mai-Wetter am Lausitzer Platz. Das Fest endete friedlich, bevor die Randale anfing.
Randale: „Traditionell“ begann die Randale mit der Plünderung von Getränke-Hoffmann Manteuffelstr./Ecke Waldemarstr. Es waren etwa 300-400 Leute beteiligt, darunter viele Jugend­liche und Auswärtige. Die Polizei kon­trollierte die Lage weitgehend und nahm die er­wartete Rache für 1987. Es wurde wild mit Tränen­gas herumgeballert, Panzerwagen und Wasserwerfer fegten brennende Müllhaufen beiseite. Mindestens 2 Kneipen wurden ge­stürmt. Vor allem die EbLT-Einheit zeichnete sich erwartungsgemäß durch brutalen Einsatz aus, Festgenommene wurden in den Wannen verprügelt.

Nazis: Nix.

Bilanz: 1500 Polizisten im Einsatz, 53 verletzt (v.a. EbLT-Bullen). Viele Zivilpolizisten im Einsatz.
134 Festnahmen, davon 75 wegen Straftaten; 24 Haftbefehle, 18 Haftverschonungen, 6 Leute in U-Haft (u.a. ein „taz“-Mitarbeiter).
Mindestens 50 Verletzte, eine Person mit Schädelbasisbruch, zwei Schwerverletzte vor­übergehend auf der Intensivstation.

Skandale: Drei leitende Polizeiführer, darunter Polizeidirektor Manthey, Chef der „ge­schlossenen Einheiten“ der Berliner Polizei, beobachteten den Einsatz vom Rande und wur­den von Bullen verprügelt (Prellungen, Blutergüsse).

Nachher: Allenthalben wurde das Randale-Ritual beklagt und festgestellt, daß nicht auto­nome Gruppen, sondern Kids, Betrunkene und Touristen die Randale bestimmten und ent­sprechend von den Bullen niedergemacht worden seien.

1.Mai 1989
Vorher: Seit Februar erste rot-grüne Regierung in Berlin, aber auch Wahlerfolg für rechts­extre­me „Republikaner“. Widerstände im Appa­rat gegen SPD-Innenpolitik und Innensenator Pätzold. Hungerstreik der RAF-Gefangenen. Zwei Leute in Berlin wegen Amazonen-Anschlägen im Knast.
Die rot-grüne Regierung hoffte, durch politi­sche und polizeiliche Zurückhaltung den 1.Mai entschärfen zu können. Die Sondereinheit EbLT war ebenso aufgelöst worden wie die politische Abteilung der Staatsanwaltschaft. Die alternative Szene um die Grünen (damals noch „Alternative Liste“) setzte darauf, Krawalle kämen aus Unmut und Opposition gegen bürger­liche Parteien zustande und seien darum mit dem Eintritt der AL in die Regierung über­flüssig geworden. Demgegenüber waren viele Linksradikale nun gerade motiviert, ihre grund­sätzliche Ablehnung auch eines rot-grün ver­wal­teten Staatsapparates zu beweisen.

Walpurgisnacht: Abends Besetzung der Oranienstr.192, Plünderung bei Penny-Super­markt Naunynstr. und Getränke-Hoffmann Man­teuffelstr., Steine und Wasserwerfer-Ein­satz. 16 Festnahmen. Die Polizei erklärte, das besetzte Haus vorerst nicht zu räumen.

Demo: Vormittags versammelte der DGB angeblich 50.000 Menschen (die veröffentlichte Teilnehmerzahl der DGB-Demo ist traditionell maßlos übertrieben).
Die revolutionäre 1.Mai-Demo wurde von rund 20-30 Leuten aus der älteren autonomen und anti­imperialistischen Szene vorbereitet. Die Vor­­bereitung verlief im wesen­tlichen nicht-öffentlich. Die Vorbereitungsgruppe fühlte sich tendenziell überfordert. An der Demo durch Kreuzberg und Neukölln nahmen rund 10.000 Menschen teil. Die Polizei hielt sich anfangs völ­lig zurück. In Neukölln kam es aus der Demo heraus zu immer heftigeren Aktionen, Sex-Shops wurden demoliert, der Penny-Super­markt Reuterstr. geplündert, ein Müllcontainer angezündet, schließlich das Woolworth-Kauf­haus Hermannstr. geplündert und anzuzünden versucht. Viele Menschen verließen deshalb die Demo aus Angst vor der eskalierenden Gewalt oder aus Angst vor dem zu erwartenden Ein­griff der Bullen. Diese beschränkten sich aber auf ein massives Spalier auf dem letzten Teil­stück der Demo. Die Demo-Leitung bemühte sich, über Lautsprecher einen geordneten und geschlossenen Verlauf zu gewährleisten und selbst­gefährdende Aktionen zu unterbinden. Der Abstrom nach der Demo über den Kottbus­ser Damm war wiederum von zahlreichen ein­g­e­schmissenen Schaufenster­scheiben begleitet.

Fest: Am Lausitzer Platz, organisiert v.a. von Linksradikalen, aber auch von linken AL- und Gewerkschaftsleuten.
Randale: Am späten Nachmittag kamen viele hundert Menschen von der Demo zum Fest, und rasch sammelten sich immer mehr Leute am Rande des Festes und begannen, die Bullen mit Steinen zu bewerfen. Wieder einmal wurde Getränke-Hoffmann Manteuffelstr. aufge­macht. Anfangs hielt sich die Polizei noch zu­rück („Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei! Bitte beenden Sie das Werfen mit Steinen auf die Polizeibeamten!“). Nach etwa einer Stunde räumten die Bullen dann mit mas­sivem Einsatz von Tränengas und Wasser­werfer den Fest-Platz und die Randale begann. Die Tankstelle Ecke Görlitzer Str. wurde ge­plündert, einige versuchten, dort Benzin abzu­zapfen, andere wollten sie anzünden. Die Zahl derer, die sich an der Randale beteiligten, stieg bis auf rund 1500 Menschen an, was alle überraschte. Zeitweise waren große Bullen­einheiten eingeschlossen und warfen in ihrer Not selbst mit Steinen (nach eigener Aussage hätten sie ansonsten nur noch schießen können). Ein Wasserwerfer wurde mit Motor­schaden bereits aufgegeben, konnte aber nicht erobert werden. Viele Gullideckel wurden auf­gestellt als Wannen-Falle. Die Gewalt richtete sich kaum gegen Geschäfte, sondern vor allem gegen die Bullen direkt, denen auch die ver­gangenen zwei Jahre Terror (durch EbLT und andere) heimgezahlt wurden. Bis etwa Mitter­nacht ging die Randale. Sie war neben der Schlacht um die Mainzer Straße im November 1990 die heftigste Auseinandersetzung in Berlin nach dem Krieg.

Bilanz: ca.1600 Polizisten im Einsatz, 346 davon verletzt. 154 beschädigte Polizei-Fahr­zeuge (Schaden: 530.000,-).
20 Festnahmen, 5 Haftbefehle, 2 Haftver­schonungen, 3 Leute in U-Haft.
1,5 Millionen DM Schaden. 95 Pkw beschädigt, davon 30 ausgebrannt. 12 Geschäfte geplün­dert, Glasbruch bei 58 Läden, 15 Sex-Shops und Spielsalons, 6 Banken, etlichen Wohn­ungen, Büros und Lokalen.

Skandale: Die Äußerungen aus dem alter­nativen Klientel in den Tagen nach dem 1.Mai waren von Hysterie und Aggressivität gezeich­net. So wurde z.B. behauptet, Auto­no­me hätten Tränengas auf das Fest geworfen und eine antifaschistische Ausstellung in einem Bus der Geschichtswerkstatt angezündet. Immer wieder wurde fälschlich unterstellt, eine Explosion der Tankstelle mit vielen Toten sei nur durch Glück vermieden worden – durch die Rück­schlag-Sicherungsventile und die Bauweise der Zapfanlage ist eine Explosion der Tanks bei Zündelei an den oberirdischen Aufbauten aber unmöglich. Im Bestreben, alle links zu über­holen, verrannte sich hingegen der Ex-Grüne T.Ebermann in der „konkret“ zu der absurden Behauptung, Demo-Leitung und Fest-Organi­satorInnen (die er fälschlich in eins setzte) hätten mit den Bullen kooperiert.
Der eigentliche Skandal fand innerhalb der Sicherheitsbehörden statt: Durch Indiskretion wurde später bekannt, daß vor allem der Republikaner-nahe Polizei-Führer Ernst an diesem Tag bewußt schlampig arbeitete und Bullen verheizte, um den verhaßten SPD-Innensenator Pätzold und seine „Deeskalation“ abzuschießen.

Nachher: Die „BZ“ titelte am Tag danach: „Beirut? Nein, das ist Berlin!“ Die Diskussion war heftig und explosiv, mit dem Unterschied zu 1987, daß links-liberale Kreise diesmal auf der anderen Seite standen und anstatt ihren politischen Nutzen aus dem Krawall zu ziehen im Gegenteil ihre Staatsloyalität mit allen Mitteln unter Beweis stellen wollten. Am 8.Mai 1989 fand in einer Kirchengemeinde ein „Kiez-Palaver“ zu dem Krawall statt, wo unter andem bekannte rot-grüne Lokalpolitiker (Strieder, Härtig, Köppl) auftraten. 200 Menschen disku­tierten da sehr kontrovers und ohne Annähe­rung vor laufenden Kameras.
Am 10.05.89 initiierte die Gewerkschaft der Polizei eine Bullen-Demo gegen Innensenator Pätzolds Deeskalation und die Randale. Am selben Tag fand im Mehringhof eine autonome Vollversammlung statt, wegen des großen An­drangs unter freiem Himmel im Hof. Auch hier wurde sehr kontrovers diskutiert; manchen machte der Bruch zu den liberaleren Linken Angst, andere stellten den Sinn des Krawalls oder von Gewalt an sich in Frage. Es wurde diskutiert, inwieweit ein solcher Riot überhaupt noch steuerbar und/oder politisch einsetzbar sei; ob es am Ende vor allem sich austobende Männergewalt sei… Kritisiert wurde auch, daß durch die Randale das Straßenfest gesprengt wurde.
Das Klima in der Stadt war nach dem 1.Mai sehr angespannt, den Linksradikalen wehte der Wind ins Gesicht wie lange nicht. Es gab Aufrufe von „Kiezbewohnern“, demnächst gewalt­sam gegen Barrikadenbau einzuschreiten, und ein „Kreuzberger Manifest“ aus dem AL-Spektrum, in dem die radikalen Linken be­schuldigt wurden, den Kiez zu zerstören.
Wieder war überall viel die Rede vom sinn­entleerten Krawall der Kids und Betrunkenen und Angereisten.

1.Mai 1990
Vorher: Die politische Großwetterlage war be­stimmt vom Zusammenbruch der DDR und der Ratlosigkeit der Linken angesichts der natio­­nalistischen Mobilisierung in Deutschland. Außerdem lastete der 1.Mai 89 als Hypothek auf jeder Vorbereitung. Es war klar, daß dies­mal keine polizeiliche „Deeskalation“ zu er­war­ten war von der rot-grünen Regierung. Die „taz“ tat sich besonders hervor durch eine wü­tende Hetzkampagne im Vorfeld, die ihren Hö­he­punkt in der Ausgabe vom 30.April er­reichte: Die Linksradikalen wurden wahlweise und wort­­­reich als Mafia, Grünanlagenzerstörer, Wohl­­standslinke, Lügner, potentielle Mörder und Totschläger, Antisemiten, Nazis, Mutter­söhnchen, Kiezzerstörer diffamiert in „Arti­keln“, die sich nicht einmal mehr den Deckmantel journalistischer Berichterstattung umzuhängen versuchten. Selbst die AL war der „taz“ zu links und wurde beschuldigt, für den Krawall und möglicherweise auch Tote mit­verantwortlich zu sein, da sie das geplante und „vernünftigerweise“ verbotene Fest auf dem Gelände des Görlitzer Parks unterstützte. Das Fest sei im übrigen nichts als eine Tarn­be­zeich­nung für geplante Randale (Den Amoklauf vom 30.April inszenierten Max Thomas Mehr, Brigitte Fehrle und die Pseudonyme „Martin Dittkamp“ und „Valerie Dupont“).
Für die radikalen Linken war klar, daß der diesjährige revolutionäre 1.Mai sehr gründlich vorbereitet werden mußte. Es wurde eine enge Zusammenarbeit zwischen Demovorbereitung und Fest angestrebt, zudem wurden politische Aktionstage Ende April organisiert (die aber nur wenig Resonanz fanden).

Demo: Die Vorbereitung begann diesmal, anders als 88/89, bereits Mitte Januar. Die Pro­to­kolle sowie ergänzende Texte zu den Themen Militanz und Durchführung der Demo wurden ab Anfang März in der Interim abgedruckt. Es gab anfangs einen neuen Vorbereitungskreis unabhängig von den Vorbereitungsgruppen der Jahre davor. Die Vorbereitungsgruppe war offen­bar weniger von kommunistischen und mehr von undogmatisch-autonomen Kreisen als 1989 bestimmt. Außerdem war bis Mitte April eine türkisch-kurdische ML-Gruppe be­tei­ligt, verließ das Plenum jedoch, da es zum Thema Stalinismus keine Einigung gab. Anfang April wurde der Vorschlag für den gemein­samen Aufruf veröffentlicht. Das Motto der Demo war, passend zur bevorstehenden „Vereinigung“ Deutschlands: Lieber raus auf die Straße als heim ins Reich!

Die Polizei war bereits bei den Vorkontrollen zur Demo sehr massiv um den Oranienplatz prä­sent. Als eine Gruppe versuchte, die Vorkontrollen gewaltsam zu durchbrechen, zogen zwei Bullen ihre Pistolen. Es gab im Vorfeld 38 ASOG-Festnahmen.
An der Demo nahmen rund 12.000 Menschen teil (die Polizei zählte 8000-10.000, die VeranstalterInnen 15.000), darunter auch einige hundert Menschen aus Ost-Berlin, wo zuvor eine unabhängige Ost-Demo von ca.2000 Leu­ten gemacht worden war. Trotz engem Polizei­spalier, starken Polizeikräften in Seitenstraßen und einzelnen Steinwürfen verlief die Demo ins­gesamt friedlich und diszipliniert durch Kreuz­berg und Neukölln und zurück zum Fest­platz. In Neukölln wurde aus einem Wohnhaus mit einem Luftgewehr auf die Demo ge­schos­sen, wobei zwei oder drei Personen verletzt wurden.

Die „RIM“ bildete einen Block von ca.50 Leuten und brachte einen eigenen Laut­sprecher­wagen mit, den sie notfalls mit Gewalt durchsetzen wollten. Er fuhr dann ziemlich am Ende der Demo vor dem Kinder-Block und beschallte genervte Kinder und Eltern mit ML-Parolen.
Fest: Auf dem Gelände des Görlitzer Parks wurde ein Fest vorbereitet, getragen von Auto­nomen bis hin zu linken AL-Leuten. Der SPD-Bezirksbürgermeister König verbot dieses Fest; kurz vor dem 1.Mai platzte die Vorbe­rei­tungs­gruppe unter dem politischen Druck und wollte das Fest absagen. Spontan bildete sich eine neue Gruppe aus Linksradikalen, die versuch­ten, trotz Verbots das Fest zu organisieren und durchzusetzen, was auch gelang. Das Fest war dadurch recht improvisiert und ziemlich szene-dominiert.

Randale: Abends besetzte die Polizei den Kiez und sparte nicht mit provokativem Auftreten. Die Tankstelle Ecke Görlitzer Str. wurde von Wannen mit Absperrgittern gesichert. Am Lau­sitzer Platz sammelten sich nach und nach Leute und bewarfen die absperrenden Bullen mit Steinen, daraufhin wurde mit Tränengas der Lausitzer Platz und auch das Fest im Park geräumt. Später wurde der U-Bahn-Verkehr auf der Linie 1 eingestellt. Etwa 500 Menschen beteiligten sich an der Randale, die sich bis gegen 2 Uhr morgens hinzog. Die Polizei ging sehr brutal vor. Vermummte Zivilbullen sollen gesichtet worden sein.

Nazis: Nix.

Bilanz: 3800 Polizisten im Einsatz (2000-3000 in Kreuzberg), davon 230 verletzt. Geringe Sachschäden. 100 Festnahmen, 7 Haftbefehle, 4 Haftver­schonungen, 3 Leute in U-Haft. 200 Verletzte, darunter viele Kopfverletzungen. Ein 15jähriger wurde von den Bullen der EB41 mit Schädelbruch, eingeschlagenen Zähnen und gebrochenen Handgelenken ins Urban-Kranken­haus eingeliefert.

Skandale: Bei der nächtlichen Randale wurden zwei Pressefotografen und ein SFB-Kamera­team von Bullen geprügelt. Der Innensenator Pätzold entschuldigte sich dafür, gegen die Bullen wurden Ermittlungen eingeleitet. Die „taz“ kommentierte, es habe „im Gegensatz zu früheren 1.Mai-Nächten kaum Behinderungen der Presse“ gegeben – so beeinflußt der Stand­punkt die Sichtweise…

Nachher: Polizeipräsident Schertz sah ein erfolgreiches Konzept der „Deeskalation und Präsenz“. Die Berliner AL schloß sich dem an. Innensenator Pätzold beklagte den hohen Anteil ausländischer Jugendlicher, die sich am Krawall beteiligt hätten.
Ähnlich wie beim 1.Mai 2000 wurde auch 1990 der revolutionäre 1.Mai von Regierungs- und Medienseite im Vorfeld zur Entscheidungs­schlacht zwischen Zivilgesellschaft und barbar­ischen Horden hochgeredet, um dann nach dem Ausbleiben der großen Schlacht alles unter „ferner liefen“ abzuhandeln und umso kleiner zu machen.

Die „taz“-Hetze im Vorfeld des 1.Mai hatte ein Nachspiel: Am 4.Mai erschien eine Erklärung in der Zeitung, in der sich 35 „taz“-Mitarbeiter­Innen aus Technik und Verwaltung von den Artikeln vom 30.April distanzierten. Der AStA der Technischen Universität veröffentlichte eine Erklärung, die historische Parallelen zog zur Springer-Hetze und dem darauf folgenden Mordanschlag auf Rudi Dutschke 1968. Damals sei zurecht gesagt worden „Springer hat mitgeschossen“, diesmal sei die „taz“ mit­veranwortlich für ein politisches Klima, in dem – wenn auch ’nur‘ mit Luftdruckgewehr – auf DemonstrantInnen geschossen werde.

Aus der autonomen Szene gab es einige Nach­bereitungspapiere. Da die Demo noch größer als im Vorjahr gewesen war und ge­schlossen hatte durchgeführt werden können, und da das Fest hatte durchgesetzt werden können, wurde der Tag insgesamt als großer Erfolg gewertet. Manche befürchteten, die Integrations- und Befriedungsstrategie gegen den revolutionären 1.Mai könne auf autonome Kreise übergreifen, indem Leute den Platz einnehmen würden, der durch den Rechtsruck des AL-„taz“-Spektrums freigeworden sei (eine etwas paranoide Vor­stel­lung, die aber in den folgenden Jahren immer wieder mal auftauchte). Andere beklagten, daß die radikale Linke nichts zu mitzuteilen hätte und den Ereignissen hinterherlaufe. Der Ver­lauf der nächtlichen Randale wurde über­wiegend als von den Bullen gezielt herbeige­führt interpretiert.

1.Mai 1991
Vorher: Politische Begleitumstände waren die deutsche Vereinigung, die neue große Koalition aus SPD und CDU in Berlin, der kurz zuvor be­endete zweite Golfkrieg der NATO gegen den Irak und die inner­linke Debatte um Stali­nis­mus und linkes Ost-West-Verhätnis. Nach den zugespitzten Jahren 1989/90 war dieser 1.Mai etwas geruhsamer.

Demo: Anfang März begann die Vorbereitung, deren Protokolle in der Interim veröffentlicht wurden. Viele Leute aus der 89/90er-Vor­be­rei­tung waren wieder beteiligt. Türkisch-kurdische Gruppen waren spärlich vertreten (eine ML-Gruppe, eine Antifa-Gruppe), Frauengruppen gar nicht. Hauptdiskussionspunkte der Demo-Vorbereitung: Frage der Route und Stali­nismus/“RIM“. Einige Ostberliner Gruppen hätten lieber eine eigene Ost-Demo gemacht, setzten diesen Gedanken aber nicht um. Die Demo­route führte letztlich vom Oranienplatz nach Friedrichshain, um die Verbindung West-Ost herzustellen und weil eine Route nach Prenzl­berg ungünstig schien. Dabei spielte die besonders in Friedrichshain starke Hausbe­setzungsbewegung und der Mythos ‚Mainzer Straße‘ eine erhebliche Rolle (in der Mainzer Str. waren viele Häuser besetzt und Anfang No­vember 1990 von den Bullen geräumt wor­den, dabei gab es noch heftigere Ausein­ander­setzungen als am 1.Mai 1989 in Kreuzberg; die rot-grüne Koalition in Berlin zerbrach daran). Aus Friedrichshain meldete sich prompt Pro­test gegen den ‚Einfall der Horden‘ und be­fürch­tete Fremd-Randale, auch der Besetzer­Innen-Rat war gegen diese Demo-Route. Das Plenum besprach den „RIM“-Konflikt, der sich seit 1.Mai 1990 eher verschärft hatte, und wollte der „RIM“ Lautsprecherwagen und Stalin-Transparent (die „5 Köpfe“) verbieten. Die „RIM“ bemühte sich durch persönliches Er­scheinen darum, dies abzuwenden, jedoch erfolglos. Die beteiligte ML-Gruppe verteidigte dagegen die ‚Freiheit der Propaganda und Agitation‘ und geriet dadurch selbst in Konflikt mit dem Plenum.
Bei Nieselregen kamen rund 10.000 Leute zu der Demo (Polizei: 8000, VeranstalterInnen: 20.000), mehr als zur DGB-Demo. Die Demo verlief friedlich. Wichtige Themen waren die Ab­lehnung der „Hauptstadt Berlin“ und Soli­darität mit dem Kampf in Kurdistan.
Es kam zum gewaltsamen Konflikt mit der „RIM“, die wieder einen eigenen Laut­sprecher­wagen mitgebracht hatte. Er wurde fahruntüch­tig gemacht, ein Transparent mit Stalin-Bild wurde der „RIM“ geklaut. Die „RIM“-Leute gingen dann am Ende der Demo. Die Polizei hielt sich während der Demo zurück.
Nach der Demo kam es in Friedrichshain zu Aus­einandersetzungen zwischen abströmenden Demo-TeilnehmerInnen und provozierenden Bullen. Zwei Polizeifahrzeuge wurden mit Mollis angegriffen.

Fest: Relativ kurzfristig wurden zwei Feste vor­bereitet: Am Lausitzer Platz in Kreuzberg und am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Das Fest am Lausitzer Platz fand wieder kein friedliches Ende.

Randale: Am Lausitzer Platz begann am späten Nachmittag das Spiel vom Vorjahr; Steine flo­gen gegen die Bullen-Absperrung an der Tank­stelle Ecke Görlitzer Str., die Polizei ließ sich nicht lange bitten und räumte gegen 19 Uhr den Platz mit Tränengaseinsatz. Es ging auch so weiter wie im Vorjahr: ein paar hundert Leu­te, davon nur wenige aus der autonomen Szene, lieferten sich Scharmützel mit den Bullen.

Nazis: Nix.

Bilanz: 4500 Polizisten im Einsatz, davon 3100 in Kreuzberg und Friedrichshain. 87 Polizisten verletzt, davon einer stationär behandelt (1993 behauptete der Innensenator laut „taz“, 1991 seien 233 Polizisten verletzt worden; vielleicht eine Verwechslung mit 1990). 105 ASOG-Festnahmen, 76 Festnahmen we­gen Straftaten (wobei ca. die Hälfte der Fest­genommenen in Ost-Berlin wohnten). 4 Haft­befehle, alle mit Haftverschonung. Geringe Sachschäden (1992 ist aber davon die Rede, der Schaden habe mehr als 1 Million DM betragen…).

Skandale: Die Polizei griff ein ZDF-Kamera­team an und stürmte das türkische Lokal ‚Kösk‘ am Lausitzer Platz. Diese Vorwürfe wies der Polizeipräsident später zurück und ent­schuldigte sich für nichts.

Nachher: Innensantor Heckelmann tönte, Ber­lin habe die Bewährungsprobe als Regier­ungs­­sitz „in aller Gelassenheit, aber konse­quent“ bestanden. Auch Polizeipräsident Schertz sah „Konsequenz und Augenmaß“. Die AL kriti­sierte die Randale ebenso wie die Polizeitaktik.

1.Mai 1992
Vorher: Allgemeinpolitische Themen im Vor­feld des 1.Mai gab es wenige, eher begrenz­te, z.B. die Riots in Los Angeles und die Welt­ausstellung Expo in Sevilla. Lokale The­men waren vor allem die Anti-Olympia-Kampagne und der Widerstand gegen die Öffnung der Ober­baumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain für Autos. Die Zersplitterung autonomer Strukturen hatte sich fortgesetzt. Der Ost-West-Konflikt und die Debatte über den Umgang mit Stalinismus bzw. ML-Grup­pen prägte auch in diesem Jahr die Vor­bereitung des revolutionären 1.Mai.

Demo: Mitte März begann die Vorbereitung der Demo durch ein Koordinierungstreffen, das sich ausdrücklich nur für den technischen Ablauf der Demo, nicht aber für deren Inhalte zuständig fühlte. Darin war z.T. perso­nelle/strukturelle Kontinuität zu den ver­gangenen Jahren gegeben und es überwogen ‚klassisch‘-autonome Kiezgruppen. Wieder war eine türkisch-kurdische ML-Gruppe in der Vorbereitung, und wieder wurde das Fern­bleiben von Frauen(-Gruppen) bedauert. Die Protokolle der KO-Gruppe wurden in der Interim veröffentlicht. Motto der Demo: In die Herzen ein Feuer – unser Kampf geht weiter.
Am Vormittag des 1.Mai gab es unabhängig davon einen ‚Zug der Widerspenstigen aus Ost und West‘ zur DGB-Kundgebung.
Die Vorkontrollen der Polizei mittags in Kreuz­berg waren sehr massiv. Die „RIM“ versuchte in diesem Jahr zum ersten Mal, durch eine frühzeitige eigene Anmeldung der Demo am Oranienplatz Fakten zu schaffen und ihre Inter­essen gegen alle anderen Gruppen durch­zusetzen. Das klappte aber nicht.
Zu Beginn der Demo eskalierte der Konflikt zwi­schen türkisch-kurdischen ML-Gruppen. Die Gruppe ‚Partizan‘ griff ‚Bolschewik Partizan‘ an, andere ML-Gruppen verhielten sich absprachewidrig, die „RIM“ nutzte das Chaos und prügelte sich und ihrem Laut­sprecherwagen einen Weg in die Mitte der Demo. Es gab zahlreiche Verletzte, einige davon schwer. Die Schlägerei zog sich bis zur Ecke Adalbertstr. hin, wo die Bullen ein Hinausdrängen der „RIM“ verhinderten. Etwas später wurde der „RIM“-Lautsprecherwagen beschädigt und verließ die Demo nach etwa der Hälfte der Strecke. Die Schlägereien hatten zur Folge, daß in der Mitte der Demo (zwischen der „RIM“ und dem ‚Internationalistischen Block‘, der von den ML-Gruppen angeführt wurde) eine sehr große Lücke entstand, so daß es faktisch zwei Demos hintereinander waren.

An der gesamten Demo, die vom Oranienplatz durch Mitte und Neukölln führte, nahmen 12.000-15.000 Menschen teil. Es kam während der Demo zu einzelnen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Ein Computerladen wurde geplündert, ein Wachschutzwagen angezündet, eine Bullenwannen beinahe. Das letzte Stück der Demo auf dem Kottbusser Damm bis zum Kottbusser Tor eskalierte zunehmend.

Fest: Keines. Nachdem in den Vorjahren jedes Fest im Tränengas geendet hatte, fand sich diesmal keine Vorbereitungsgruppe.
Randale: Gegen Ende der Demo versuchte die Polizei Festnahmen. Es flogen Steine auf Schaufenster und auf die Bullen, die wiederum Tränengas und Wasserwerfer einsetzten. Schon am späten Nachmittag wurde der U-Bahn-Ver­kehr der Linie 1 eingestellt. Die Taktik der Poli­zei bestand darin, mehr Wasserwerfer- und Tränen­gaseinsatz als Prügeleinsätze zu machen und massiv aufzufahren. Sie kontrollierte die Lage weitgehend. Wiederum beteiligten sich viele Kids aus dem Kiez oder auch von anders­wo an der Randale, während viele Altautonome kopfschüttelnd danebenstanden.

Abends gab es im Kollwitz-Kiez in Prenzlauer Berg unter dem Motto „Der Osten schlägt zurück“ eine kurze und heftige Demo von ca.1000 Leuten mit Barrikadenbau, Steinen gegen BGS und Plünderungen; in Friedrichs­hain wurden diverse Schaufenster eingeworfen.

Nazis: Nachmittags sammelten sich am Thäl­mann­park in Prenzlauer Berg einige dutzend FAP-Nazis zu einer Demo, von BGS-Einheiten geschützt. Rund 200 spontan mobilisierte Antifas griffen sie trotzdem erfolgreich mit Steinen bis in die S-Bahn hinein an.

Bilanz: 5000 Polizisten (davon 500 BGS) im Einsatz, davon 127 verletzt, einer stationär behandelt. 294 Festnahmen, davon 142 wegen Straftaten, 23 Haftbefehle, 15 Haftverschonungen, 8 Leute in U-Haft. Bei 52 Läden gingen Scheiben zu Bruch, es gab 6 Plünderungen, 57 Autos wurden beschädigt.

Skandale: Ein RTL-Kamerateam wurde vom Wasserwerfer weggespült. In ein Lokal wurde eine Tränengasgranate geschossen, wofür der Polizeipräsident sich entschuldigte.

Nachher: Innensenator Heckelmann lobte das umsichtige Vorgehen der Polizei und teilte mit: „der Sachschaden liegt im Gegensatz zum Vorjahr deutlich unter der Millionengrenze“. Auch die Gewalt habe deutlich abgenommen (oder gar „deutlichst“? eine der skurrilen Wort­schöpfungen Heckelmanns). Die Rede war von „äußerster Zurückhaltung bei gleichzeitigem entschiedenen Zugriff bei Angriffen“. Etwas später intrigierte der notorische Scharfmacher Polizeidirektor Kittlaus gegen Polizeipräsident Schertz: Alles sei viel schlimmer gewesen und werde schöngeredet. Er fand aber keine Unterstützung.

Der „taz“-Journalist Nowakowski hatte für sein Blatt die jüngere Vergangenheit bewältigt und kritisierte, die offizielle Tiefstapelei sei Schön­färberei für die Hauptstadt-Debatte, das Polizei­konzept sei auf Bürgermeister Diepgens Geheiß hin „Schluß mit der Deeskalation und draufgehauen“ gewesen.

Die Nachbereitung in der Interim beschäftigte sich ganz überwiegend kritisch mit dem Ver­hält­nis zu ML-Gruppen, insbesondere der „RIM“. Deren brutales Vorgehen auf der Demo hatte viele schockiert. Es gab aber auch Kri­tik an undifferenziertem Verhalten der Auto­nomen. Die abendliche Randale wurde mehr am Rande abgehandelt; begrüßt wurde, daß es militante Aktionen in Kreuzberg, Prenzlberg und Friedrichshain gegeben hatte; ein politischer Inhalt der Kreuzberg-Randale wurde kaum gesehen.

1.Mai 1993
Vorher: Die politischen Begleitumstände ähnel­­ten denen von 1992: Große SPD-CDU-Koa­lition, Hauptstadt Berlin… Der nationa­li­stische Widervereinigungs-Taumel, die ras­sis­ti­schen Pogrome von Hoyerswerda und Rostock und der Aufwind für Nazi-Gruppen bestim­m­ten das Klima. Daneben trat die Anti-Olym­pia-Kampagne in ihre heiße Phase. Die Spal­tung der radikalen Linken hatte sich 1992 er­heb­lich ver­stärkt, vor allem die Berliner auto­no­me Sze­ne zerfiel zunehmend in ‚Bewegungs­autonome‘, ‚kommunistische Autonome‘ und Antifa-Szene.

Demo: Im Februar begann die Demo-Vor­be­reitung, die Plenums-Protokolle wurden in der In­terim veröffentlicht. Nach den unge­lös­ten Kon­flikten v.a. der Jahre 1991/92 betei­lig­ten sich viele Gruppen nicht (mehr) daran: ‚Be­we­gungsautonome‘, Frauengruppen, Mi­grant­In­nen, Ost-Linke… so wurde die Vorbe­rei­tung dominiert von ‚kommunistischen Auto­nomen‘, die versuchten, eher reformistische Gruppen wie die ‚Kritischen Gewerk­schaft­erInnen‘ in die Vor­bereitung miteinzubeziehen. Der versuchte Spagat zwischen dem ‚Brücken­schlag‘ zu weni­ger radikalen Kreisen und eigen­en Ansprüchen, dazu die kritische bis de­struktive Haltung vieler Linksradikaler dem Ple­num gegenüber, führten zu einer Lähmung. Obwohl zu Anfang erklärt wor­­­den war, der revo­lutionäre 1.Mai müsse nun mehr inhaltlich als formal diskutiert und ge­­füllt werden, ging es schon nach kurzer Zeit fast nur noch um den innerlinken Konflikt, um Route, Zusammen­setzung und Verantwort­lich­keit der Demo. Es gab endlose Debatten über Routenvorschläge und Verhältnis zur „RIM“. Gruppen aus Ost­berlin beklagten sich, nicht ein­bezogen zu sein. Dem Vorbe­rei­tungs­plenum wur­de der Vorwurf gemacht, von ML-Gruppen do­miniert zu sein. Der Brückenschlag zu den ‚an­deren gesell­schaftlichen Kräften‘ schei­ter­te letzt­lich, sie zogen sich zurück; gleich­zeitig er­klär­­ten diverse linksradikale Grup­pen, die De­mo so nicht mit­tragen zu wol­len. Wenige Wo­chen vor dem 1.Mai platzte dann eine Voll­ver­sammlung an der Frage der Hal­tung zu „RIM“ bzw. ‚Stali­nismus‘, und es bil­dete sich ein zwei­tes, ‚auto­nomes‘ Plenum zur Demo. Zwischen beiden Plena gab es starke Konkurrenz. Die schließ­lich erarbeitete Demo-Route vom Ora­nien­platz nach Prenz­lauer Berg wurde von eini­gen Ost-Gruppen ab­gelehnt mit der Kritik, hier wollten sich Westler an die Ereignisse des letztjährigen 1.Mai im Koll­witzkiez anhängen; zuletzt wurde beschlos­sen, die Demo nur bis zum Rosen­thaler Platz zu führen.

Zur Demo kamen knapp 10.000 Menschen (die Polizei sprach von 5500). Das erste 1.Mai-Plenum bildete die Demo-Spitze, die aber nur aus wenigen hundert Menschen bestand (v.a. ML-Gruppen). Dahinter kam der um ein viel­faches größere Block des ‚autonomen‘ Plenums. Zu Beginn der Demo kam es wie 1992 zum Kon­­flikt zwischen „RIM“ und Teilen der Demo. Leute versuchten, die „RIM“ daran zu hindern, dicht hinter dem Kern des Auto­no­men Blockes einzuscheren. Diese prügelte sich daraufhin den Weg frei. Die chaotische Schlä­gerei zog sich bis zur Ecke Adalbertstr. hin, wo die „RIM“ nicht mehr weiterkam. Die „RIM“-Leute setzten v.a. Holzlatten ein, wäh­rend ihre GegnerInnen weitgehend unbewaff­net waren. Es gab viele unkontrollierte Fla­schen- und Steinwürfe. An der Ecke Adal­bert­str. drangen Bullen in die Demo ein und holten die „RIM“ samt Lautsprecherwagen gewaltsam aus der De­mo. Dazu gab es von einigen Um­stehenden lauten Beifall. Die Demo ging dann weiter, be­gleitet von häufigen Aus­einander­setzungen mit der massiv präsenten Polizei. Ein­mal eskalierte die Situation mit Tränen­gaseinsatz und Molli-Würfen, beruhigte sich aber wieder. Immer mehr Leute verließen die Demo. In der Nähe der Olympia-GmbH (Breite Str.) sprengte die Po­lizei schließlich die Demo mit Einsatz von Knüppeln und Wasser­werfern, sie mußte um 17 Uhr aufgelöst wer­den. Es gab viele Fest­nahmen und Verletzte.

Fest: Am Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg), vorbereitet von Ost-Gruppen in bewußter Ab­grenzung vom West-1.Mai.

Randale: Abends im Anschluß an das Fest am Helmholtzplatz im dortigen Kiez Barrikaden und Steine gegen Wasserwerfer und Panzer­wa­gen. In Kreuzberg vergleichsweise wenig: Ein paar Sitzblockaden auf der Straße führten be­reits zum Wasserwerfer-Einsatz, es gab ver­ein­zel­te Steinwürfe auf die Polizei, die den gan­zen Kiez besetzt hielt.

Nazis: In Berlin-Friedrichsfelde machten 100 FAP-Nazis eine Demo, die von den Bullen ge­schützt wurde. Viele mobilisierte Antifas wur­den an Sperren abgefangen, 40 wurden festge­nom­men; nur etwa 30 erreichten den Schau­platz, es gab einzelne kurze Auseinander­setz­ungen mit Nazis.
Am Vorabend hatte ein junger Nazi einen ZDF-Reporter niedergestochen.

Bilanz: 4000 Polizisten im Einsatz (darunter 1000 BGS), (davon 1500 in Kreuzberg), 19 davon verletzt. 169 Festnahmen (über 60 schon bei der De­mo), davon 115 wegen Straftaten, 24 Haft­be­feh­le, 13 Haftverschonungen, 11 Leute in U-Haft. Viele Verletzte, nach der Demo 5 Menschen im Krankenhaus.

Skandale: Gegen 00.30 lief eine BGS-Truppe in Formation durch die Oranienstr.; ein Betrun­ke­­ner im Eingang einer Mini-Pizzeria gröhlte da­­zu provokativ den Anfang des ‚Horst-Wessel-Liedes‘. Daraus entstand das Gerücht, die BGS-Leute hätten das Nazi-Lied gesungen. Einige OhrenzeugInnen erstatteten Anzeige, Staats­­schutz und BGS ermittelten ein paar Wochen lang halbherzig deswegen und stellten dann das Verfahren ein; es fanden sich keine wie­teren Be­weise, die Bullen unterstellten „bewußtes Singen von Störern“.

Nachher: Innensenator Heckelmann, Polizei­präsident Saberschinsky und Bürger­meister Diep­gen äußerten die bekannten Sprüche da­nach: Die Polizei sei „zurückhaltend“, „schnell“ und „konsequent“ vorgegangen gegen „sattsam bekannte professionelle Randalierer“ und habe erst eingegriffen, als Menschenleben in Gefahr waren; die Gesamtbilanz sei „so erfolgreich wie seit vielen Jahren nicht mehr“.
Die Medien bemerkten einmal mehr den immer mehr wachsenden Anteil von deutschen und aus­ländischen Jugendlichen bei der Randale.

In der Interim drehte sich die Nachbereitung ne­ben der Kritik an den ritualhaften Krawallen und der inhaltlich sich entleerenden, auch ritua­lisierten Demo (analog zu 1992) weitgehend um den „RIM“-Konflikt, um das Verhältnis Auto­­nome vs. KommunistInnen (inkl. ML-Gruppen, ‚Stalinisten’…) und um die Demo-Vor­­bereitung. Die Spaltungen im Vorfeld setz­ten sich bruchlos fort. Konstruktive An­sätze wa­ren selten; auch wenn die Beiträge oft so eingeleitet wurden, wurde meist gegen­seitig abgekotzt.
Am Abend des 1.Mai eskalierte die Spaltung der türkisch-kurdischen ML-Gruppe DevSol am Kottbusser Damm, ein Mann wurde erschossen.

1.Mai 1994
Vorher: Die Spaltung der radikalen Linken aus den Jahren 1991-93 hielt unvermindert an, außer Antifa gab es kein gemeinsames Thema. Auch aus dem Osten kamen keine neuen Im­pulse mehr. Das nach dem 1.Mai 1993 weiter bestehende Autonome Plenum plädierte für einen Autonomie-Perspektiven-Kongreß, der aber zum 1.Mai 1994 nicht organisierbar war, auf den Herbst 1994 verschoben wurde und schließlich zum 1.Mai 1995 stattfand.

Demo: Nach dem Desaster des revolutionären 1.Mai 1993 fand sich diesmal keine Gruppe zur Vorbereitung der Demo zusammen.
Auch der DGB konnte in diesem Jahr – bei kühlem Wetter – nur wenige Menschen (ca.5000) mobilisieren. Dabei gingen die Bullen gegen kurdische TeilnehmerInnen vor wegen Zeigens von kurdischen bzw. PKK-Symbolen.
Die „RIM“ meldete als „Revolutionärer 1.Mai-Bündnis“ unverdrossen eine Demo um 13 Uhr am Oranienplatz an, zu der sie seither jedes Jahr mit demselben Flugblatt (bei aktualisiertem Datum) aufruft. Die Demo führte zum Bran­den­burger Tor, es nahmen anfangs knapp 1000, später nur noch einige hundert Menschen daran teil. Die Bullen waren sehr massiv an der Demo dran und nahmen am Ende etliche Men­schen fest, u.a. wegen Abspielen des Slime-Liedes „Deutschland“ (mit dem Refrain „Deutschland verrecke“) und Aufruf zu Straftaten aus dem Lautsprecherwagen.

Abends mobilisierte die Kreuzberger Lokal­par­tei KPD/RZ zur „Mutter aller Demon­stra­ti­onen“ vom Marheinekeplatz in Kreuzberg zum Kottbusser Tor. Das Motto „Gegen nächt­­liche Ruhestörung und sinnlose Gewalt“ lockte rund 2500 Menschen zur seit Jahren lautesten und fröhlichsten Mai-Demonstration („Deutsche Polizisten – Gärtner und Floristen!“). Kurz vor dem Kottbusser Tor griffen die Bullen auch diese Demo an und lösten sie auf.

Fest: Auf dem Oranienplatz wurde ein „inter­nationalistisches Straßenfest“ organisiert mit einigen tausend Leuten und guter Stimmung bis zum Abend.

Randale: Abends löste die Polizei wegen angeblicher Steinwürfe und der versuchten Öff­nung des Plus-Supermarkts am Oranien­platz das Fest gewaltsam auf. Es gab auch Wasser­werfer-Einsatz. Die Polizei hielt den Kreuz­berger Kiez besenrein besetzt und kon­trollierte die Situation.

Nazis: Die FAP wollte mittags in Berlin-Treptow demonstrieren, wo aber bereits 500 Antifas auf sie warteten bei einer angemeldeten Kundgebung. Die Polizei hatte die FAP-Demo wegen „polizeilichem Notstand“ verboten, was vor Gericht aber nicht durchkam. Später ver­sammelten sich die Nazis in Prenzlauer Berg zu einer Spontandemo, wobei 25 von ihnen fest­genommen wurden. Die kurzfristige Antifa-Mobilisierung dorthin kam zu spät, zahlreiche Antifas wurden eingekesselt und nach ASOG festgenommen.

Bilanz: 4000 Polizisten im Einsatz, davon 34 verletzt. 139 Festnahmen, davon 40 wegen Straftaten. Ein Mann wurde schwer verletzt, als er aus einer Wanne flüchtete und dabei von einem Last­wagen angefahren wurde. Der Fahrer be­ging Fahrerflucht.

Skandale: Keine.

Nachher: Kaum Nachbereitung. Innensenator und Polizeipräsident sagten dasselbe wie jedes Jahr: Alles war ein großer Erfolg.

1.Mai 1995
Vorher: Überregional spielte neben den ‚allgemeinen‘ Themen der zugespitzte Krieg in Kurdistan eine Rolle. Lokale Begleitumstände waren der ‚Fall Kaindl‘, der die linksradikale Szene in Atem hielt durch Verhaftungen, Aussagen und politische Spaltung, sowie kurz vor dem 1.Mai der ‚Fall KOMITEE‘ mit dem gescheiterten Bombenanschlag auf die Baustelle des neuen zentralen Berliner Abschiebeknastes in Köpenick. Auch dieses Jahr gab es keine Demo-Vorbereitung, stattdessen einen bundes­weiten „Autonomie-Kongreß“ in Berlin, der im wesentlichen von ‚Bewegungsautonomen‘ ge­tragen war.

Walpurgisnacht: Am Vorabend des 1.Mai feierten – wie seit Anfang der 90er Jahre üblich und jedes Jahr mehr – Menschen am Koll­witzplatz die Walpurgisnacht. Als die Bullen das Feuer auf dem Platz löschten und das Fest sprengten, wurden aus ein paar hundert rasch rund 2000 Menschen, die sich gegen die rund 600 Bullen zur Wehr setzten mit Steinen und Barrikaden. Einige Stunden lang knallte es im Kollwitz-Kiez heftig. Später stellte sich heraus, daß die Bullen u.a. deswegen vor Ort waren, weil ein Mitglied der „Anwohner-Initiative“ beim Bezirksamt den Schutz des neuen Rasens auf dem Platz vor Zerstörung angemahnt hatte…

Demo: Die „RIM“ machte ihre 13-Uhr-Demo mit anfangs rund 2000 TeilnehmerInnen, beim Verlassen des Kreuzberger Kiezes blieben die Neugierigen und Mitläufer zurück, einige hundert blieben übrig. Die Polizei war wieder massiv präsent und griff u.a. wegen Zeigens von PKK-Symbolen die Demo an.
Zum Abschluß des Autonomie-Kongresses gab es eine Spontandemo von einigen tausend Leu­ten zum Abschiebeknast Kruppstraße, auf der die Solidarität mit den wegen des KOMITEE-Anschlages Gesuchten gezeigt wurde.

Fest: In Prenzlauer Berg am Humannplatz (in sicherem Abstand zu Kollwitz- und Helmholtz-Kiez).
Randale: Angefeuert durch die Randale der Walpurgisnacht, zog es abends viele Schau- und Wurflustige in den Kollwitzkiez. Diesmal stan­den aber nur wenige 100 Menschen einer großen Bullenübermacht gegenüber.

Nazis: Nichts(?).

Bilanz: Insgesamt rund 100 verletzte Polizis­ten, davon 4 „schwer“. 160 Festnahmen, 5 Leute sollten dem Haft­richter vorgeführt werden.

Skandale: Keine besonderen.

Nachher: Innensenator Heckelmann meinte, „die geringsten Sachschäden seit 1987“ seien Beweis dafür, „daß der 1. Mai für die Bürger Berlins seinen Schrecken verloren hat“…

1.Mai 1996
Vorher: Die innerlinke Diskussion im Vorfeld des 1.Mai lief in die Richtung, daß die auto­nome Bewegung und ‚ihr‘ revolutionärer 1.Mai aus den Jahren 1987-1991 nicht mehr existiere, daß der Versuch, das totgelaufene Modell zu er­halten, 1992/93 in der Spaltung geendet habe und deswegen mehr eine Neu- als eine Wieder­belebung anstünde. Dabei war vor allem die Anti­faschistische Aktion Berlin (AAB) aktiv. Aus dem Osten gab es wiederum heftige Kritik an einer Demo durch Prenzlauer Berg.
Besondere politische Kristallisationspunkte gab es nicht, abgesehen von den defensiven The­men wie Antifa, Antirassismus, staatliche Re­pression (wie 1995/96 gegen die Zeitschrift „radikal“) und dem Feindbild Innensenator Schön­bohm („Mit mir wird es keinen revolutionären 1.Mai geben“).

Walpurgisnacht: Der Vorabend des 1.Mai in Prenzlauer Berg stand unter ähnlich schwieri­gen Vorzeichen wie der 1.Mai 1988 in Kreuz­berg: Wiederholung der Randale oder nicht? Tausende Menschen kamen zum Kollwitzplatz, wo ein teil-kommerzielles Fest organisiert wor­den war; dazu gab es die „Sicherheits­partnerschaft“ der Anwohner-Initiative mit der Polizei, 90 Zivilbullen auf dem Platz (zu DDR-Zeiten hieß das dann „positive gesellschaftliche Kräfte“), keine Uniformierten in der Nähe, 4 genehmigte Feuer. Ab 1 Uhr nachts gab es auch ungenehmigtes Feuer, die Zivis zogen ab (waren auch viel angepöbelt worden). Dann folgten kleine Scharmützel rund um den Platz, die Bullen stürmten quer über den Platz hin­weg, es gab 25 Festnahmen. Die Veranstalter­Innen waren von der Polizei „enttäuscht“.

Demo: Im Februar begann die Demo-Vorbe­reitung. Sie wurde stark von Menschen aus der AAB und anderen, die die Vorbereitungs­phasen und Konflikte Anfang der 90er nicht direkt miterlebt hatten, getragen. Der Konflikt mit ML-orientierten Gruppen war aber den­noch sehr präsent und nicht auflösbar. Auch um ihm aus dem Weg zu gehen, wurde schließ­lich zu zwei getrennten Demos mobilisiert, die sich am Ende treffen sollten (13 Uhr Rosa-Luxem­burg-Platz und Oranienplatz, zum Kollwitzplatz).
Bei der DGB-Demo am Vormittag waren links­radikale Gruppen sehr lautstark präsent und pfiffen die Redner aus.
Die Demo am Rosa-Luxemburg-Platz ging mit rund 10.000 Menschen v.a. aus dem Antifa- und undogmatisch-autonomen Spektrum weit­gehend friedlich zum Kollwitzplatz. Dagegen gab es bei der deutlich kleineren Demo ab Oranien­platz, die von deutschen und türkisch-kurdischen kommunistischen Gruppen geprägt war, Streß. Die beiden zutiefst verfeindeten Dev-Sol-Fraktionen lieferten sich eine Schlä­ger­ei, und kurz vor Erreichen des Kollwitz­platzes wurde die Rest-Demo von den Bullen eingekesselt, da es am Endplatz „unfriedlich“ sei. Dort flogen auch wirklich bereits die ersten Steine gegen Bullen.

Fest: Am Humannplatz (Prenzlauer Berg) fand ein vor allem von linken Gruppen getragenes Fest statt.

Randale: Die Wut auf die Innenpolitik des Scharfmachers Schönbohm und aktuell die Ein­kesselung der zweiten Demo hatte die Stim­mung angeheizt, so daß es im Kollwitzkiez im Anschluß an die große Demo fast unmittelbar krachte. Die Auseinandersetzung mit Barri­kaden und Wasserwerfereinsatz dauerte ein paar Stunden, blieb aber personell und örtlich relativ begrenzt.

Nazis: NPD- und JN-Nazis führten in Mar­zahn mit 300 Leuten eine Demo durch, die von den Bullen geschützt wurde vor der relativ be­scheidenen Antifa-Mobilisierung.

Bilanz: 4500 Polizisten im Einsatz, davon 48 verletzt. 201 Festnahmen, davon 96 wegen Straftaten, 19 Haftbefehle, 6 Haftverschonungen(?), 13 Leute in U-Haft(?).

Skandale: Keine.

Nachher: Der Innensenator Schönbohm sprach von „differenzierten Maßnahmen“; die „offen­sichtlich unvermeidbaren“ Gewalttätig­kei­ten durch „entschlossenes“ Handeln schnell be­endet worden.“ Die CDU entdeckte wieder vie­le beteiligte Jugendliche und bescheinigte ihnen „Lust an der Randale“, „Werteverfall“ und „fehlenden Respekt vor fremdem Eigentum“.
In der undogmatischen radikalen Linken wurde die große Demo als Erfolg, wenn auch relativ oberflächlich betrachtet. Die AAB wurde – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal – für ihre phrasenhafte Politsprache kritisiert, hin­ter der wenig stecke. Kommunistische Au­to­nome unterstellten irrtümlich, die ‚andere‘ Demo sei ihnen absichtlich nicht zur Hilfe ge­kommen bei der Einkesselung.

1.Mai 1997
Vorher: Wiederum heftige Konflikte um die Demo-Route (Ost-West) und unverminderte Spaltung zwischen undogmatischem und ML-Spektrum; Feindbild Innensenator Schönbohm und Hauptstadt…

Walpurgisnacht: Der Kollwitz-Kiez wurde von der Polizei total besetzt, es gab 200 Platz­verweise, 59 Festnahmen, geschlossene Knei­pen und ein paar Steinwürfe.
In der Nacht zum 1.Mai brannten im Rahmen der ‚Wagensport-Liga‘ 19 Nobelkarossen.

Demo: Das AAB-Spektrum bemühte sich, eine gemeinsame Demo möglich zu machen. Die Gegen­sätze zwischen undogmatischen Auto­nomen und ML-orientierten Gruppen waren aber unüberbrückbar, die einen wollten nur ohne die anderen und umgekehrt. So gab es wieder zwei Demos mit gleichem Beginn wie im Vorjahr, diesmal aber ohne gemeinsamen End­platz. Die Kritik linker Ostgruppen an der Route durch Prenzlauer Berg wurde diesmal respektiert, die große Demo sollte zum Rosen­thaler Platz führen.
Bei der DGB-Demo am Vormittag ging die Poli­zei wieder gegen kurdische Teilnehmer­Innen vor wegen Zeigens von PKK-Symbolen.
Nachmittags zogen 8000-10.000 Leute durch Mitte, begleitet von ständigen Provokationen und Angriffen durch ein großes Polizei­aufgebot. Zuletzt noch etwa 5000 Menschen erreichten den Endplatz.
An der Demo vom Oranienplatz nahmen ca. 2000 Menschen teil.

Fest: Erstmals gab es zwei große Feste, näm­lich wieder am Humannplatz (Prenzlauer Berg) und am Mariannenplatz (Kreuzberg), beide von einem breiten linken Spektrum bis hin zu PDS/Grünen besucht. Das Fest am Mari­an­nenplatz wurde abends kurz vor dem regulären Ende von den Bullen mit Tränengaseinsatz geräumt.

Randale: Abends kurz vor 21 Uhr gab es direkt neben dem Mariannenplatz-Fest, an der Ecke Muskauer Str., eine kurze und heftige Aktion, bei der ein paar Autos und eine Tele­fon­zelle angezündet und anrückende Bullen mit Steinen eingedeckt wurden; die Beteiligten flüch­teten beim Anrücken der Verstärkung auf das Fest, das daraufhin von den Bullen abge­räumt wurde. Es folgten im Kiez (wie auch rund um den Humannplatz) einzelne Schar­mützel mit der Bullen-Armada.

Nazis: Die NPD wollte zentral in Leipzig demonstrieren, was aber erfolgreich verboten wurde. Diverse Ersatzveranstaltungen in ganz Deutschland wurden überwiegend von Bullen und/oder Antifas verhindert.

Bilanz: 5000 Polizisten im Einsatz (davon 1400 BGS). 325 Festnahmen (davon allein 59 Walpurgis­nacht und 70 während der Demo in Mitte).

Skandale: Die Eskalationspolitik der Polizei führte zu einigem Wirbel. TV-Bilder zeigten einen vermummten Zivilbullen bei der Demo, abends wurden in Kreuzberg (nachträglich) gar 50 vermummte Zivis vermutet, aus dem Bullen­funk schien ein gezielter Polizeiangriff am Humannplatz hervorzugehen, die Interim sichtete gar vermummte Zivilbullen als Provo­kateure beim Steineschmeißen auf Wasser­werfer während der Demo. Nur der erste dieser vier Vorwürfe ließ sich belegen, wobei hier der klar als Zivilpolizist erkennbare Mann sich zum Schutz vor fotografierenden Demonstrant­Innen lediglich kurzfristig eine Haßkappe über­gezogen hatte, also nicht als ‚agent provocateur‘ in Frage kam. Der Rest der Vermutungen läßt sich als Verschwörungsphantasie abhaken, un­geachtet dessen, daß die Polizei tatsächlich die Eskalation suchte.

Nachher: Innensenator Schönbohm und Poli­zeipräsident Saberschinsky waren – natürlich – zufrieden mit ihrem Konzept des „sofortigen und konsequenten Eingreifens“ und der „flächen­deckenden Präsenz“, wodurch die Es­kalation „verhindert“ worden sei. Durch jahre­lange Erfahrung mit den „Störern“ sei die Ber­liner Polizei inzwischen eine der best­trainierten Truppen Europas.
Innerhalb der Linken wieder mal die Kritik am Ritual- und Konsumverhalten. Einmal mehr gab es die Forderung, zu den Zentren der Macht zu gehen. Es wurde – wie schon im Vor­feld – deutlich, daß die Demo an sich zum Politi­kum geworden ist, an dem sich ver­schiedene Konflikte (Ost-West, Undogmatisch-ML, Linksradikale-Innensenator) entzünden.

1.Mai 1998
Vorher: Neben politischen Dauerbrennern wie Innenpolitik und Nazis war ein wichtiges Thema die Jugoslawien-Krise und der mögliche Krieg unter deutscher Beteiligung. Auch die Auf­lösungserklärung der RAF fiel in diese Zeit.
Walpurgisnacht: Die Polizei war im Kollwitz­kiez stark präsent, sperrte aber nicht so massiv ab wie im Vorjahr. Einige hundert Leute woll­ten trotzdem feiern und wurden gegen 2 Uhr morgens von der Polizei weggeprügelt, es gab Festnahmen.

Demo: Die Demo-Vorbereitung wurde wie im Vorjahr von Leuten aus dem AAB-Spektrum dominiert, allerdings war die Vorbereitung wen­­ig transparent für Außenstehende. Die Route sollte wie 1996 vom Rosa-Luxemburg-Platz zum Kollwitzplatz führen; dies wurde von der Polizei verboten und stattdessen als End­platz der Senefelder Platz auferlegt. Im Gegen­satz zu den anderen Auflagen (wie etwa der Auf­teilung der Demo in Marschblöcke mit Zwi­schenräumen) wurde dies vom Verwal­tungs­gericht bestätigt.
An der DGB-Demo am Vormittag nahmen ca.7500 Menschen teil.
Mittags demonstrierten wie üblich die ML-Grup­pen am Oranienplatz mit 1500-2000 Leu­ten. Die Polizei bedrängte die Demo mit mas­sivem Spalier und Fahrzeugen und nahm 13 Leute fest.

Wegen der Antifa-Mobilisierung gegen die NPD-Demo in Leipzig wurde die revolutionäre 1.Mai-Demo erstmals auf den Abend verlegt, um aus Leipzig zurückkommenden Leuten die Möglichkeit der Teilnahme zu geben, darum ging die Demo schließlich auch mit erheblicher Verspätung los (einige Busse waren bei der Rückkehr aus Leipzig angehalten und die 174 InsassInnen nach ASOG festgenommen wor­den). 10.000-12.000 Menschen (die Bullen mel­deten 6000) nahmen daran teil. Als Laut­sprecher­wagen wurde erstmals ein Sattel­schlepper mit großer Musikanlage eingesetzt.

Gleich zu Beginn der Demo wurde eine Bullen­einheit, die sich direkt an der Demo postiert hatte, mit Steinen und Flaschen beworfen, die Lage beruhigte sich aber wieder. An der Demo-Spitze kam es jedoch immer wieder zu Aus­einandersetzungen mit dem Bullen-Spalier, die schließlich an der Ecke Kastanienallee/Oder­berger Str. eskalierten. Ein Müllcontainer wur­de angezündet, die Bullen setzten Wasserwerfer und Tränengas ein und wurden heftig be­schmissen, woraufhin die Demo von den Ver­anstalterInnen für aufgelöst erklärt wurde.

Fest: Wie im Vorjahr gab es ein Fest am Humannplatz (Prenzlauer Berg) und eines am Mariannenplatz (Kreuzberg), die beide friedlich zu Ende gingen.

Randale: Die Auseinandersetzung ab ca.21 Uhr im Bereich Kastanienallee eskalierte rasch zu einem mittleren Krawall, die Bullen wurden kurzzeitig zurückgeschlagen (oder zogen sich zurück), ein Computerladen wurde geplündert. Bis gegen Mitternacht knallte es heftig im um­liegenden Kiez. Polizeiführer war hier Buch­holz, der bereits in der Walpurgisnacht 1996 unrühmlich in Erscheinung getreten war.

Nazis: Die NPD mobilisierte bundesweit nach Leipzig und brachte 3000 Nazis auf die Straße (statt wie angekündigt bis zu 15.000). 6000 Bullen beschützten ihre Kundgebung, umgeben von tausenden Antifas, die relativ erfolgreich und offensiv die Straße behaupten konnten. Es kam zu Auseinandersetzungen mit den Bullen, auch etliche Nazis kriegten etwas ab.

Bilanz: 5000 Polizisten im Einsatz, 17 davon verletzt (nach Angaben des GdP-Chefs aber 100). 407 Festnahmen, 31 Haftbefehle und 2 Unter­bringen. Mindestens 32 Verletzte. 46 beschädigte Autos, 4 demolierte Polizei­fahrzeuge, Glasbruch bei Geschäften und einer Bank, mindestens ein geplünderter Laden.

Skandale: Der SFB berichtete, Konkurrenz zwi­schen zwei Abteilungen der Bereit­schafts­polizei habe zum Chaos am Abend geführt, bei dem die Bullen sich kurzfristig zurückzogen. Polizeipräsident Saberschinsky versuchte, das als „sportliche Konkurrenz“ zu verniedlichen.

Nachher: Innensenator Schönbohm meldete wie immer Erfolg. Der 1.Mai sei friedlicher ver­laufen als in den letzten Jahren, es habe „fried­liche und fröhliche“ Feste gegeben und der Po­li­zei­einsatz sei im Rahmen der „Verhält­nis­mäßigkeit“ verlaufen. Gleichzeitig kündigte er eine schärfere Gangart gegen die Demo an; sie solle verboten oder nur an abgesperrten Plätzen zugelassen werden. „Es gibt doch kein Grund­recht auf Krawall und Zerstörung“ (dies Zitat plapperte Innensenator Werthebach gerne nach in den Folgejahren).
In den liberalen Medien war dagegen die Rede von den schwersten Krawallen seit Jahren und dem Scheitern des „militärischen“ (Nowa­kowski in der „taz“) Eskalations-Konzeptes Schön­bohms.
In der radikalen Linken wurde erneut die AAB kritisiert, einige warfen ihr vor, erst große Sprüche zu machen und dann Leute zu verhei­zen. Die Heftigkeit des Krawalls hatte viele (auch positiv) überrascht.

1.Mai 1999
Vorher: Wichtigstes großes Thema war der NATO-Krieg in Kosovo bzw. Jugoslawien mit deutscher Beteiligung. Daneben ging es um die Verschleppung von Öcalan in die Türkei und die Folgen, z.B. die Verfolgung von KurdInnen in Deutschland und die Ermordung von 4 KurdInnen am israelischen Generalkonsulat in Berlin Anfang des Jahres. Daneben natürlich, wie jedes Jahr, innere Sicherheit und Haupt­stadt und Antifa.

Walpurgisnacht: Am Vorabend des 1.Mai rief „reclaim the streets“ zum Alexanderplatz, später zogen von dort einige hundert Men­schen nach Prenzlauer Berg und wurden in der Eberswalder Str. stundenlang polizeilich einge­kesselt. Am nahegelegenen Mauerpark, der we­gen der (erneuten) polizeilichen Besetzung des Kollwitzkiezes zum Ausweichort für Walpur­gis­nacht-Feiern geworden war, kam es zu klein­e­ren Auseinandersetzungen mit den Bullen.

Demo: Die AAB verständigte sich erstmals mit kommunistisch-autonomen Gruppen auf eine gemeinsame Demo, abends (wegen Antifa-Mo­bilisierung nach Bremen) vom Oranienplatz zum Kottbusser Damm. Das Bündnis der ML-orientierten Gruppen löste sich damit auf, denn die „RIM“ mobilisierte weiter zu ihrer üblichen 13-Uhr-Demo mit den üblichen 1500 Leuten.
Am Oranienplatz wurde zwei Stunden lang auf den Beginn der Demo gewartet, untermalt von lauter Musik vom nun bereits „traditionellen“ Tieflader. Alec Empire mit „Atari Teenage Riot“ spielte zum Demo-Tanz auf und verlieh dem Demozug, der gegen 20 Uhr losging, einen Hauch von Love- oder Hate-Parade. Etwa 15.000 Menschen nahmen an der Demo teil, in deren Verlauf die Bullen sich verglichen mit den Vorjahren eher zurückhielten. Am Kott­busser Damm kurz vor Ende der Demo kam es zu Auseinandersetzungen mit einer kleinen Bullen-Einheit, die Tränengas einsetzte, ein paar Schaufensterscheiben gingen zu Bruch. Darauf­hin prügelte eine Einheit der Bereit­schaftspolizei sich rund zweihundert Meter durch die Demo, tausende flohen panisch, rund um den Kottbusser Damm begann die Randale.

Fest: Wie im Vorjahr gab es ein Fest am Hu­mann­platz (Prenzlauer Berg) und eines am Mariannenplatz (Kreuzberg), die beide friedlich zu Ende gingen.

Randale: Nach der Auflösung der Demo knallte es in den Kiezen rechts und links des Kottbusser Dammes, später verlagerten sich die Auseinandersetzungen in den Bereich Ska­litzer Str./Reichenberger Str.; längere Zeit war die Kottbusser Brücke schwer umkämpft.

Nazis: Die zentrale Demo der NPD-Nazis in Bremen war kurz vorher endgültig verboten wor­den, eine erfolgreiche Ausweichdemo gab es nicht. Dafür gab es in Bremen eine von den Bullen trotz Verbots geduldete antifaschistische Demo.

Bilanz: 5000 Polizisten im Einsatz(?). Etwa 130 Festnahmen, 28 Haftbefehle, 17 Haft­verschonungen, 11 Leute in U-Haft.

Skandale: Ein Polizist zerschlug seinen Holz-Schlagstock auf dem Kopf einer Frau. Obwohl das nicht zum ersten Mal geschah (kam in den 80er-Jahren bereits vor), reagierte der Innen­senat diesmal und rüstete in relativ kurzer Zeit die Polizei mit Plastik-Schlagstöcken aus.
Die 23.Hundertschaft der Bereitschaftspolizei blieb ihrem Ruf als Prügeltruppe treu und schlug so wild um sich, daß selbst die Polizei­führung sie nicht stoppen konnte. Medien­berichte kolportierten später, in der Einsatzzen­trale der Polizei sei es darüber zu heftigem Streit bis kurz vor körperlichen Auseinander­setzungen gekommen; ein Polizeiführer sei per­sönlich losgefahren, um die Truppe vor Ort zu stoppen, und dafür als „Warmduscher“ be­schimpft worden.

Nachher: Innensenator Werthebach und Polizeipräsident Saberschinsky vermeldeten wie immer den Erfolg des Einsatzkonzeptes, we­niger Gewalt als im Vorjahr und so weiter.
Die Medien beklagten wie immer das Ritual „1.Mai“.
In der Interim wurde ebenfalls wieder mal Ritual und Sinnentleerung beklagt, dazu Alko­holismus (auch eine Demo-Kritik, die seit mindestens 20 Jahren aktuell ist). Der Demo-Leitung wurde vorgeworfen, insbesondere am Ende versagt zu haben, als sie die Demo zu schnell für aufgelöst erklärte und keine kon­struktiven Durchsagen machte; stattdessen spielte die Musikgruppe weiter, während die Bullen die Demo aufmischten.

1.Mai 2000
Vorher: Schon eine Weile vor dem 1.Mai heizten Innensenator Werthebach und die Po­lizeiführung die Stimmung an. Es hieß, die auto­nome Szene habe noch „nie zuvor so militant“ mobilisiert. Schlimmste Gewalt, selbst Tote seien zu befürchten. Das richtete sich nicht nur gegen die revolutionäre 1.Mai-Demo, sondern auch gegen die Antifa-Mobilisierung nach Hellersdorf, wo die NPD zur bundes­weiten Nazi-Demo rief, um ihre Erfolge des Jahres 2000 (zwei in Berlin durchgesetzte Demos im Frühjahr) fortzusetzen.
Das politische Ziel des Innensenator dabei war schon seit längerem, in der Innenstadt und be­son­ders im Regierungsviertel einen Freibrief zum Verbot aller ungenehmen Demonstration­en zu bekommen.

Zum ersten Mal fand der revolutionäre 1.Mai in Berlin unter den Augen der Bundespolitik statt. Die politischen Themen waren ansonsten „die üblichen“: Hauptstadt- und Großmachtswahn in Deutschland, Nazis und Rassismus, Anti-AKW-Widerstand…
Walpurgisnacht: Die Walpurgisnacht in Prenzlauer Berg verlief friedlich. Es gab am Koll­witzplatz und im Mauerpark kommerziell organisierte Feste, die mit der Polizei abge­sprochen waren. Tausende waren da, alles blieb weitgehend friedlich, die Bullen hielten sich zurück und waren kaum wahrnehmbar.

Demo: Wie im Vorjahr wurde die Demo haupt­sächlich von AAB- und kommunistisch-au­to­nomen Gruppen vorbereitet und sollte abends am Oranienplatz beginnen. Die ge­plan­te Route in die Friedrichstr. und das Regier­ungs­­­viertel – ein seit Jahren oft vorgeschlagener Weg zum Machtzentrum – wurde polizeilich ver­­boten, stattdessen eine Route durch Kreuz­berg/Neukölln zurück zum Oranienplatz vor­ge­schrieben. Diese Auflage sowie etliche wie­te­re (vorgeschriebene Stockstärken und Trans­parent-Maße, Veranstalter muß Inhalt auf Strafbarkeit prüfen, keine Lautsprecher­durch­sagen wenn Polizei spricht, Lautsprecher nur nach vorne und hinten, max.85dB, Route nach Mitte verboten…) wurden bis in die allerletzte Instanz gerichtlich bestätigt, lediglich die Aufteilung in Marschblöcke konnte die Polizei nicht durchsetzen. Damit hatte die Polizei mehr Schikanen als je zuvor gegen die Demo erwirkt.

Mittags lief wie immer die „RIM“ mit knapp 1000 Leuten durch den Kiez, was mehr als Folklore am Rande wahrgenommen wurde.
Abends begann die Demo, zu der rund 15.000 Menschen gekommen waren (die Bullen sprachen von 5000, die VeranstalterInnen von 20.000), mit guter Stimmung und zurück­haltender Polizeitaktik. Es gab zweimal Ausein­ander­setzungen mit Bullen, bei denen die Demo sehr geschlossen blieb und die Polizei sich zurückzog. Als die Demo den Endplatz (Oranienplatz) erreicht hatte, kam es aus nich­tigem Anlaß zur Eskalation, es flogen Steine, die Polizei rückte sofort mit mehreren Wasserwerfern und hunderten Bullen gegen die Demo vor.

Fest: Wie im Vorjahr gab es ein Fest am Humannplatz (Prenzlauer Berg) und eines am Mariannenplatz (Kreuzberg), die beide friedlich zu Ende gingen.
In der Bergmannstr. in Kreuzberg organisierte die Polizei ein Fest, um Jugendliche vom Ran­da­lieren abzuhalten. Es verfehlte sein Ziel völ­lig und wurde hauptsächlich von Kindern und deren Eltern besucht.

Randale: Nach der Auflösung der Demo erfaßte die Randale bis gegen Mitternacht den Oranienstraßen-Kiez. Die Bullen achteten sehr darauf, die Grenzen nach Mitte dichtzuhalten (den ganzen Tag über hatten sie schon mit BGS den Bereich Friedrichstraße besetzt gehalten). Mehrere große Zivilbullen-Trupps mit Tonfas zeichneten sich durch brutale Ein­sätze aus, laut Polizei waren es insgesamt 100 Beamte.

Nazis: Die NPD konnte über 1000 Nazis aus ganz Deutschland in Hellersdorf versammeln, nur 300-500 Antifas kamen durch die massiven Polizeikontrollen durch. Eine AAB-Gegen­demo war wegen „Gewaltbereitschaft“ verbo­ten worden, lediglich ein vom Bezirksamt unter­stütztes Straßenfest in einiger Entfernung war genehmigt. Ein erfolgreiches Stören der Nazis gelang kaum, seit Jahren hatten diese nicht mehr so einen erfolgreichen 1.Mai.

Bilanz: 6500 Polizisten im Einsatz, davon 283 verletzt, (25 stationär behandelt). 401 Festnahmen am ganzen Tag (157 aus Berlin, 59 von auswärts, 4 ausländisch), davon 91 wegen Straftaten; 29 Haftbefehle, 18 Haft­verschonungen, 11 Leute in U-Haft.
Rund 200 Verletzte.

Skandale: Ein Mann wurde von Zivilbullen fest­genommen, auf einen abgelegenen Park­platz gefahren, wo sie sich vermummten und ihn brutal zusammenschlugen. Er kam danach auch noch in U-Haft. Andere Zivilbullen schlu­gen „grundlos“ mit Tonfas auf zwei Menschen am Straßenrand ein, woraufhin sie von zwei zi­vilen „Aufklärern“ des MEK angezeigt wurden.
Ein Polizist aus Leipzig, der in seiner Freizeit in Berlin war, wurde nach dem angeblichen Werfen einer Sektflasche auf einen Wasser­werfer festgenommen.

Nachher: Innensenator Werthebach und die Polizeiführung (neben Polizeipräsident Saber­schinsky tat sich der Leiter der Schutzpolizei Piestert besonders hervor) folgten weiter ihrem Kalkül, im Vorfeld alles groß aufzubauschen, um dann hinterher als bravouröse Retter dazu­stehen, wenn alles nicht so schlimm gekommen war. Innensenator Werthebach kopierte Schön­bohms Spruch, es gebe „kein Grundrecht auf Krawall“, sah aber nun den 1.Mai nicht mehr als geeignet für das Thema „Demonstrations­recht“ an. Piestert behauptete, der Krawall sei „funkgesteuert“ angefangen worden, der Him­mel sei „schwarz von Steinen“ gewesen, und ähnlichen Quatsch. Natürlich war das Polizei­konzept ein Erfolg und die Schäden weniger schlimm als im Vorjahr und so weiter. Die Bundes­politiker aus dem Bereich Innere Sicher­heit reihten sich nahtlos ein in das übliche Nach-1.Mai-Gelaber über Demonstrationsrecht (CDU dagegen, SPD dafür), Polizeitaktik und erschreckend-viele-am-Krawall-beteiligte-Ju­gend­­liche.
Umstritten war der Beginn des Krawalls. Die „taz“ veröffentlichte Ausschnitte des Funk­pro­to­kolls, vermutlich falsch interpretiert, die eine provokative Festnahme der Polizei am Ende der Demo belegen sollten.

Veröffentlicht von Sven Glückspilz im Juni 2000

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