Herr Kramer und das Oktoberfestattentat

Ein Bärendienst für die Aufklärung

Mitte März 2013 präsentierte im Luxemburger „Bommeleeër“-Prozess um die mysteriösen Bombenanschläge der 1980er Jahr der schillernde Rechtsanwalt Gaston Vogel einen noch schillernderen Entlastungszeugen: Herrn Kramer aus Deutschland. Kramer gab eine Eidesstattliche Erklärung ab, wonach sein 2009 verstorbener Vater „Stay-Behind“-Offizier des BND gewesen sei und nicht nur die Luxemburger Anschläge, sondern auch die schrecklichen Attentate von München und Bologna 1980 zu verantworten habe.

Es dauerte ein paar Wochen, bis diese Geschichte Wellen in Deutschland schlug. Zuerst richtete die Partei Bündnis 90/Die Grünen in einem Schnellschuss eine Kleine Anfrage zu Kramer Aussagen an die Bundesregierung. Dann widmete sich Markus Kompa mit mehreren Artikeln bei Telepolis dem Thema. Als nächste präsentierte Peter Wolter in der linken Tageszeitung „junge welt“, am 13.4.2013 ein Interview mit Kramer. Es folgten weitere Interviews von Helmut Reister in der Münchener „Abendzeitung“ (5.5.2013) und Ambros Waibel in der „taz“  (7.5.2013). Am 7.5.2013 sendete außerdem „3sat Kulturzeit“  einen Beitrag von Clemens und Katja Riha zum Thema, in dem Kramer auch interviewt wurde. Die Aufzählung ist unvollständig (z.B. berichtete auch noch die WAZ).

Nun, nach einem weiteren Monat, sickert so langsam in die Medien, was aufmerksame Beobachter sofort hätten merken können: Kramers Geschichten sind Märchen. Die JournalistInnen, die sich auf Kramer gestürzt haben, waren allesamt so scharf auf die Story, dass sie weder kritische Fragen noch eigene Recherchen betrieben haben – ein Armutszeugnis leider auch für links orientierte Medien.

Es gab diverse Anzeichen dafür, dass Kramers Aussagen mit Vorsicht zu betrachten sein müssten.

– Schon die Tatsache, dass in der „Eidesstattlichen Erklärung vom 13. März 2013“ die Attentate von München und Bologna 1980, die viel schwerwiegender waren als die Luxemburger Anschläge, nur so nebenbei erwähnt wurden, musste auffallen. Kramer musste sich im Klaren darüber sein, dass man nicht en passant diese beiden Anschläge mit fast 100 Todesopfern „aufklären“ kann.

– Kramers Auftritt als Zeuge vor Gericht in Luxemburg am 10.4.2013 war alles andere als überzeugend (vgl. Berichterstattung in Das Wort. z.B.hier, hier und hier). Als „Sachbeweise“ für seine Aussagen präsentierte er dem Gericht Bücher zum Thema – Daniele Gansers Buch (NATOS’s Secret Armies) kann man da noch als einigermaßen seriös bezeichnen, aber A. v. Bülow ist Verschwörungs-Belletristik…

– Auch wenn man nicht vorschnell vom äußeren Erscheinungsbild Rückschlüsse ziehen sollte, machte Kramer doch teilweise den Eindruck eines verwirrten Menschen. Schon zu diesem Zeitpunkt – also noch vor dem ersten Interview – musste zumindest die Möglichkeit, dass er ein Hochstapler ist, ernsthaft erwogen werden.

– In den Interviews, die danach erschienen, erzählte Kramer praktisch nur Details, die öffentlich seit längerem bekannt sind. Nicht nur das, er übernahm sogar Fehler aus solchen Veröffentlichungen. So behauptet er fälschlich, die Bombe von München 1980 habe Nägel enthalten, ein Fehler, den er vermutlich aus dem Buch „Die Oktoberfestbombe“ von Tobias v. Heymann übernommen hat. Weitere Detail-Fehler ließen bereits am 13.4.2013 vermuten, das es sich um angelesenes und ungenau wiedergegebenes Wissen handelt. So stellte er z.B. die Ereignisse rund um die Observationsaktion „Wandervogel“ des westdeutschen Verfassungsschutzes gegen Angehörige der WSG Hoffmann 1980 und die Ermittlungen des MfS der DDR dazu teils falsch dar, wobei auch hier eine Fehlinterpretation von v. Heymanns Buch naheliegt. Auch seine „Internas“ über die Arbeit seines Vaters bei NATO und Bundesverteidigungsministerium waren teils höchst zweifelhaft.

Was haben nun die „kritischen“ Medien draus gemacht? Sie haben sich an das alte deutsche Sprichwort gehalten: Wo ein Schelm ist, werden gern noch anderthalb draufgesetzt. Peter Wolter ergänzt am 13.4.2013 sein Interview durch einen Artikel, der ebenfalls fehlerhaft ist, indem er etwa behauptet, eine Verwicklung von Gladio in das Attentat von Bologna sein „nachgewiesen“ (tatsächlich gibt es Indizien dafür, aber keine Beweise). Ambros Waibel schreibt unzutreffend, der Neonazi Heinz Lembke habe sich 1980 vor einer Vernehmung wegen „möglicher Verwicklung in das Münchner Attentat“ umgebracht, tatsächlich sollte es aber „nur“ um mögliche Hintergründe seiner Waffendepots gehen. Und die Rihas präsentieren als „Beweis“ für die Verwicklung von Kramer senior in den Münchener Anschlag ein Foto, das Kramer Vater und Sohn am Frühstückstisch zeigt. Diese Detailfehler zeigen vor allem eins: Dass die JournalistInnen sich haben blenden lassen von Kramer und seiner „Sensationsstory“ und darüber die notwendige Distanz und Recherche vergessen haben.

Das schadet nicht nur ihnen selbst, sondern letztlich auch Kramer, der sich in immer wildere Geschichten verstrickt und die Beweise immer nur ankündigen, aber nie liefern kann. Die Medien-Meute wird bald weiterziehen und ihn vergessen. Zu hoffen ist, dass er diese Affäre einigermaßen unbeschadet übersteht und an anderer Stelle Hilfe findet, um seinen Vaterkomplex zu bearbeiten.

Es schadet letztlich aber auch der Aufklärung sowohl der „Stay-Behind“-Geschichte als auch des Münchener Attentats von 1980. Denn mit jeder widerlegten Räuberpistole und überspannten Verschwörungstheorie wird es schwieriger, öffentliches Gehör zu finden für ernsthafte Recherchen und Theorien. Deshalb haben Kramer und die genannten Medien der Aufklärung hier einen Bärendienst geleistet.

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