NSU: Das Märchen von den toten Zeugen

NSU: Die "mysteriösen Zeugentode" - ein Märchen

Aktuell geht in Kreisen der NSU-Aufklärungsszene aufs Neue das Gespenst der plötzlichen Zeugentode um. Nach dem Tod einer Frau aus der Blood&Honour-Szene, die im Februar 2017 vor den Untersuchungsausschuss Baden-Württemberg geladen werden sollte, ist in etlichen Veröffentlichungen die Rede von bisher sechs Todesfällen von ZeugInnen im NSU-Komplex, die rätselhaft oder verdächtig seien. Eigentlich hätte mit der weitgehenden Aufklärung des Todesfalls Florian He. spätestens im Frühjahr 2015 die Luft raus sein sollen aus dieser Geschichte – doch Unkraut vergeht nicht, und wenn selbst erfahrene Genossen der von mir geschätzten Zeitschrift „analyse & kritik” Anfang 2016 mich plötzlich erneut nach „mysteriösen Zeugentoden” fragen, muss ich wohl noch mal ran an das Thema.

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Stay Behind: Gauner, Nazis und Agenten

TitelIch freue mich, meiner kleinen Fangemeinde einen neuen Rohdiamanten präsentieren zu können: Nach einigen Monaten des Durchbeissens durch öffentlich zugängliche Akten der CIA habe ich eine Geschichte von Stay Behind in Deutschland der Jahre 1948 bis 1960 geschrieben, die es hierzulande meines Wissens bisher so umfangreich noch nicht gab. Anders als geplant ist ein ganzes Buch von 200 Seiten Umfang daraus geworden. Die Einleitung und Ausschnitte aus den drei Kapiteln, die wohl am meisten auf Interesse stoßen, sind hier auf der Webseite zu finden- das ganze Buch zum Download als PDF.
(Anm.: Seit 2. Juli 2015 ist dies eine korrekturgelesene und um ein einige Fehler bereinigte Version, allen die die erste Version haben, empfehle ich das „Update“, da in der ersten Version auch einige wenige gröbere Schnitzer wie etwa drei falsche Jahreszahlen enthalten waren)

Stay Behind in der
Bundesrepublik Deutschland 1948-1960

Einleitung

Was war Stay Behind – eine zentralisierte Struktur, ein Netzwerk, ein loser Flickenteppich von Gruppen? Was tat Stay Behind – ging es um paramilitärische Wehrsportübungen, „schlafende” Spionageringe für den „Tag X”, antikommunistische Kampfgruppen mit innenpolitischen Zielen? Wer gehörte zu Stay Behind – alte Nazis, Militärveteranen, Widerstandskämpfer gegen den Bolschewismus? Und schließlich, wer steuerte Stay Behind – Militärs oder Nachrichtendienste, US-Amerikaner oder Deutsche? Seit der Aufdeckung des westeuropäischen Stay-Behind-Netzwerks im Jahr 1990 in Italien blühen Vermutungen, Verdächtigungen und Beschuldigungen rund um das Thema. Insbesondere die Frage, ob Stay Behind den Rahmen einer rein präventiven und im Kern defensiven Kriegsvorbereitung überschritten und zum innenpolitischen Kampfmittel radikaler rechtsnationalistischer Innenpolitik geworden sein könnte, wird immer wieder aufgeworfen, auch wenn es für Deutschland – anders als etwa im Falle Italiens – bisher keine Belege in dieser Richtung gibt. An solchen Spekulationen habe ich mich auch mehrfach beteiligt im Rahmen meiner Recherchen zum Anschlag auf das Münchener Oktoberfest 1980. Weiterlesen

Karl-Heinz Hoffmann: Artikel im Antifaschistischen Info-Blatt (AIB)

Der folgende Text von mir erschien leicht gekürzt im AIB 105 / Winter 2014

Die Umtriebe des Karl-Heinz Hoffmann

Was, den gibt es immer noch? Die Älteren werden sich erinnern: Karl-Heinz Hoffmann war in den 1970er Jahren „Chef“ der Wehrsportgruppe Hoffmann, der größten rechtsradikalen Wehrsportgruppe in der damaligen Bundesrepublik. Die überwiegend aus jungen Neonazis bestehende Gruppe probte den Ernstfall rund um Nürnberg, bis sie Anfang 1980 vom Bundesinnenministerium verboten wurde. Nebenbei trat die WSG als Saalschutz bei Neonazi-Veranstaltungen auf, und Hoffmann versuchte sich als Führergestalt im rechten Lager, ohne dabei jedoch über seine angestammte Rolle als exzentrischer WSG-Chef hinaus zu kommen. Nach dem Verbot gründete Hoffmann in einem PLO-Lager im Libanon eine neue Kampfgruppe, die aber nach wenigen Monaten im Desaster, interner Folter und Mord endete. Hoffmann wurde 1981 verhaftet und umfangreich angeklagt, wobei ihm der schwerwiegendste Vorwurf nicht nachzuweisen war: Der antisemitische Mord an Shlomo Levin und Frieda Poeschke in Erlangen Ende 1980, begangen höchstwahrscheinlich von Hoffmanns WSG-Offizier Uwe Behrendt, der sich 1981 in Beirut erschoss. Ob Behrendt den Mord auf Hoffmanns Anweisung beging oder Gewaltfantasien seines Chefs selbstständig in die Tat umsetzte, blieb ungeklärt.

Über Hoffmann schwebt bis heute der Verdacht, er bzw. seine WSG sei in das Oktoberfest-Attentat in München am 26. September 1980 verwickelt gewesen1. Weiterlesen

Heinz Lembke, 1981: „Werwolf” oder „Gladiator”?

Ich beschäftige mich in drei Teilen mit Heinz Lembke, den 1981 bei ihm entdeckten Waffendepots und dem möglichen Zusammenhang mit der geheimen Stay-Behind-Organisation der NATO-Staaten: Wer war Heinz Lembke? Was machte er in den 1970er Jahren in der Lüneburger Heide, wie und warum entstanden seine Depots? Was ist die Geschichte der Stay-Behind-Organisation (SBO) in der Bundesrepublik, und gibt es eine Verbindung zwischen Lembke und der SBO? Weiterlesen

Oktoberfest-Attentat 1980: Eine Revision

Ende Januar 2014 wird der Spielfilm »Der blinde Fleck« das Attentat beim Münchener Oktoberfest 1980 wieder zum Gegenstand vieler Diskussionen und Vermutungen machen.
Ich habe rund eineinhalb Jahren lang Recherchen zu dem Attentat angestellt und will hier ein vorläufiges Fazit ziehen. Die Ergebnisse haben mich selbst überrascht, denn sie widersprechen in wesentlichen Punkten dem bekannten »Kanon« der linken, kritischen Geschichtsschreibung.

Siehe dazu auch meinen Artikel in der aktuellen a&k 590, der inhaltlichen etwa der folgenden Einleitung entspricht.

Bereits im Februar 2013 hatte ich einen längeren Text zur mutmaßlichen Rolle der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) bei dem Anschlag veröffentlicht, im September 2013 eine Analyse zur Person des vermutlichen Attentäters Gundolf Köhler. Diese beiden Arbeiten habe ich für meine hier vorgelegte Untersuchung überarbeitet und eingefügt. Der gesamte Text umfasst 160 Seiten und steht hier als PDF zur Verfügung.. Sollten sich neue Erkenntnisse ergeben, werden ich ihn aktualisieren und dies kenntlich machen.

Der Umfang des Textes macht bereits deutlich, dass es fast unmöglich ist, einzelne Aspekte des Falles isoliert und kurz zu diskutieren. Wenn ich im folgenden meine wichtigsten Schlussfolgerungen zusammenfasse, muss ich auf eine Beweisführung verzichten und dafür auf die Gesamtuntersuchung verweisen. Weiterlesen

Der NSU war nicht die einzige rechte Zelle

Jahrelang planten und verübten Neonazis Anschläge – unter den Augen des Verfassungsschutzes

Seit der Aufdeckung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) wird immer wieder die Frage gestellt, ob es weitere, bis heute unerkannte Neonazi-Zellen gegeben haben könnte. Im Juni 2012 schrieb ich, dass der NSU als Untergrundzelle einen lokalen Sonderfall darstelle und dass man nicht davon ausgehen könne, dass er Teil einer großen, überregional organisierten Struktur gewesen sei. (ak 573) Damit war gemeint, dass es vermutlich keine Vernetzung mehrerer organisierter Zellen gab. Dass auch außerhalb von Sachsen und Thüringen Personen vom NSU wussten und das »Zwickauer Trio« sogar unterstützten, wurde damit nicht in Frage gestellt.

Gibt es denn darüber hinaus Anzeichen für weitere Zellen? Um das herauszufinden, muss sowohl die rechte Szene der Jahrtausendwende betrachtet werden als auch die bekannt gewordenen Anschläge, die einen rechtsradikalen Hintergrund haben oder haben könnten.
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