Zwischenruf: Verschwörungstheorien sind Glaube ohne Kirche

Foto: Führer gesuchtDie seit ein paar Jahren durch die Essays und Artikel getriebene Frage, woher der moderne Hang zu Verschwörungstheorien komme, wird zu oft formal und oberflächlich beantwortet: Soziale Medien, Facebook, Rechtsruck, Polarisierung der Gesellschaft, das sind Symptome, nicht Gründe. In letzter Zeit gibt es einige gute Ansätze, hinter diese Fassaden zu schauen (siehe z. B. den immer besser werdenden Sascha Lobo bei SPON). Das Problem ähnelt der alten Frage, ob Werbung (lies: Facebook) uns manipuliert und unsere Bedürfnisse erst weckt, oder ob sie sich die bereits vorhandenen Bedürfnisse zu Nutze macht und ausbeutet.

Ich glaube, es braucht gar nicht so viele Worte, um das Phänomen zu erklären. Es handelt sich einfach um die Rückkehr der Religion in unsere säkularisierte moderne westliche Welt.

Die Vereinzelung und zunehmende Ohnmacht der einzelnen Dauerkonsumenten führt dazu, dass nach Halt und Führung gesucht wird, was wohl keinen Psychologen überraschen kann. Und wer hätte es gedacht, die Menschen, selbst die Gebildeten, suchen sich diesen Halt nicht in wissenschaftlichen Fachmagazinen und individuell undurchschaubaren „Facts”. Jeder Hollywood-Blockbuster schreit heute den Wunsch in die Massen: Lasst euch retten von Superhelden! Und ist nicht Gott die größte aller Verschwörungstheorien?

In den 1970er Jahren sind Gesellschaftsmodelle ausgemustert worden, die zwar, wie jedes Gesellschaftsmodell, auf dem Glauben der Menschen an dessen Funktionieren beruhten, aber immerhin rationalen Konzepten folgten: Sei es „wissenschaftlicher Sozialismus” oder „Sozialstaat”, die Idee eines produktiven Austauschs zwischen Einzelnen und gesellschaftlicher Steuerung konnte alte religiöse und feudale Konzepte zeitweise zurückdrängen. Ob nun das Scheitern der Sowjetunion oder das Scheitern des Wohlfahrtsstaats oder das Scheitern des Neoliberalismus oder alles zusammen schuld ist an der Entwicklung: Seit rund dreißig Jahren beobachten wir die Rückkehr des Glaubens in die Gesellschaft.

Dort, wo es noch alte Strukturen der religiösen Problemlösung gibt, erleben die jeweiligen Religionen ihre Renaissance: Islam, Hinduismus und evangelikale Christen werden gleichermaßen zu politischen Projekten, regieren als Parteien, bestimmen zunehmend die Diskurse. Vielen fällt es hierzulande kaum noch auf, dass die öffentlichen Debatten seit Jahren in einem Maß um Religion und Glaube kreisen, das zu Beginn der 1980er Jahre nicht vorstellbar erschien, als wir dachten, die Zeit der Religionen laufe ab. Auch ich selbst, der aus einer bildungsbürgerlichen liberalen Familie stammt, musste mit ansehen, wie fast alle anderen aus meiner Familie seitdem religiös in verschiedenster Ausprägung wurden.

Was aber passiert in einer Gesellschaft, in der die etablierten Religionen – also in Deutschland die christlichen Kirchen – in solch einem Ausmaß säkularisiert sind, dass sie trotz aller Bemühungen mit Kirchentag und Taizé keine wirklich charismatische Bindunsgangebote mehr für die Massen machen können? Der drängende Wunsch, zu glauben, sucht sich andere Bahnen. Die Verschwörungstheoretiker sind keine Theoretiker. Es sind Menschen, die Glaube suchen. Wenn sie ihn nicht im Angebot der klassischen Religionen finden, finden sie ihn anderswo: Esoterisch, pseudowissenschaftlich, rechtsradikal.

Die Mischung aus kapitalistischer Verwertungskrise und Glaube ist der Treibstoff für Krieg und Terror. Die eigentliche „Blase”, in der wir in Deutschland leben, ist die einer Insel des Wohlstands (die wirkliche Flüchtlingskrise spielt sich anderswo ab) – wie viele Stimmen würde wohl eine AfD bekommen, wenn die Verhältnisse hier sich denen in Griechenland oder auch nur in Italien annähern würden? Nicht die aktuellen Verschwörungstheoretiker mit ihrem irren Gequatsche werden in Deutschland die Macht ergreifen, ebenso wenig wie das vor fast hundert Jahren die Sekte der Ludendorffer tat, aber sie bereiten den Weg für andere. Oh when the saints go marching in…

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