Rezension: „Die Partisanen der NATO“

Gründlich, glaubwürdig, gut belegt (mit einer Ausnahme)2015 _Partisanen der NATO

Mit Spannung erwartet, ist es nun endlich da: Das erste Buch über die deutsche Stay-Behind-Organisation (SBO) – zehn Jahre nach Daniele Gansers zwiespältiger Grundlagenarbeit „NATO’s Secret Armies”. Die gelockerte Geheimhaltungspolitik des BND und insbesondere die Veröffentlichungen der US-amerikanischen CIA haben es aber auch erst jetzt möglich gemacht, Details zu recherchieren und vor allem zu überprüfen. In den fünfundzwanzig Jahren seit dem Auffliegen der SBO haben in Deutschland sowohl die ehemals Beteiligten als auch die Bundesregierung zum Thema ziemlich einhellig geschwiegen oder nur kleine Infohäppchen zum Zweck der Bagatellisierung verteilt. Das hat auf der anderen Seite zu einem wüsten Dickicht an Spekulationen und Behauptungen in verschiedenen Medien gesorgt, bis hin zu Theorien in der Chemtrail-Landesliga, wonach dämonische SBO-Reste bis zum heutigen Tag in allerlei NSA-/NSU-Skandale verstrickt seien.

Nun hat sich mit Erich Schmidt-Eenboom jemand des Themas angenommen, der in Sachen kritischer Publizistik zu deutschen Nachrichtendiensten als Autorität anzusehen ist. Sein Co-Autor Ulrich Stoll hat in den vergangenen Jahren mehrfach vor allem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur SBO und den damit mutmaßlich verbundenen Themen (wie etwa dem Oktoberfestattentat 1980) veröffentlicht. Ich habe dem Erscheinen des Buches nicht nur gespannt, sondern auch mit gemischten Gefühlen entgegengesehen: Einmal, weil ich im Sommer 2015 auf meiner Webseite selbst ein ähnlich umfangreiches Werk zum gleichen Thema veröffentlicht habe, was vom Timing her in etwa so ist, als hätte ich mich als kleiner Straßenmusikant mit meinem sorgsam einstudierten Liedchen direkt an dem Marschweg des Blaskapellenumzugs gestellt, in dessen Ta-Rum-Ta-Ta ich natürlich völlig untergehe. Zweitens, weil ich selbstverständlich neugierig bin, ob meine Darstellungen und Interpretationen sich im Lichte der viel umfangreicheren Hintergrundmaterialien des Buches halten lassen. Und drittens, weil ich Schmidt-Eenbooms Arbeit sehr schätze, in den Berichten von Stoll in den letzten Jahren jedoch des öfteren auf ungenaue Recherche und Spekulationen gestoßen bin, die sehr genaues Hinsehen erfordern.

Das 300 Seiten umfassende Buch lässt sich grob in zwei Teile aufteilen: Hauptteil ist die geschichtliche Betrachtung der SBO (200 Seiten), ich vermute hier Schmidt-Eenboom als Autor, da es sein Thema und auch sein Schreibstil ist. Es folgen 30 Seiten zu mutmaßlichen politischen Querverbindungen (Stichworte Oktoberfestattentat, WSG Hoffmann, Heinz Lembke, MfS), die eher ins Fachgebiet von Stoll fallen. Ich liefere weiter unten eine Detailkritik dieses Kapitels, die nur für wenige von Interesse sein dürfte, und will es hier bei einer Warnung belassen: Die Hypothesen zum Münchener Attentat und der Art und Weise, wie Neonazis darin verstrickt sein könnten, sind insgesamt nicht neu, die dargelegten Indizien überzeugen nicht, es sind etliche sachliche Fehler enthalten.

Nach einer kurzen Schlussbetrachtung, die eher wieder den geschichtlichen Bogen spannt, schließt das Buch mit umfangreichen Quellen- und Registerangaben. Ich empfehle, die ersten 200 Seiten zu lesen, dann 30 Seiten zu überblättern und auf Seite 233 wieder einzusteigen.

Stay Behind in Deutschland 1949-1991

Mein Fazit zu den 200 Seiten SBO-Geschichte: Gründlich, glaubwürdig und gut belegt stellt Schmidt-Eenboom vierzig Jahre Stay Behind dar. Wer wirklich etwas über den „Geheimen Widerstand” wissen will, sollte zugreifen – es wird so schnell nichts besseres zum Thema geben! Manches, was ich in meiner Arbeit nicht überschauen konnte, wird in seinem Text verständlich, insbesondere die Entwicklung der SBO des BND ab den 1960er Jahren. An anderer Stelle vermisse ich Details, die ich in den CIA-Akten gefunden habe, und würde so frech sein, meinen Text als nützliche Ergänzung zu dem Buch zu empfehlen (zur Erinnerung: Ich habe die Geschichte der SBO allein aus CIA-Quellen, also mit eingeengter Perspektive, entwickelt). Nennenswerte Widersprüche zwischen der Darstellung der Buches und der in meinem Text sehe ich nicht.

Ein Problem, das Schmidt-Eenboom ebenso wenig lösen kann wie ich in meinem Text, ist die Komplexität und Detailfülle des Themas, die kaum durch erkennbare Systematiken oder „große Bögen” strukturiert ist, anhand derer normalerweise Geschichte geschrieben wird, wenn auf ein breiteres als nur das Fachpublikum gezielt wird. Es wimmelt von Namen, Daten, Abkürzungen, Projektentwürfen, Treffen, Kooperation und Konkurrenz. Ob hier am Ende nur ein Veteran fehlt, der aus dem Ohrensessel erzählen könnte, wie das ganze Projekt über die Jahrzehnte gesteuert wurde? Ich bezweifle, dass es einen solchen gibt oder je gab. Die SBO war genau das, was sie zu sein scheint: Ein ständig sich entwickelndes Rhizhom des Kalten Krieges mit tausenden von Einzelgeschichten.

Vielleicht liegt die Schwierigkeit der eingängigen Beschreibung einfach darin begründet, dass wir noch die Übergangsphase von der aktuellen gesellschaftspolitischen Betrachtung zur Historisierung durchmachen: Das Ganze ist zeitlich noch nah, die Konturen sind verschwommen, die Deutungshoheit ist umstritten – gleichwohl ist das Phänomen SBO unzweifelhaft Geschichte im Sinne von vorbei. Es gehört in den Kalten Krieg, in die Zeit, als über Jahrzehnte die machtpolitischen Konstellationen weltweit festgefügt schienen und sich militärische Planspiele zwischen 1949 und 1989 technisch stark, aber ideologisch kaum veränderten. Nur so ist zu erklären, dass über all diese Jahre hartnäckig der Kampf der NATO-„Partisanen” vorbereitet wurde, ohne dass diese – zumindest in der Bundesrepublik – jemals wirklich einsatzfähig gewesen wären. Die Stay-Behind-Projekte von heute sehen zweifellos anders aus, etwa im Rahmen der ansatzweise sichtbaren „Cyberwar”-Anstrengungen, wo virtuelle Agentennetze im Internet das Kampfterrain zwischen den USA und der VR China vorbereiten…

Ein paar Stichpunkte für Detailverliebte

* In Sachen BDJ/TD – der „Technische Dienst” war das größte CIA-gesteuerte SBO-Projekt – gibt es einige nicht völlig geklärte Punkte. Führten die Enthüllungen des „Aussteigers” Otto im Herbst 1952 zum Platzen der Organisation, wie im Buch nahe gelegt, oder war der TD bereits vorher aufgegeben worden, wie es die CIA-Akten darstellen (was dann auch Ottos Motivation für die Aufdeckung in einem anderen Licht erscheinen lässt)? Kam es in den Reihen des TD wirklich zu einem Fememord oder nicht, im Buch wird das nicht problematisiert (S. 44)? Auch die Frage, ob die angeblichen großen Zahlen von Kämpfern des TD bloße Übertreibung oder gar reine Fiktion waren (insbesondere die angeblichen Netze „A” und „B”, vgl. S. 78), überhaupt die Trennung von Aufschneiderei, Antragsrhethorik und objektiver Lagebeschreibung, hätte ich mir gelegentlich exakter gewünscht. Insgesamt ist über die Geschichte des BDJ/TD nun so viel bekannt, dass hier keine dramatischen Enthüllungen mehr zu erwarten sein dürften.

* Bei Schmidt-Eenboom heißt es, die CIA-Akten zu den SBO-Projekten LCSTART und TPEMBER seien noch nicht freigegeben (S. 67/68), ich habe dazu aber schon einige Details darlegen können.

* Beim Parade-Thema des Autors, den Machenschaften des BND im „Geheimen Widerstand”, scheint mir eine Frage aus meinem Text beantwortet zu werden: Warum fing der BND Ende der 1950er Jahre an, militärische Sabotagetrupps aufzubauen? Eine Erklärung könnten Gehlens damalige Ambitionen sein, im Stil der CIA innenpolitische Machtpolitik notfalls auch putschistisch gegen die eigene Regierung zu betreiben… Eine andere Frage bleibt für mich offen: Wieso hat der BND nach dem Verratsfall Heidrun Hofer 1976 sein SBO-Netz nicht völlig umgebaut, obwohl sie wesentliche Grundlagen davon kannte? Wieso erkannte andererseits das MfS erst 1988 die Sabotagetrupps des BND – hatte der KGB die Genossen 12 Jahre lang hängenlassen?

Die Ausnahme: Das Kapitel „Stay-Behind-Kampf im Inneren?

Seit der Enthüllung der Existenz einer SBO auch in der Bundesrepublik 1990 wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob damit auch innenpolitische Aktivitäten wie die „Strategie der Spannung” in Italien zu Beginn der 1970er Jahre vorstellbar wären. Und so, wie in Italien der verheerende Anschlag von Bologna am 2. August 1980 gelegentlich dieser Spannungsstrategie zugerechnet wird, diskutieren manche, ob das zeitnah erfolgte Oktoberfestattentat in München dazu gehören könnte. Bisher gibt es für diese Hypothese aber nur logische Anknüpfungspunkte, keine Indizien oder gar Belege: Das mögliche Motiv (Strauß zum Bundeskanzler bomben) und die mutmaßliche Täterschaft einer rechtsextremistischen Gruppe.

Wer nun erwartet, diese Hypothese würde auf der Basis der jetzt vorliegenden neuen Erkenntnisse zur SBO kritisch untersucht, wird enttäuscht. Eine auch nur spekulative Verknüpfung mit den vorangegangenen Schilderungen des BND-gesteuerten „Geheimen Widerstands” in den 1970er Jahren findet in dem Kapitel überhaupt nicht statt. Dabei böten sich durchaus Angriffsflächen, denn die von Schmidt-Eenboom dargelegte Strategie des SPD-geführten Kanzleramtes und Verteidigungsministeriums Ende der 1970er Jahre, die Sabotage-Einheiten der SBO am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, könnte durchaus zu einer brisanten Konstellation geführt haben: Zu unzufriedenen Männern mit Sprengausbildung, Zugang zu Bomben, Angst um ihren Job und einer deutlichen Motivation, einen starken Rechtsruck in der Bundesregierung zu wünschen – denn unter F. J. Strauß hätten sie sicherlich bessere Perspektiven gehabt. Im Luxemburger „Bommeleeer”-Prozess 2013 gab es durchaus Parallelen, als spekuliert wurde, geheime Sicherheitskreise mit SBO-Kontakten hätten eine Serie von Bombenanschlägen verübt, um ihre eigenen Einheiten vor Mittelkürzungen zu schützen und sich unentbehrlich zu machen.

Das Kapitel fällt schon deshalb etwas aus dem Rahmen des Buches, weil es so gut wie gar nicht auf neue Akten aus Behördenarchiven zurückgreifen kann. Die schwache Brücke, die von den Autoren des Buches gebaut wird, um von der SBO zum Oktoberfestattentat zu kommen, sind die Akten des MfS, an deren Durchforstung Stoll sich schon 2002 gemacht hatte. Doch weder Stoll noch der später auf der gleichen Spur umtriebige Journalist Tobias v. Heymann konnten in den MfS-Akten relevante Hinweise auf innenpolitische Aktivitäten, geschweige denn Terroranschläge der SBO entdecken; und auch in Sachen Münchener Attentat fischte das MfS – soweit bis heute bekannt – im Trüben und las lediglich mit, was die westlichen Ermittler aufschrieben. Die Ausführungen in dem Kapitel gehen ganz überwiegend kaum hinaus über den Kanon der medialen Berichterstattung zum Attentat, wie er seit etwa zehn Jahren Standard ist. Ich kann daher nur auf meine früheren Veröffentlichungen verweisen, die sich ausführlich mit einigen der hier erneut präsentierten Spekulationen beschäftigen.

Allgemeine Schwachpunkte und die Arbeitshypothese des Autors

Allgemein ist festzustellen, dass sich auf den 30 Seiten dieses Kapitels zahlreiche sachliche Fehler eingeschlichen haben. Darüber hinaus ignoriert der Autor gelegentlich Erkenntnisse, die jedem bekannt sein müssen, der zum Thema recherchiert, die aber zu seinen Hypothesen nicht passen würden. Und schließlich leidet er an einer Krankheit, die sich wie ein roter Faden durch nahezu alle Medienberichte rund um Oktoberfestattentat und Neonazis zieht: Dem völligen Mangel an objektivierender Glaubwürdigkeitsbewertung von Zeugenaussagen. Glaubwürdig ist, was die eigenen Thesen untermauert – wenn nicht, darf es höchstens als fragwürdige „Behauptung” erscheinen.

Im Kern geht es in dem Kapitel um eine Tathypothese des Autors, die allerdings nie konkret zusammengefasst wird, was das Lesen etwas mühselig macht. Danach hätten die Reste der WSG Hoffmann, geführt von Karl-Heinz Hoffmann selbst, unter maßgeblicher Beteiligung von Odfried Hepp, im Libanon ein bisher unerkanntes zweites Standbein bei der rechtsgerichteten christlichen Falange-Partei gehabt und von dort aus unter Verschleierung ihrer Spuren das Münchener Attentat ausgeführt. Eine wie auch immer geartete Verstrickung der SBO oder des BND allgemein wird lediglich dadurch ins Spiel gebracht, dass Udo Albrecht, der den Kontakt Hoffmanns nach Beirut vermittelt hatte, eher beiläufig verdächtigt wird, V-Mann des BND gewesen zu sein.

Im weiteren Verlauf werden noch andere strittige Aspekte der Ereignisse rund um den 26. September 1980 angeschnitten, ohne das neue Erkenntnisse oder Thesen dargelegt werden, wie bereits weiter oben erwähnt.

Auch die durchaus ernst zu nehmende vorstellbare Verbindung zwischen Neonazis und der SBO in jener Zeit, nämlich Heinz Lembke und seine Waffendepots in der Lüneburger Heide, wird nur am Ende des Kapitels eingeführt, nicht in Beziehung zum vorherigen Teil gesetzt und so gut wie gar nicht um neue Erkenntnisse bereichert. Auch hier also der Verweis auf meine ausführliche Befassung mit dem Thema von 2014. Lembke war, das wird immer deutlicher, nicht der ominöse SBO-Agent der „Gruppe 27” in der Lüneburger Heide. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass er gar keinen Kontakt in dieses Milieu gehabt haben kann. Hier stößt der Autor an eine Vorstellungswand, die ich in Medienbeiträgen schon öfters bestaunt habe: Es wird stets versucht, Machenschaften alternativlos als von oben gesteuert, systematisch und organisiert zu erklären. Dass es daneben eine Vielzahl von willkürlichen, chaotischen und individuellen Aktivitäten in unserer Gesellschaft gibt, wird völlig ausgeblendet – es scheint sich schlecht zu verkaufen.

Kernstück der Räuberpistole: Beirut, September 1980

Nun zu der zentralen These des Autors, wonach die sogenannte WSG Ausland des Karl-Heinz Hoffmann im Libanon ganz neu bewertet werden müsse. Dies wird im wesentlichen an zwei Argumentationsstränge geknüpft: Die Ereignisse rund um das Erscheinen von vier deutschen Neonazis in der bundesdeutschen Botschaft in Beirut am 22. September 1980 und die Reisetätigkeiten Hoffmanns, soweit sie nachvollziehbar scheinen. Hier legt der Autor neue Indizien vor, die einer kritischen Würdigung bedürfen.

Am 22. September 1980 meldeten sich die vier deutschen Neonazis Odfried Hepp, Steffen Dupper, Kay-Uwe Bergmann und Peter Hamberger in der bundesdeutsche Botschaft in Beirut und behaupteten, sie seien ausgeraubt worden und benötigten Papiere für die Heimreise. Tatsächlich kamen sie aber aus einem Ausbildungscamp der WSG Ausland. Die Botschaft stellte ihnen Flugtickets nach München aus. Am 24. September wurde ihr Taxi auf dem Weg zum Flughafen von Bewaffneten gestoppt, die vier wurden verschleppt und waren erst einmal von der Bildfläche verschwunden. Für Polizei und Öffentlichkeit änderte sich das erst im Juni 1981, als die WSG Ausland auseinanderfiel und ihre Angehörigen nach und nach zurück in die Bundesrepublik kamen, wo sie verhaftet wurden und umfangreiche Aussagen zu Protokoll gaben. Bis hierher gibt es wohl allgemeine Einigkeit über den Verlauf der Ereignisse.

Nach dem Attentat in München am 26. September 1980 wurde kurz nach der Identifizierung des wahrscheinlichen Attentäters Gundolf Köhler auch der Name Odfried Hepp aus den Datenbeständen des Verfassungsschutzes gefiltert, da 1979 Köhlers Name auf einem Zettel bei Hepp gefunden worden war. Hepp war im Juli 1980 aus Deutschland verschwunden, offensichtlich, um sich einem laufenden Verfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung zu entziehen, und er war bei den Sicherheitsbehörden als junger Neonazi-Funktionär bereits gut bekannt. Diese Kombination von Informationen machte ihn Anfang Oktober 1980, als die Bundesanwaltschaft noch eine Gruppe von Tätern für das Münchener Attentat verantwortlich machte, zu einem Verdächtigen. Es wurde daher spekuliert – dem Buchautor zufolge bis in höchste Ermittlerkreise –, ob das Auftauchen und mysteriöse Verschwinden Hepps in Beirut wenige Tage vor dem Münchener Attentat absichtlich lanciert worden sei, etwa um ihm ein Alibi zu verschaffen. Dieser Gedanke wurde nicht weiter verfolgt, nachdem kurze Zeit später der Tatverdacht gegen Hepp und organisierte Neonazis insgesamt fallen gelassen wurde.

Hoffmann und seine WSG: Bei der Falange oder bei der PLO?

In Beirut wurde durch den Vorfall vom September eine Spirale gegenseitiger öffentlicher Schuldzuweisungen zwischen palästinensischer PLO und der Falange mit ihrer Kataeb-Miliz ausgelöst, wobei jeweils die andere Seite bezichtigt wurde, die deutschen Neonazis zuvor beherbergt und nach deren Flucht wieder eingefangen zu haben. Diese Auseinandersetzung erreichte erst einige Monate später die Öffentlichkeit der Bundesrepublik: Im Januar 1981 berichtete der „Spiegel” gestützt auf Informationen „deutscher Staatsschützer” über den Vorfall und neigte dabei dazu, der Darstellung der PLO zu glauben, zumal deutsche Neonazis eher zu einer rechten Miliz zu passen schienen, während ja die PLO bekanntermaßen gute Kontakte zu westdeutschen Linken bis hin zur RAF unterhielt.

Doch im Sommer 1981 musste der „Spiegel” seine Berichterstattung revidieren. Die zurückgekehrten deutschen Neonazis hatten nun die ganze Geschichte der WSG Ausland ausgeplaudert. Es stand dadurch zweifelsfrei fest, dass die Hoffmann-Leute ab dem Frühjahr 1980 Kontakte zur PLO geknüpft hatten. Nach einigen Querelen im Sommer war im August 1980 im PLO-Lager Bir Hassan die WSG Ausland gegründet worden und von diesem Zeitpunkt bis zu ihrem Zerfall im Juni 1981 ununterbrochen in PLO-Lagern gewesen (teils südlich von Beirut, teils in Bir Hassan). Das räumte schließlich am 13. Juli 1981 auch der Sicherheitschef der PLO, Abu Ijad, im Interview mit dem „Spiegel” ein, wobei er nicht nur die zeitweise Zusammenarbeit mit Neonazis selbstkritisch betrachtete, sondern auch das Verhalten der PLO nach dem 22. September 1980 als taktisch bedingte Unaufrichtigkeit offenbarte.

Wo und wie passt in diese schlüssige Geschichte nun die Vermutung des Buchautors, es sei alles ganz anders gewesen, die WSG Ausland habe mit der Falange kooperiert – und welche Indizien bringt er bei? Im wesentlichen stützt er sich auf zwei Vermerke bundesdeutscher Nachrichtendienste, aus denen er zitiert und die beide den Aufenthalt von namentlich Hoffmann und seinen Leuten bei der Falange thematisieren. Der eine stammt vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und wird vom Autor nicht genauer spezifiziert, der zweite wurde am 29. September 1980, also nur wenige Tage nach dem mysteriösen Entführungsfall von Beirut, beim BND angelegt und in Stolls „Frontal-21”-Beitrag vom 24. März 2014 als Faksimile gezeigt. Daraus ergibt sich, dass es sich um eine weitergeleitete Meldung einer Quelle eines befreundeten Nachrichtendienstes handelte, wonach die deutschen Neonazis in einem Kataeb-Ausbildungslager bei Aqura seien (einer Stadt 75 km nordöstlich von Beirut). Zudem zitiert der Autor aus einem der beiden Vermerke (welchem, ist unklar, da die erklärende Fußnote falsch ist), dass auch Abu Ijad von einem Lager bei Aqura gesprochen habe, in dem unter anderem Westdeutsche ausgebildet worden seien.

…die Waagschale neigt sich der PLO zu…

Welche Anstrengungen unternimmt der Autor, um den scheinbaren Widerspruch aufzuklären, dass die WSG Ausland seit spätestens August 1980 im PLO-Lager Bir Hassan trainierte, aber laut Geheimdiensterkenntnisse und PLO-Angaben im Herbst 1980 in einem Kataeb-Lager gewesen sei? Ganz einfach: Gar keine. Der Widerspruch bleibt einfach im Raum stehen. Hoffmann selbst hat sich mit einer gewissen Berechtigung jüngst darüber empört, seine öffentlichen Dementis aber so schlampig formuliert, dass er weitere Munition für Spekulationen geliefert hat. In einer Erwiderung an Stoll betonte Hoffmann, sich nie in einem Kataeb-Lager „im Süd-Libanon” aufgehalten zu haben, obwohl davon nie die Rede war (Aqura liegt im Norden), er habe überhaupt niemals Gebiet der Falange betreten – was angesichts der Tatsache, dass seine Fahrzeug-Lieferung teils über Tripolis im Nord-Libanon abgewickelt wurden, also durch christlich kontrolliertes Gebiet fahren mussten, nur bedingt glaubwürdig ist.

Es ist schwer zu entscheiden, ob es während des libanesischen Bürgerkriegs tatsächlich „Selbstmord” gewesen wäre, sich mit zwei verfeindeten Kriegsparteien auf Geschäfte einzulassen (wie Hoffmann es darstellt) oder ob es in der täglichen Realität doch die einen oder anderen Grauzonen gab, die ein findiger Abenteurer auszunutzen versuchen konnte. Ein riskantes Spiel dürfte es in jedem Fall gewesen sein, und spätestens nach dem öffentlichen Schlagabtausch Ende September 1980 zwischen PLO und Falange waren die deutschen Neonazis in gewissem Maße ein innenpolitisches Problem im Libanon geworden. Es erscheint nicht vorstellbar, dass in dieser Situation eine Gruppe in den Lagern sowohl der PLO als auch der Kataeb militärische Ausbildung bekommen konnte. Gab es denn am Ende zwei Gruppen, die Hoffmann unabhängig voneinander in den Libanon gebracht hatte? Das hat bisher noch niemand behauptet, noch nicht einmal der Autor des vorliegenden Buchkapitels, und es dürfte auch eine abwegige Vorstellung sein.

Dies auch deshalb, weil es im Mai/Juni 1980 zum Führungsstreit über das Libanon-Projekt zwischen Udo Albrecht und Hoffmann gekommen war; die erste kleine WSG Ausland zerfiel, einige reisten zurück in die Bundesrepublik. Albrecht war Offizier der Al Fatah und damit für den „Newcomer” Hoffmann ein gefährlicher Widersacher; es wäre für Hoffmann, der um seinen Status bei der PLO kämpfen musste, ein äußerst gefährliches Spiel gewesen, gleichzeitig ein Eisen bei den Todfeinden von der Falange im Feuer zu halten und hätte Albrecht ein Druckmittel gegen ihn in die Hand gegeben. Letztlich ist vielleicht die Darstellung Abu Ijads in seinem Interview im „Spiegel” 1981 nicht so weit von der Wahrheit entfernt, wonach einige der deutschen Neonazis ganz zu Anfang – also im Frühjahr 1980 – in einem Ausbildungslager der Kataeb gelandet waren und dann von der PLO festgenommen wurden. Die Behauptung, nur so sei der Kontakt zu Hoffmann zustande gekommen, kann aber als Schutzbehauptung Abu Ijads zur Deckung von Albrecht gewertet werden.

Übrigens hat die PLO das ganze Spiel im Sommer 1981 noch einmal zu spielen versucht. Nachdem nämlich zwei Mitglieder der WSG Ausland (Behle und Mainka) tatsächlich zu Falange abgehauen waren und dort auf einer Pressekonferenz die Zusammenarbeit der PLO mit den deutsche Neonazis publik gemacht hatten, präsentierte die PLO im Gegenzug öffentlich andere WSGler, die angeblich bei der Kataeb ausgebildet worden und von dort zur PLO entflohen waren. Diese waren aber so schlecht vorbereitet worden, dass die Journalisten den Schwindel sofort erkannten.

…und wir landen bei Abu Ijad, Sicherheitschef der PLO

Es fragt sich, welchen Ursprung die Quellenmeldungen von BfV und BND und die Berichte des „Spiegel” im Januar 1981 gehabt haben könnten. Weit auseinander dürften sie nicht gelegen haben. Der „Spiegel” machte nicht deutlich, auf wie viele verschiedene Quellen er sich stützte, doch es dürften im wesentlichen westdeutsche Sicherheitsbehörden gewesen sein, deren Meldungen angedickt bzw. gegenrecherchiert wurden. Während etwa laut „Spiegel” vom 19. Januar 1981 angeblich Falangisten beklagen, dass Hoffmann mit seinem „roten Auto” mit dem Kennzeichen FO-RU 71 auch bei der PLO geschäftlich vorfahre, will die Quelle des BfV laut Vermerk von 20. Januar 1981 den „Leyland Combi” mit dem Kennzeichen FO-RU 71 in der „Tiefgarage des Falangisten-Hauptquartiers in Beirut” gesehen haben… Die beiden ähnlichen, aber scheinbar widersprüchlichen Angaben passen zusammen, wenn unterstellt wird, Hoffmann sei in der Zeit vor dem Januar 1981 eigentlich ein Mann der Falange gewesen, und wenn er auch mal bei der PLO gesichtet würde, seien das unerwünschte Geschäfte außer der Reihe.

Es fällt auf, dass der Vermerk des BND vom 29. September 1980 auf einer ganz aktuellen Quellenmeldung basierte, die Meldung also unmittelbar in den öffentlichen Schlagabtausch zwischen PLO und Falange über den Entführungsfall in Beirut fiel. Weiter fällt auf, dass die genaue Lokalisierung im Lager der Kataeb bei Aqura sowohl in dieser Quellenmeldung erscheint als auch in der Darstellung von Abu Ijad – eine Darstellung, die der frühere PLO-Repräsentant Abdallah Frangi im Jahr 2014 gegenüber Stoll in dem erwähnten „Frontal-21”-Bericht noch einmal treulich wiederholt, ganz so als sei ihm entfallen, dass Abu Ijad selbst schon im Juli 1981 öffentlich eingestanden hatte, im September 1980 aus taktischen Gründen Unwahrheiten erzählt zu haben während die deutschen Neonazis in Wirklichkeit unter seinen eigenen Fittichen waren. Keine Nachfragen dazu von Seiten Stolls…

All das legt den Verdacht mehr als nur nahe, dass die Vermerke von BfV und BND und somit auch der Artikel des „Spiegel” im Januar 1981 letztlich direkt oder indirekt auf die Desinformationspolitik der PLO vom September/Oktober 1980 zurückzuführen sind. Möglicherweise hatte es ein kurzes Gastspiel einiger verirrter Neonazis im Frühjahr 1980 bei der Falange gegeben, das die PLO dann als willkommene Grundlage für ihre irreführenden Meldungen nutzte. Die vermeintlich mehreren Quellen für einen Kontakt zwischen Hoffmann und der Kataeb (BfV, BND, „Spiegel”) könnten sich dann als eigentlich eine einzige Quelle erweisen: Abu Ijad, Sicherheitschef der PLO, 1991 in Tunesien ermordet.

Welcher Logik folgt die These von der „Scheinentführung” überhaupt?

Doch folgen wir der kontrafaktischen Überlegung noch etwas weiter. Der Buchautor spekuliert ja nicht nur, die (mutmaßlich vorgetäuschte) Entführung am 24. September 1980 habe Hepp und anderen ein Alibi verschaffen sollen, sondern geht einen Schritt weiter und meint, unter dieser Deckung seien die Neonazis dann dennoch nach München gereist und hätten das Attentat verübt, um dann schnell wieder zurück zu reisen. Ähnlich wie schon dem Journalisten v. Heymann, der die These entwickelte, in das Attentat verwickelte Mitglieder der WSG Hoffmann hätten sich bewusst in den Raum München begeben und observieren lassen, um gerade nicht in den Verdacht zu geraten, im Raum München einen Anschlag zu begehen – anstatt sich, wie Hoffmann, ganz lässig ein Alibi in Nürnberg zu besorgen – geht auch hier mit dem Autor wohl etwas die Hollywood-Film-Fantasie durch. Attentäter, die kurz vor der Tat extra aus dem Untergrund auftauchten und sich von deutschen Behörden ein Flugticket nach München ausstellen ließen in der Absicht, deutsche Behörden davon „abzulenken”, dass sie nach München reisen wollten – wo ist denn da die „Ablenkung”? Das ist doch eher eine „Hinlenkung” der Aufmerksamkeit. Oder hatten sie zwar die Logistik, um einen Anschlag in weiter Ferne vorzubereiten, aber nicht die Mittel für die Reise und wollten beim deutschen Staat die Flugkosten zum Attentat schnorren? Spätestens ab dem Moment, in dem der Entführungsfall ein öffentliches Politikum in Beirut geworden war, konnte ihn eigentlich niemand mehr für eine schlaue Idee halten, um sich der Aufmerksamkeit zu entziehen. Zumal, daran sei erinnert, die Entführung ja nun erwiesenermaßen nicht vorgetäuscht war – was man im Oktober 1980 ja noch nicht sicher wissen konnte –, sondern tatsächlich stattfand, und zwar seitens der PLO. Der Autor müsste nun schon erklären, wie und wieso denn PLO und Falange in das Münchener Attentat verwickelt sein sollten.

Die Annahme eines solchen Szenarios beinhaltet auch, dass alle Beteiligten seit damals eisern schweigen, ja nicht nur schweigen, sondern eine miteinander abgestimmte Legende erzählen, die auch nach vielen Jahren noch hält und keine relevanten Widersprüche aufweist. Es gab zwar schon damals Unstimmigkeiten in den Aussagen darüber, wer sich wann in welchem Umfang an Folterungen seiner Kameraden beteiligt hatte, doch waren das erkennbare Versuche, die eigene Rolle kleinzureden. Wir sprechen hier nicht von abgebrühten, lebenserfahrenen Agenten, sondern von damals oft gerade mal 20jährigen Männern, die sich blindlings in ein Bürgerkriegsland gestürzt hatten ohne die geringste Vorstellung was sie dort erwartete, und die traumatisiert zurückkehrten.

Auch das einzige schwache Indiz, das nicht so einfach zu widerlegen ist, rettet die Geschichte nicht:
Der Vater von Bergmann soll später einen Brief seines Sohnes bekommen haben, der am 25. September 1980 um 24:00 Uhr in Frankfurt/Main „aufgegeben” worden sei, was der Autor als Indiz für eine Anwesenheit von Bergmann in Frankfurt wertet. Es muss aber nicht Bergmann selbst den Brief aufgegeben haben, zudem ist Frankfurt Drehscheibe für internationale Luftpost, der Brief könnte also auch aus Beirut gekommen sein. Das Gepäck der vier Deutschen war nicht mit entführt worden, sondern über ihr Hotel in die Hände der Falange geraten, von wo es – so ist zumindest zu vermuten – der Botschaft überstellt wurde. Es gibt also auch andere Erklärungsmöglichkeiten dafür, dass Nachrichten oder Sendungen von Bergmann in diesen Tagen ihren Weg nach Frankfurt fanden.

Zusammengefasst: Die ganze Geschichte passt vorne und hinten nicht. Die Anwesenheit der Hoffmann-Leute bei der Falange ist höchstwahrscheinlich frei erfunden, äußerstenfalls eine kleine Randepisode lange vor den in Rede stehenden Ereignissen. In jedem Fall kamen die vier Neonazis, die Ende September 1980 in Beirut für Wirbel sorgten, aus einem Lager der PLO, nicht der Kataeb. Dass ihr Auftritt zu einem Plan gehörte, unentdeckt nach München und zurück zu gelangen, ist wohl eher eine schwärmerische Fantasie. Möglicherweise hat die Aussicht, einen neuen Aspekt zu den Ermittlungen im Fall des Oktoberfestattentats beisteuern zu können, hier den normalerweise solide redigierenden Verlag verleitet, sich aufs Glatteis zu begeben.

Nebengleise: Hoffmanns Reisen und die Italien-Connection

Mit diesem Fazit wackelt auch die nächste Säule der Spekulation des Buches, die Italien-Connection. Denn in dem Lager Aqura sollten die deutschen Neonazis ja laut BND-Vermerk mit italienischen Neofaschisten über Anschlagspläne gesprochen haben. Das erinnert an die alte Geschichte von dem angeblichen Treffen Hoffmanns mit Neofaschisten im Juli 1980 in Rom, die im Buch auch prompt wieder ausgegraben wird. Dabei ist sie seit Jahren als Desinformation des italienischen Neofaschisten Ciolini demaskiert worden (vgl. Rainer Fromms Buch zur WSG Hoffmann, 1998). Ob Hoffmanns Behauptung, nie in Italien gewesen zu sein (obwohl sein Pass einen entsprechenden Stempel vom 20. August 1980 tragen soll), wieder eines seiner typischen Eigentore ist oder nicht – ohne das Lager bei Aqura und ohne Ciolinis Räuberpistole gibt es keine Italien-Connection. Der Autor setzt nach, ob Hoffmann im August 1980 „tatsächlich (…) in Rom Kontakt mit italienischen Rechtsextremisten aufgenommen hatte”, müsse „offenbleiben” – ganz so, als ob diesen Kontakt jemand behauptet hätte, was nicht der Fall ist – und raunt etwas von möglicherweise manipulierten Stempeln im Pass, das rettet die Story aber nicht, denn es bleiben keine Indizien übrig, nur heiße Luft.

Überhaupt gibt die Reisetätigkeit Hoffmanns und seiner Leute dem Buchautor Rätsel auf, er argwöhnt absichtlich verwirrende Routen (was übrigens Beteiligte selbst später einräumten: Man vermied es, von der Bundesrepublik direkt nach Damaskus zu fliegen). Doch Hoffmann war nicht, wie vom Autor dargestellt, ab März 1980 über „mehrere Monate” in Libanon und Syrien. Meist war er nur für wenige Tage dort und reiste dann wieder zurück nach Franken, wie die Ermittlungen der Sicherheitsbehörden und die Visa-Vermerke ergaben.

Der Autor meint auch ein Indiz dafür entdeckt zu haben, dass Mitglieder der WSG Ausland unter Verwendung von BND-bekannten falschen Papieren unerkannt umherreisten: Udo Albrecht hatte sich nach seiner Verhaftung im März 1981 dem deutschen Bundesinnenminister angedient mit der Behauptung, Deutschen im Libanon mit falschen Pässen ausgeholfen zu haben. Erstens war aber Albrecht von geradezu notorischer Unglaubwürdigkeit (sein späterer Dienstherr, das MfS, verzweifelte schier angesichts seiner dauernden Lügen, wie aktenkundig ist), zweitens ist hier weder etwas über die Qualität, Herkunft oder Nationalität dieser angeblichen Pässe gesagt. Drittens ist der Dreh- und Angelpunkt, nämlich die Frage, ob Albrecht überhaupt V-Mann des BND war, alles andere als klar. Der Publizist Stefan Aust hat diesen Verdacht einmal geäußert und per Buch und „Spiegel” verbreitet, das MfS hat aber seinerzeit keine Hinweise darauf finden können. Waren dieses eine Mal Aust und der BND besser als die Stasi?

Detailfragen – sachliche Fehler, Ungenauigkeiten, Spekulationen

Nach der Demontage der zentralen These des Kapitels widme ich mich nun noch einigen Details, die er Richtigstellung oder des Kommentars bedürfen.

Zuerst zur Vorgeschichte: Odfried Hepp gründete die Wehrsportgruppe „Schlageter” in seiner Heimatstadt nicht wie geschrieben 1978, sondern 1979. Er wurde 1979 nicht wegen „Anschlägen auf Fahrzeuge von US-Soldaten” verhaftet, sondern wegen seiner Wehrsportgruppe und wegen versuchter Gründung einer Zelle der illegalen NSDAP/AO. Hier verwechselt der Autor die Geschehnisse 1979 mit den Anschlägen der „Hepp-Kexel-Gruppe” 1982. Es wurde auch nicht „zunächst kein Verfahren eröffnet”, sondern das Ermittlungsverfahren dauerte trotz Haftverschonung Hepps an und führte zur Anklageerhebung im Juli 1980 – was ein wichtiger Grund für Hepps Entweichen in den Libanon war. Die Polizei fand bei Hepp bei dessen Festnahme 1979 den Namen Köhler, allerdings nicht auf einer „EDV-Liste mit ca. 200 Namen”, sondern auf einem handschriftlichen kleinen Zettel. Die Herkunft dieses Zettels und seine Interpretation hinsichtlich Köhlers Mitgliedschaft in der WSG Hoffmann habe ich an anderer Stelle ausführlich diskutiert.

Hepp soll am 7./8. Juni 1980 „mit rund 30 Neonazis bei Manfred Roeder in Hannoversch Münden gewesen sein und nicht, wie er angegeben hatte, im Libanon” – dabei hatte Hepp nie behauptet, im Juni schon im Libanon gewesen zu sein, sondern wie im selben Buch wenige Zeilen weiter oben zu lesen ist erst ab dem 27. Juli 1980. Der Autor kommt sogar später noch einmal auf den scheinbaren Widerspruch zurück, weil er meint, Hepp damit der Lüge überführen zu können, ohne zu bemerken, dass nach herrschender Meinung der 8. Juni unzweifelhaft zeitlich vor und nicht nach dem 27. Juli liegt.

Verdächtig erscheint dem Autor, dass bei Roeder seinerzeit ein Brief an Ollmann sichergestellt wurde, in dem es heißt, Hepp solle einen „Freund in Süddeutschland” kontaktieren um „die Sache” zu besprechen. Die Suggestivfrage im Buch, ob damit Köhler und das Münchener Attentat gemeint seien, ist pure Spekulation ins Leere. Hepp ebenso wie Ollmann waren damals Funktionäre der Wiking-Jugend, Hepp war Gauleiter in Schwaben, Ollmann in West-Berlin, und beide hatten gemeinsam versucht, die WJ gegen den Willen des Bundesvorstandes zu radikalisieren, ihr Kontakt war also offenkundig. Es liegt zudem nahe, dass der Süddeutsche Hepp Freunde in Süddeutschland hatte und als Funktionär dort auch so einiges zu besprechen hatte.

Von den drei mit Hepp Ende Juli 1980 ausgereisten und am 22. September 1980 in Beirut in die bundesdeutsche Botschaft gekommenen Männern war nicht Kay-Uwe Bergmann Mitglied der „Jungen Front”, wie der Autor meint, sondern Peter Hamberger.

In Sachen Oktoberfestattentat selbst wird offenbar einiges an Details aus v. Heymanns Buch „Die Oktoberfestbombe” (2006) bezogen, inklusive der darin enthaltenen Fehler – etwa, dass die explodierte Mörsergranate in einem Feuerlöscher gesteckt habe anstatt umgekehrt –, insgesamt ist die Darstellung der Abläufe aber akzeptabel.

Kurz widmet sich der Autor der Herkunft der Mörsergranate des Münchener Attentats. Schon 1980 hatten Ermittler festgestellt, dass britische Mörsergranaten seit den 1950er Jahren auch in den Nahen Osten geliefert worden waren. Es zeugt aber schon von einer reichlich verdrehten Fantasie, sich vorzustellen, es sei eine leere Granathülse im Libanon beschafft und konspirativ nach Donaueschingen verfrachtet worden, um das Attentat in München vorzubereiten. Soviel Aufwand für einen hohlen Metallzylinder, von dessen Machart seit den beiden Weltkriegen tausende und abertausende in den Wäldern Mitteleuropas und auf Flohmärkten zu finden sind? Und das, während Neonazis scharfe Granaten, Sprengstoff und Munition aus heimischen Quellen umstandslos bei sich zuhause horteten? Also bitte.

Weiter geht es mit der Observation der WSG Hoffmann durch den Verfassungsschutz am Vorabend des Münchener Attentats („Aktion Wandervogel”). Hier sei ausnahmsweise in einem Detail übergroße Vorsicht des Autors konstatiert: Die damalige V-Mann-Tätigkeit von Ulrich Behle für das LfV NRW unstrittig, Behle selbst hat sie mehrfach auch schriftlich eingeräumt.

Die observierte Fahrt der alten Unimogs zur österreichischen Grenze hat schon manche Fantasie beflügelt, der Buchautor greift hier auf die Ideen des Journalisten v. Heymann zurück, wonach auch dies dem Basteln eines Alibis gedient habe. Ich habe auch diesen Gedanken früher ausführlich diskutiert und als unausgereift und höchst unwahrscheinlich verworfen.

Die Aktivitäten des LfV Hessen am Wochenende des Münchener Attentats galten nicht, wie vom Autor dargestellt, der WSG Hoffmann, sondern dem Jahrestreffen der neonazistischen „Hilfsorganisation für Nationale Politische Gefangene” (HNG) in Frankfurt/Main, das dann im Zuge der Ermittlungen nach dem Attentat von der Polizei in einem Großeinsatz aufgelöst wurde.

Lag der ganzen Observationstätigkeit der Hinweis eines V-Mannes „auf eine bevorstehende Aktion der WSG” zugrunde, wie suggestiv gefragt wird? Vielleicht ja, vielleicht gab es andere Quellen, aber der Konvoi der Unimogs unter Beteiligung eines V-Mannes (Behle), welcher damit in den Libanon geschleust wurde, war ja wohl zweifellos eine „Aktion der WSG”, die die Beobachtung lohnte, insofern zielt die Suggerierung „Aktion” = „Attentat” ins Leere.

Es folgt noch die Geschichte von Behles vermeintlichem Tatgeständnis in Damaskus im Oktober 1980. Der schon des öfteren untersuchten Story wird aber kein neuer Aspekt abgewonnen, es bleibt eine Glaubensfrage, wer wann gelogen hat.

Heinz Lembke zum Schluss

Erst die letzten Seiten des Kapitels widmen sich der mutmaßlichen Verwicklung des Neonazis Heinz Lembke in das Münchener Attentat und/oder in die SBO, womit dann der Bogen zum eigentlichen Thema des Buches wieder geschlagen wäre.

Die Geschichte von Lembke und dem Auffliegen seiner Depots ist schon öfters erzählt worden und wird im Buch unter Verwendung interessanter Insider-Quellen (wie etwa dem Tagebuch Lembkes) wiederholt. So weit, so gut. Bei der Einschätzung, welche Bedeutung und Funktion die Waffendepots von Lembke gehabt haben könnten, hat der Autor auch nichts wirklich neues beizutragen. Er wiederholt die von mir bereits früher kritisierten Erwägungen der „Österreichischen Militärzeitschrift” über den fantasierten „Sperriegel” gegen die Rote Armee am Flüßchen Ilmenau. Vor allem aber sucht er, wohl inspiriert von dem bereits erwähnten Buch v. Heymanns von 2006, nach möglichen Parallelen zwischen Lembke und der SBO-Gruppe „27”, der das MfS auf der Spur war. Ich habe in meinen Versuchen, diese Parallelen zu hinterfragen, schon einmal auf das mögliche starke Indiz des im Funkverkehr erwähnten Geburtstags der Ehefrau des SBO-Agenten hingewiesen, und dankenswerter Weise hat der Autor hier erfolgreich recherchiert. Mit dem Ergebnis, dass die damalige Ehefrau Lembkes nicht gemeint sein konnte: Sie wurde im Juli geboren, während der BND im November zum Geburtstag gratulierte. Der Autor bleibt vorsichtig, ich werte diese Information als Sargnagel für die Hypothese v. Heymanns. Ob all das bedeutet, dass Lembke gar nichts mit SBO-Aktivitäten zu tun hatte, bleibt offen – der Autor führt hier unter anderem an, dass über eventuelle SBO-Projekte des britischen Geheimdiensts in Norddeutschland praktisch nichts bekannt ist, wobei mir aber für Ende der 1970er Jahre höchst unplausibel scheint, dass trotz der aufwändigen NATO-internen Strukturen der SBO die einzelnen Mitgliedsstaaten in nennenswertem Umfang auf dem Boden der Partnerländer eigene Aktivitäten entfalteten.

Die letzten Seiten des Kapitels behandeln die wiederaufgenommen Ermittlungen zum Oktoberfestattentat und die damit verbundenen Hinweise und Hindernisse. Nicht zuletzt nach dem Auffliegen der NSU-Terrorgruppe 2011 konzentriert sich viel Interesse auf die Frage, ob und in welchem Umfang V-Leute der Geheimdienste in Attentate involviert gewesen sein könnten. Da es in dieser Hinsicht zum Attentäter Köhler keinerlei Erkenntnisse gibt, wird gemeinhin, so auch hier, die WSG Hoffmann bzw. die Neonazi-Szene ins Visier genommen. Dort gab es zweifellos V-Leute, wenn auch bei weitem nicht so viele wie heute. Denn auch die Szene war viel kleiner als heute, das darf nicht vergessen werden. Mehr als Geraune kommt aber nicht heraus: Udo Albrecht „soll” V-Mann des BND gewesen sein (ich habe da meine Zweifel und würde ihn eher als gelegentlichen Informanten für jeden Nachrichtendienst einschätzen), Ulrich Behle „wird in Medienberichten verdächtigt”, V-Mann des LfV NRW gewesen zu sein (wie schon erwähnt, kann das als Tatsache gelten), und schließlich Odfried Hepp „stand im Verdacht, (…) auch westdeutschen Behörden gedient zu haben” – ein Verdacht, der sich lediglich auf die alles andere als seriöse Publizistin Regine Igel stützt, die dies wiederum auf eine einzelne Behauptung eines IM des MfS zurückführt. Das MfS, das in der fraglichen Zeit Hepp gerade in seine Dienste nahm und ihn, insbesondere aufgrund seiner Selbstanbietung – für jeden Nachrichtendienst ein Alarmsignal: „Vorsicht, Unterwanderung durch Gegner!” –, sehr genau unter die Lupe nahm, fand keine Anhaltspunkte für diesen Verdacht. Ein Sumpf von V-Leuten rings um das Attentat lässt sich also nicht herbeischreiben, so ärgerlich die Zugeknöpftheit der Sicherheitsbehörden bei diesem Thema auch sein mag.

Soviel zu der Achillesferse des besprochenen Buches. Liest überhaupt noch jemand zu? Also, nochmals, wer mehr über Stay Behind wissen will, sollte zugreifen – es wird so schnell nichts besseres zum Thema geben!


Weitere Besprechungen:

Telepolis (Interview mit Schmidt-Eenboom)

Humanistischer Pressedient (Kurzrezension von Armin Pfahl-Traughber)

 

 

 

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