Stay Behind: Gauner, Nazis und Agenten

TitelIch freue mich, meiner kleinen Fangemeinde einen neuen Rohdiamanten präsentieren zu können: Nach einigen Monaten des Durchbeissens durch öffentlich zugängliche Akten der CIA habe ich eine Geschichte von Stay Behind in Deutschland der Jahre 1948 bis 1960 geschrieben, die es hierzulande meines Wissens bisher so umfangreich noch nicht gab. Anders als geplant ist ein ganzes Buch von 200 Seiten Umfang daraus geworden. Die Einleitung und Ausschnitte aus den drei Kapiteln, die wohl am meisten auf Interesse stoßen, sind hier auf der Webseite zu finden- das ganze Buch zum Download als PDF.
(Anm.: Seit 2. Juli 2015 ist dies eine korrekturgelesene und um ein einige Fehler bereinigte Version, allen die die erste Version haben, empfehle ich das „Update“, da in der ersten Version auch einige wenige gröbere Schnitzer wie etwa drei falsche Jahreszahlen enthalten waren)

Stay Behind in der
Bundesrepublik Deutschland 1948-1960

Einleitung

Was war Stay Behind – eine zentralisierte Struktur, ein Netzwerk, ein loser Flickenteppich von Gruppen? Was tat Stay Behind – ging es um paramilitärische Wehrsportübungen, „schlafende” Spionageringe für den „Tag X”, antikommunistische Kampfgruppen mit innenpolitischen Zielen? Wer gehörte zu Stay Behind – alte Nazis, Militärveteranen, Widerstandskämpfer gegen den Bolschewismus? Und schließlich, wer steuerte Stay Behind – Militärs oder Nachrichtendienste, US-Amerikaner oder Deutsche? Seit der Aufdeckung des westeuropäischen Stay-Behind-Netzwerks im Jahr 1990 in Italien blühen Vermutungen, Verdächtigungen und Beschuldigungen rund um das Thema. Insbesondere die Frage, ob Stay Behind den Rahmen einer rein präventiven und im Kern defensiven Kriegsvorbereitung überschritten und zum innenpolitischen Kampfmittel radikaler rechtsnationalistischer Innenpolitik geworden sein könnte, wird immer wieder aufgeworfen, auch wenn es für Deutschland – anders als etwa im Falle Italiens – bisher keine Belege in dieser Richtung gibt. An solchen Spekulationen habe ich mich auch mehrfach beteiligt im Rahmen meiner Recherchen zum Anschlag auf das Münchener Oktoberfest 1980.

Das Kapitel zu LCPROWL (Technischer Dienst)

Das Kapitel zum KIBITZ-Netz und Walter Kopp

Das Kapitel zu SATURN, dem Stay-Behind-Programm des BND

Mit meiner Untersuchung der Anfänge von Stay Behind ziele ich in erster Linie auf die Beantwortung von drei Fragen ab, die in der Öffentlichkeit immer wieder gestellt werden:

  • Wie stark waren Nazis bzw. später Neonazis in Stay-Behind-Aktivitäten eingebunden?
  • Haben Stay-Behind-Organisationen in Deutschland in die aktuelle Politik eingegriffen?
  • Lassen sich Verbindungen zwischen den bekannten Stay-Behind-Organisationen und politischen Ereignissen der jüngeren Geschichte, insbesondere um 1980 herum, aufzeigen?

In aller Kürze lässt sich feststellen, dass die Betrachtung der Jahre 1948 bis 1960 zwar viele erhellende Details zur Geschichtsschreibung liefert, aber keine überraschenden Antworten auf die drei gestellten Fragen. Das in den vergangenen Jahren oft gezeichnete Bild von einer zentral gesteuerten Organisation, gar von einer „Geheimarmee”, ist in Bezug auf Deutschland und zumindest für die Jahre bis 1960 unzutreffend.
Der größte Teil der Stay-Behind-Operationen auf deutschem Boden endete offenbar Mitte der 1950er Jahre und fand auch keine organisatorische Fortsetzung. Lediglich die Stay-Behind-Organisation des Bundesnachrichtendienstes (BND) bestand fort und wäre für die 1960er/1970er Jahre eine weitere Betrachtung wert.

  • Wie stark waren Nazis bzw. später Neonazis in Stay-Behind-Aktivitäten eingebunden?
    Eine Beteiligung von Nazis an Stay-Behind-Netzen, die auffällig über die allgemeine Präsenz von NS-Belasteten in den öffentlichen wie geheimen Strukturen der jungen Bundesrepublik Deutschland (BRD) hinausgeht, lässt sich hier nicht belegen. Dass gerade die Organisation Gehlen (der spätere BND) viele Mitglieder des NS-Sicherheitsapparates aufnahm und vor Verfolgung schützte, ist be­kannt und betraf alle Bereiche dieser Organisation, eine besondere Belastung der Abteilung für Stay Behind ist von mir nicht zu belegen. Die Begriffsbestimmung ist hier aber schwierig, weil gerade im militärisch-geheimdienstlichen Milieu eine große Anzahl von deutschnationalen Ex-Offizieren vertreten war, bei denen eher der Verdacht auf Beteiligung an Kriegsverbrechen zu prüfen wäre, auch ohne dass sie in NS-Organisationen aktiv gewesen wären.
    Dass in den Jahren nach 1961 auch Neonazis zur Stay-Behind-Organisation (SBO) gehörten, ist nicht auszuschließen und mit deren politischem Selbstverständnis möglicherweise zu vereinbaren, aber bisher nicht positiv zu belegen.
  • Haben Stay-Behind-Organisationen in Deutschland in die aktuelle Politik eingegriffen?
    Die frühen Stay-Behind-Programme bis etwa 1954 standen fast völlig unter Kontrolle der CIA, deren Deutschlandpolitik den Kampf gegen die DDR beinhaltete, aber – anders als etwa in Italien – keine direkte Aktivitäten gegen die linke Opposition im Partnerstaat BRD. Dort, wo Stay-Behind-Organisationen von Deutschen kontrolliert wurden – also im wesentlichen 1950-1952 beim „Technischen Dienst” (TD) des Bund Deutscher Jugend (BDJ) und später in der SBO der Org. Gehlen bzw. des BND – kann eine innenpolitische Agenda nicht so eindeutig verneint werden. Hier ist aber vor Übertreibungen zu warnen.
    Der TD hatte zwar möglicherweise Feindlisten angelegt, wenn auch wohl eher von (vermeintlichen) KommunistInnen als von SPD-Mitgliedern wie es meistens behauptet wird. Doch waren das wohl mehr Machtfantasien als reale Pläne, da die Größe und Einsatzfähigkeit des TD deutlich geringer gewesen sein dürfte als zumeist dargestellt. Innenpolitisch aktiv war der BDJ, nicht der TD.
    Die SBO des BND war deutlich besser organisiert als der TD, dies aber erst zu einer Zeit (Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre), als die innenpolitischen Ambitionen von Gehlen & Co. schon nachgelassen hatten. In den hier betrach­teten Jahren ihres Bestehens sind keine Anzeichen für politische Ambi­tionen nachzuweisen. Es ist dabei auch zu bedenken, dass die Perspektive der SBO auf eine große militärische Auseinandersetzung ausgerichtet war, man sah sich dort als Mitspieler in der „großen” Politik des Kalten Krieges, auf Augenhöhe mit CIA und US Army.
    Die einzige innenpolitische Funktion, die sich für die frühen deutschen Stay-Behind-Gruppen zumindest ansatzweise nachzeichnen lässt, ist deren Beitrag zur schnellen und revanchistisch ausgerichteten Remilitarisierung in der BRD, indem sie hinter den politischen Kulissen Druck zur Wiederbewaffnung aufbauten.
  • Lassen sich Verbindungen zwischen den bekannten Stay-Behind-Organisationen und politischen Ereignissen der jüngeren Geschichte, insbesondere um 1980 herum, aufzeigen?
    Bei den deutschen Stay-Behind-Programmen der CIA dürfte es keine Kontinuität über 1954 hinaus gegeben haben, es käme hier also nur die SBO des BND in Frage.
    Ob sich nach 1961 deren Politik auf innenpolitische Ziele gerichtet haben könnte, ist hier nicht zu beantworten, aber nach den vorhergehenden Erwägungen und der Gesamtschau der Dokumente zumindest nicht naheliegend.
    Nach wie vor ist vorstellbar, dass gerade mit dem Bedeutungsverlust von Stay Behind in der Kriegsplanung der NATO ab Mitte der 1960er Jahre die Beteiligten sich neue, kleinere Ziele gesucht haben könnten. Sollten damals Rechtsradikale Zugang zur SBO gefunden haben, hätten die SBO-Ressourcen in der Vorbereitung auf den von manchen Neonazis erwarteten Bürgerkrieg gegen „die Linken” oder „die Kommunisten” in BRD und/oder DDR eine Rolle spielen können. Dies ist und bleibt aber auch nach der hier vorliegenden Untersuchung völlig spekulativ.
    Die im Laufe der 1970er Jahre aktiven Neonazigruppen, die bewaffnet und/oder terroristische agierten, verwendeten soweit bekannt kein Material aus SBO-Quellen, sondern bastelten, raubten oder kauften sich ihr Zeug selbst zusammen. Auch bei den berüchtigten Depots von Heinz Lembke 1981 ist ein SBO-Zusammenhang alles andere als eindeutig, m. E. sogar eher zweifelhaft.
    Der Gesamtcharakter einer militärisch-geheimdienstlichen, in Kriegskategorien denkenden Organisation lässt es unwahrscheinlich erscheinen, dass aus der SBO heraus planvoll solche rechten Exzesse geschahen; wenn, dann wäre das eher in der Peripherie von einzelnen unkontrollierten Agenten und deren Umfeld zu erwarten.

Die Dokumente der CIA: Geschichte in 100.000 Akten

Quelle No. 1: Die CIA und der Nazi War Crime Disclosure Act (NWCDA)

Um den historischen Hintergrund etwas aufzuhellen und der Beschäftigung mit Stay Behind festeren Boden zu verschaffen, habe ich bei denen nachgelesen, die es genau wissen müssen: Die CIA ist seit rund zehn Jahren damit beschäftigt, umfangreiche Aktenbestände öffentlich zur Verfügung zu stellen. Grundlage dafür ist das 1998 unter der Clinton-Administration verabschiedete Gesetz zur Offenlegung von US-Informationen zu Kriegsverbrechen, der Nazi War Crime Disclosure Act (NWCDA). Man kann die Geheimdienst-Politik der USA von früher wie von heute kritisieren, doch eines muss man ihnen lassen: Die USA haben mit Gesetzen wie dem Freedom of Information Act und dem NWCDA mehr staatliche Transparenz bezüglich ihrer aktiven Geheimdienste realisiert als das alte Europa.

Der NWCDA entstand, nachdem seit Anfang der 1980er Jahre immer wieder peinliche Enthüllungen das Bild vom demokratisch-sauberen Kampf der USA gegen den drohenden Kommunismus auf deutschem Boden beschädigt hatten (Skandalfälle wie Klaus Barbie, Kurt Waldheim) und der politische Druck reinen Tisch zu machen sich mit dem Ende des Kalten Krieges traf. Die CIA ist groß genug, um sich schon seit langem eine eigene Abteilung zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit zu leisten. Doch die Menge an Informationen, die durch den NWCDA öffentlich wurden und werden, ist vermutlich beispiellos.

Jahrelang war die Stimme des historischen Gewissens der CIA der CIA-Historiker Kevin C. Ruffner, der – zumeist in internen Veröffentlichungen – die Geschichte der Zusammenarbeit von US-Diensten mit den Überresten des deutschen NS-Kadavers thematisierte. Nunmehr können sich alle Interessierten selbst ein Bild machen anhand einer umfangreichen Datenbank mit hunderttausenden von Originaldokumenten, die auf einer eigenen Webseite der CIA zum Download angeboten werden. Durch die Bereitstellung als Text-PDFs und eine einfache Suchfunktion ist eine gewisse Erschließung der Daten gegeben. Seit etwa 2003 arbeitet die CIA daran, die Dokumente zu veröffentlichen, nach eigenen Angaben handelt es sich dabei um rund 8,5 Millionen Seiten Akten, davon 114.000 Seiten originale CIA-Akten. Momentan (Frühjahr 2015) werden auf der Webseite http://www.foia.cia.gov/collection/nazi-war-crimes-disclosure-act etwa 50.000 Dateien angeboten (was etwa 125.000 Seiten entsprechen dürfte), weitere sind bisher nur offline zugänglich.

Selbstverständlich werden diese Akten nicht unbesehen veröffentlicht. Es gibt diverse, nicht immer einheitlich durchgeführte, Weißungen, die vor allem Namen von US-AmerikanerInnen und Angaben zu Finanzbudgets betreffen. Da zahlreiche Akten mehr als einmal im Archiv auftauchen, kann es vorkommen, dass Angaben in einer Kopie geweißt sind, in einer anderen aber stehen geblieben sind. Außerdem ist wohl kaum anzunehmen, dass sämtliche Projekte offengelegt werden. Während über manche CIA-Operationen hunderte von Dateien verfügbar sind, ist von anderen kaum mehr als der Name herauszufinden, und es ist wohl keine zu gewagte Vermutung, dass das eine oder andere sehr brisante Projekt ganz unter den Teppich gekehrt wird. Die Authentizität der Dokumente dürfte indes unzweifelhaft sein, und in der Gesamtschau (und im Vergleich mit bereits bekannten Informationen) lässt sich zumindest für de Zeitraum 1945 – 1955 ein recht umfassendes Bild des us-amerikanischen Stay-Behind-Engagements unter der Regie der CIA zeichnen.

Diese Betrachtung der Ursprünge von Stay Behind lässt wiederum Rückschlüsse auf die weitere Entwicklung zu, und damit nähern wir uns vielleicht auch etwas der im Raum stehenden Frage, was zwischen 1955 und 1985 aus Stay Behind wurde.

Was die CIA-Dokumente enthalten – und was vielleicht nicht

Die von mir ausgewerteten Dokumente zum Stay-Behind-Komplex umfassen etwa 1500 Dateien mit rund 5100 Seiten. Sie betreffen sieben Stay-Behind-Projekte, die zwischen 1948 und 1954 in ganz Deutschland von der CIA betrieben wurden. Dass es noch weitere, bisher nicht bekannte Projekte gab, ist selbstverständlich nicht völlig auszuschließen, doch selbst wenn es diese gab, können sie meines Erachtens keinen großen Umfang gehabt haben. Die personellen und finanziellen Ressourcen der CIA waren in den Jahren nach ihrer Gründung 1947 bei weitem nicht so groß wie heute, und schon die bekannten Stay-Behind-Projekte überstrapazierten diese Ressourcen teilweise, zu­mal die Schwerpunkte der CIA anderswo lagen, nämlich bei klassischer Spionage und deren Abwehr und beim vor allem propagandistischen, aber auch paramilitärischen Kampf gegen die Sowjetunion.

Was andere US-Dienste angeht, also vor allem die militärischen Geheimdienste wie das CIC der US Army, so bieten sie keine der CIA vergleichbare historische Transparenz, doch es scheint wenig wahrscheinlich, dass sie sich wesentlich im Bereich Stay Behind engagiert haben. Die offizielle Zuständigkeit für Stay Behind im Rahmen der paramilitärischen und unkonventionellen Kriegführung lag bei der CIA. Im militärischen Bereich dürften sich vergleichbare Programme im wesentlichen auf Aufklärung hinter der Front einerseits und Spezialkommandos andererseits beschränken. Solche Kommandos, die jenseits der offenen Schlacht agieren, wurden Anfang der 1950er Jahre in Form der Special Forces innerhalb der regulären militärischen Strukturen geschaffen, und nicht zufällig arbeiteten die Special Forces zu Ausbildungszwecken mit Stay-Behind-Gruppen zusammen. Ob es daneben noch weitere geheime (para)militärische Strukturen gab, müsste erst noch dargelegt werden. Aus den CIA-Akten ergibt sich jedenfalls bislang nichts dazu, soweit für mich erkennbar.

Was die anderen Westalliierten betrifft, so enthalten die CIA-Dokumente ein­zelne Hinweise auf Stay-Behind-Aktivitäten in den westlichen Besatzungszonen nach 1945. Frankreich versuchte sich 1950 mit einem kurzlebigen Stay-Behind-Projekt unter der Tarnfirma „Gesellschaft zum Studium sozialer Beziehungen (GSSB)” in Remagen, das aber wohl nach wenigen Monaten wieder aufgegeben wurde. Aus der britischen Besatzungszone wurde von einer „Org. 102” berichtet, von der aber nichts weiter bekannt ist. Angesichts der wesentlich geringeren Finanzmittel Frankreichs und Großbritanniens ist kaum anzunehmen, dass deren Projekte auch nur ansatzweise die Dimension der us-amerikanischen Stay-Behind-Projekte erreichen konnten.

Es ist daher die These erlaubt, dass die verfügbaren CIA-Dokumente einen – teils schon sehr detaillierten – Überblick über die tatsächlichen Stay-Behind-Programme zumindest in der Zeit bis Mitte der 1950er Jahre erlauben, also bis zu dem Zeitpunkt, als sich der Status der BRD durch die verschiedenen Vertragswerke (Deutschlandvertrag, Gründung der Bundeswehr, Beitritt zur NATO, Legalisierung des BND) änderte und damit auch die Zeit der vollkommen eigenmächtigen CIA-Politik auf deutschem Boden vorbei war.

Einführende Worte zur Art und Weise dieser Untersuchung

Ich will im folgenden versuchen, diese Programme zu beschreiben. Ich erhebe dabei keinen Anspruch, die Geschichte dieser Programme zu schreiben, dazu ist mein Fokus zu eng auf die CIA-Dokumente gesetzt, die notwendigerweise bruchstückhaft und einseitig sind. Die Echtheit der CIA-Dokumente darf auch nicht dazu verleiten, ihre objektive Richtigkeit vorauszusetzen. Gerade faksimilierte Akten verleiten dazu, aus der Echtheit der Form vorschnell auf die Objektivität des Inhalts zu schließen. Doch auch Akten sind nur eine Sammlung subjektiver, nicht selten halb oder ganz falscher Informationen. Manche dieser falschen Informationen trugen zum Scheitern der Projekte bei und bereiteten der CIA selbst Ärger… Die Dokumente enthalten aber eine solche Fülle von Informationen, auch von solchen, die kein gutes Licht auf die CIA werfen, dass sie in ihrer Gesamtheit erlauben, einen wesentlichen Beitrag zur Geschichtsschreibung der Programme leisten zu können.

Dieser Beitrag liefert keine sensationellen Enthüllungen zur Kernfrage der innenpolitischen Funktion von Stay Behind. Vielmehr sind es vor allem Geschichten des Scheiterns von Projekten. Der Text ist gegliedert in eine allgemeine Zusammenfassung der Entwicklung von Stay Behind in Deutschland 1947/48 bis 1961 und in Unterkapitel, in denen die einzelnen Programme anhand der verfügbaren Dokumente im Detail nachverfolgt werden. Da diese Programme von sehr unterschiedlicher Größe und Dauer waren, und da die Dokumente sich qualitativ unterscheiden, sind die Kapitel höchst unterschiedlich lang und können jedes für sich gelesen werden. Aufgrund dieser Aufteilung kommt es gelegentlich zu Wiederholungen. Für Fehler, Ungenauigkeiten und Redundanzen bin allein ich verantwortlich, da diese Arbeit nicht als Buch in diesem Umfang geplant war und – um im CIA-Jargon zu bleiben – „has grown like topsy”, also unkontrolliert und unredigiert gewachsen ist.

Wer sich selbst ein Bild machen will, besuche die Webseite der CIA. Insbesondere zum empfehlen sind die sehr ausführlichen Texte des erwähnten CIA-Historikers Ruffner, die bei den „Studies in Intelligence” erschienen. Weitere Informationen finden sich auf der Regierungsseite www.archives.gov/iwg/declassified-records, so etwa eine Namensliste von im Rahmen des NWCDA erfassten Personen bei www.archives.gov/iwg/declassified-records/rg-263-cia-records/second-release-name-files.html. In der CIA-Library befindet sich auch eine unentbehrliche Legende zu den zahllosen, oft ähnlich lautenden Tarnbezeichnungen für Personen, Projekte, Orte, Organisationen. Diese Liste, die nicht vollständig und auch nicht völlig fehlerfrei ist, umfasst allein bereits 64 Seiten mit hunderten von Cryptonymen und deren Bedeutung. Auch CIA-Offiziere verlieren manchmal den Überblick über ihre eigene Geheimsprache, und in so manchem Memorandum findet sich neben einem Cryptonym die handschriftliche Notiz „what is this?”

Darüber hinaus wimmelt es im nachrichtendienstlichen Jargon von Abkürzungen, insbesondere für Abteilungen und Prozeduren der eigenen Organisation, die sich zudem immer wieder verändern. Einige davon, die für das Verständnis der Akten wichtig sind, habe ich im Anhang dieses Textes aufgelistet.

Eine kurze Geschichte von Stay Behind ab 1947

Wie der Kalte Krieg begann: OSO, OPC, CIA

Die CIA war in ihren ersten Jahren, also 1947 bis 1952, keine völlig einheitliche Organisation. 1946 war aus den Überresten des nach Ende des Krieges aufgelösten Office for Strategic Studies (OSS) zunächst das Office of Special Operations (OSO) gegründet und 1947 in die neue Zentralstelle CIA überführt worden. Das OSO verstand sich als geheimer Nachrichtendienst im klassischen Sinne, der Agenten führte und Informationen beschaffte.
1947 war auch das Jahr, in dem die USA den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion „erklärten”, unter anderem durch die antikommunistische Intervention in den griechischen Bürgerkrieg (bekannt geworden als „Truman-Doktrin”). Eine Folge davon war die Gründung der CIA im September 1947, eine weitere die Direktive NSC 4-A des National Security Council im Dezember 1947. NSC 4-A erteilte den Auftrag zu „covert psychological operations” gegen die Sowjetunion, was ein weites Feld mit unklaren Grenzen war, das der amtierende Direktor der CIA sich gerne vom Leibe halten wollte. Daher wurde eine neue, ultrageheime Organisation gegründet, das Office for Policy Coordination (OPC) unter Leitung von Frank Wisner.

Bis 1952 arbeiteten die beiden Abteilungen OSO und OPC parallel, in den deutschen CIA-Büros gab es Agenten beider Abteilungen nebeneinander, die teilweise miteinander in Konkurrenz standen, sich aber auch schon mal kollegial einzelne Agenten übergaben. Beide Abteilungen legten großen Wert auf professionelle Abschottung und das Need-to-know-Prinzip (zu deutsch: „Kenntnis nur wenn nötig”). Das führte dazu, dass OSO nicht unbedingt wusste, was OPC für Projekte durchführte und umgekehrt – das galt jedenfalls für die Ebene der „Case Officers”, also derjenigen, die die Programme durchführten. Erst auf höherer Leitungsebene wurden die Stränge zusammengeführt.

Auch im Bereich Stay Behind arbeiteten beide Abteilung parallel an ihren jeweiligen Programmen und legten größten Wert darauf, jedes einzelne strikt getrennt zu halten von allen anderen. Neben der Sicherung der jeweiligen Programme gegen Unterwanderung und Enttarnung lag dem auch der Gedanke zugrunde, nicht alle Eier in einen Korb zu legen: Ging ein Projekt schief, konnte das andere unbeeinträchtigt weitergeführt werden, so jedenfalls die Theorie (die Praxis zeigte, dass es ganz so einfach nicht war). Außerdem konnten bei der Nachrichtenbeschaffung die Informationen des einen Agentennetzes mit denen des anderen verglichen und so verifiziert werden. Es ist deshalb schwierig, von einer „Stay-Behind-Organisation” zu sprechen. Es handelte sich vielmehr um ein miteinander verbundenes Mosaik von Einzelorganisationen, die zwar mehr oder weniger zentral gesteuert wurden, aber deshalb noch lange nicht einheitlich vorgingen.

Die Frage, was genau ein Stay-Behind-Programm eigentlich war, beschäftigte die CIA jahrelang, abstrakte Memoranden zur Begriffsbestimmung wechselten sich dabei ab mit konkreten „Project Outlines” (Projektentwürfen). Unstrittig gab es einen Kernbereich, der im wesentlichen umfasste: Agenten und Funker zur Nachrichtenbeschaffung und -übermittlung von jenseits der Front, vergrabene Depots zu ihrer Versorgung, sowie Teams zur Schleusung von Material und Personen aus dem besetzten Gebiet hinaus und in es hinein („Drop Zones” für Flugzeuge, „Escape and Evasion”-Routen und -Logistik für den Personentransport). Alle Stay-Behind-Projekte der CIA beinhalteten zumindest Teile dieser Operationen.

Doch bereits bei „Escape and Evasion” (E&E) begann die Grauzone, denn die damit verbundenen Aktivitäten wurden von der CIA bereits als „paramilitary”, nicht mehr als „intelligence”, eingestuft. Die Bereiche „paramilitary operations” und „unconventional warfare” waren eigentlich bereits die Domäne von OPC, aus der OSO sich normalerweise heraushielt, dennoch beinhalteten auch OSO-Programme E&E.
Im paramilitärischen Bereich stellte sich rasch die Frage, ob nicht Agententeams, die Abwurfplätze sicherten und Personen schleusten, auch das Potenzial für Sabotage- oder gar Guerilla-Tätigkeit hatten. Diese Frage wurde bei OSO manchmal gar nicht, manchmal von Jahr zu Jahr anders beantwortet, während OPC den „Partisanenkampf” von Anfang an in seine Programmentwürfe integrierte.

Die zeitlichen Eckpunkte von Stay Behind

Die Stay-Behind-Politik in Deutschland lässt sich relativ klar anhand bestimmter politischer Entwicklungen einordnen.

Nach dem Eintritt in den Kalten Krieg 1947 war der Sommer 1948 die erste wichtige Bewährungsprobe für die Geheimdienste. Mit der Währungsreform in den Westzonen und der dadurch maßgeblich ausgelösten Berlin-Blockade durch die Sowjetunion schien eine direkte militärische Eskalation erstmals in greifbarer Nähe, und die US Army trat in konkrete Kriegsvorbereitungen ein. Von der CIA wurde in dieser „Berlin Blockade panic” erwartet, den paramilitärischen und nachrichtendienstlichen Teil der Kriegsplanung zu tragen. Das war die Geburtsstunde der Stay-Behind-Programme insbesondere des OSO.

Der nächste bedeutende Einschnitt war der Korea-Krieg ab Sommer 1950. Die Gefahr eines Dritten Weltkrieges war erheblich gewachsen, zumal in China die Revolution gesiegt hatte und die Sowjetunion seit 1949 über Atomwaffen verfügte. Der hohe CIA-Offizier Gordon M. Stewart sagte dazu später: „…we found ourselves in the midst of a large military buildup and the hectic expansion of CIA’s activities. Europe got more men and arms than the Far East (…). One cold war project was piled on top of another, agents were recruited by the hundreds. Any project which would contribute to the slowdown or harassment of invading Soviet or satellite forces got a hearing. The effect on CIA was too much money and too many people.” Der finanzielle Aufwand für Stay-Behind-Programme nahm erheblich zu, auch OPC engagierte sich jetzt in diesem Bereich.

Die Phase des kaum kontrollierten Wachstums reichte etwa von 1948 bis Ende 1951. Das folgende Jahr 1952 brachte zwei wichtige Entwicklungen: Es begann mit der Neuordnung der Strukturen und Programme der CIA (OSO und OPC wurden nach und nach verschmolzen), was auch bedeutete, die Programme auf ihre Effektivität und Zukunftsperspektive zu überprüfen. Trotz der relativen Erfolglosigkeit der Stay-Behind-Projekte bis zu diesem Zeitpunkt wurde danach keines unmittelbar beendet – OPC startete sogar neue Projekte –, doch sie unterlagen ab jetzt einer kritischen Beobachtung. Auch ohne das skandalöse Auffliegen des OPC-Projekts „Technischer Dienst” im Herbst 1952 wären die Überlegungen der CIA zur weiteren Stay-Behind-Politik Ende 1952, die im wesentlichen politische Entwicklungen berücksichtigten (fortgeschrittene Verhandlungen über Souveränität der BRD), wohl zu demselben Ergebnis gekommen: Weitgehende Auflösung der Stay-Behind-Programme in Westdeutschland bzw. deren Weiterführung durch deutsche Dienste, sprich die Org. Gehlen.

Zwar wurde ein OPC-Projekt auf dem Gebiet der DDR noch bis 1954 weitergeführt, da die CIA sich auf ostdeutschem Boden nicht an die Zusagen zur westdeutschen Souveränität auch in Sachen Stay Behind gebunden fühlte. Doch im Grunde war es 1953 nach fünf Jahren vorbei mit der wilden „Gründerzeit” von Stay Behind und dem Flickenteppich einzelner Teilprogramme in Deutschland. Schon seit 1951 wurde Stay Behind europaweit beim NATO-Hauptquartier koordiniert und von den nationalen Geheimdiensten organisiert, in der BRD ab 1956 vom BND.

In der Geschichte der SBO des BND lässt sich in der Phase zwischen 1953 und 1961 als wesentlicher Einschnitt die Erklärung des BND im November 1960 benennen, von nun an in Sachen „guerilla warfare” aktiv sein zu wollen (Vorbereitungen dazu begannen bereits 1958). Welche äußeren und/oder inneren Umstände den BND dazu brachten, sich im paramilitärischen Bereich zu engagieren, kann ich hier nicht beantworten.

Die Haltung der CIA zu Stay Behind 1948 bis 1955

Beantworten lässt sich aber die Frage, wie sich die Politik der CIA in Sachen Stay Behind entwickelte. Der Geheimdienst hatte seine Programme ab Ende der 1940er Jahre wenig koordiniert und oft auch wenig kompetent begonnen. Nach einigen Jahren war unübersehbar, dass fast alle Projekte zum Scheitern verurteilt waren. Es war schlichtweg nicht möglich, in einem anderen Land flächendeckend zuverlässige und loyale Agentennetze zu bilden, die über längere Zeit auf dem erforderlichen hohen Ausbildungs- und Sicherheitsniveau blieben. Sobald aus einzelnen Agenten ganze Netze oder gar Organisationen wurden, häuften sich nach kurzer Zeit die Probleme, sie waren nicht mehr steuerbar, wurden zu Sammelbecken dubioser Gestalten, verschlangen unverhältnismäßig viele Geld- und Zeitressourcen und zerbrachen dann.

Die konkreten Erfahrungen der CIA waren:

  • Der Aufbau eines kontrollierten Agentennetzes „nach Vorschrift” unter Beachtung aller geheimdienstlichen Regeln dauerte lange, war extrem aufwändig und trat meistens auf der Stelle, bis alle Energie verbraucht und die Führungsoffiziere verschlissen waren – so geschehen bei KIBITZ und PASTIME.
  • Der Versuch, einen Führungsagenten selbst machen zu lassen und das Netz über ihn zu kontrollieren, war nicht erfolgreich. Auf der schwer einsehbaren anderen Seite dieses kommunikativen Flaschenhalses spielten sich allerlei unerwünschte Dinge ab, die die Officers der CIA erst mit Verzögerung mitbekamen, wenn überhaupt. Das Netz blieb, wie im Fall von KIBITZ 15, eine „Katze im Sack”.
  • Die Idee, die deutschen Hauptagenten materiell massiv zu unterstützen und sich durch eigene Officers an der Führung zu beteiligen, der Organisation aber viel Freiraum zu lassen, scheiterte ebenso, nicht zuletzt an der mangelnden Qualifikation des CIA-Officers. LCPROWL (der 1952 öffentlich bekannt gewordene „Technische Dienst”) und CADROWN waren solche Projekte, die vergleichsweise schon eher „Tiger im Sack” waren, aber eben Papiertiger: Sie hatten bei weitem nicht die Größe und Qualität, die in den Berichten vorgegaukelt wurde, und hätten im Ernstfall wohl nicht funktioniert. Sie waren zumindest in Teilen Bereicherungsprojekte einzelner deutscher Agenten oder aber vorwiegend symbolische Gesten.

Die logische Konsequenz daraus war für die CIA:
Stay-Behind-Netze auf dem Boden des Gegners sind über längere Zeit nicht aufrechtzuerhalten, äußerstenfalls lassen sich kleine Agententeams bilden, die im Ernstfall schnell ausgebaut werden müssten. Aber auch auf dem Terrain der Verbündeten sind von außen gesteuerte Stay-Behind-Netze tendenziell nicht unter Kontrolle zu halten und werden nach eher kurzer als langer Zeit eingehen, zerfallen oder aufplatzen.
Wenn der Ausbruch von Feindseligkeiten kalkulierbar ist, kann versucht werden, in den 1-2 Jahren davor ein Agentennetz zu bilden. Ansonsten sollte Stay Behind lieber den nationalen Geheimdiensten überlassen werden.

Diese Zusammenfassung war sicherlich nicht einheitliche Meinung der CIA, und es ist auch umstritten, wie planvoll und strategisch die CIA ihre Politik entwickelte. Der CIA-interne Historiker Kevin C. Ruffner billigt seinem Arbeitgeber sicherlich eher rationale Gestaltungskraft zu als der kritische CIA-Geschichtsschreiber Tim Weiner, der mehr persönliche Eitelkeiten und Intrigen am Werk sieht.

Das Verhältnis der CIA zu Nazis und Kriegsverbrechern

Das Verhältnis der CIA zu ihrem deutschen Agentenpersonal war stets ambivalent. Bis 1947 war das Misstrauen gegenüber Deutschen und ihren mutmaßlichen NS-Wiederaufbau-Plänen groß. Dann setzte sich mehr und mehr die Haltung durch, Antikommunismus sei wichtiger als alles andere, und etwas Nationalismus sei auch nicht verkehrt, zumindest aber motivierend. Dass das Nazis und Kriegsverbrecher anlockte, war unvermeidlich. Es gibt dazu einige erhellende Zitate aus Kreisen der CIA. Bekannt ist das Zitat der grauen Eminenz, des späteren CIA-Direktors Allen Dulles, der schon während des Zweiten Weltkrieges äußerte: „There are few archbishops in espionage. He’s on our side and that’s all that matters. Besides, one needn’t ask him to one’s club.”

Ein CIA-Officer brachte die Situation Ende der 1940er Jahre rückblickend trocken auf den Punkt: „We would have slept with the devil to obtain information on communists.”

Und ein anderer CIA-Officer schrieb im Zusammenhang mit kritischen internen Nachfragen zur Rechtslastigkeit des BDJ 1951: „The U. S., faced with the possibility or fighting an all-out war for survival against the relentless expansionist drive of Soviet imperialism cannot afford to be too choosy in resonating manpower for its defense. (…) If we were to judge political groups in Germany from their past affiliations, we could not cooperate with anybody.”

Für überzeugte us-amerikanische Antikommunisten, die auch selbst mit Rassismus und Antisemitismus aufwarten konnten, war das unangenehmste an den deutschen Nazis (und Wehrmachtsoffizieren) wohl deren selbstgerechte Überheblichkeit und soziale Inkompetenz sowie ihr ungebrochener Radikalnationalismus. Sie ließen sich aber durchaus überzeugen von fachlicher Kompetenz und soldatischer Tugend ihrer „Krauts”, und nur weil die deutschen Beteiligten hier zumeist unangenehme, rechtsradikale oder auch betrügerische Charaktere waren, waren ihre us-amerikanischen Gegenüber nicht unbedingt nette Burschen. Sie wollten vor allem eines: Gute Arbeit. Und die bekamen sie fast nie von den Deutschen.

Ein CIA-Officer sagte später, „…the inevitable result, in cold and hungry Europe of the time, was a proliferation of papermills such as had never been seen in Europe’s history. To those of us trying to make sense of it all, it seemed that every down-at-heel veteran of the Abwehr, the Gestapo, RSHA Amt VI, and all the Fascist organizations of Central and Southern Europe was peddling fabricated information sources to national spy networks, and that CIC, MIS, the British FSS, the Austrian Stapo, the Foreign Service’s Peripheral Reports Officers, the Grumbach organization, the Gehlen organization, the Italian Carabinieri, Amt Blank, the French SDECE, and Radio Free Europe all were elbowing and shoving each other to buy the stuff; like so many women in Mary’s basement on the day after Christmas.”

Es gab auch innerhalb der CIA Kräfte, die die Zusammenarbeit mit ehemaligen oder unbelehrbaren Nazis aus politisch-moralischen Gründen ablehnten. Wichtiger für die Frage der Zusammenarbeit waren aber andere Überlegungen.

  • Zum einen fragte sich, ob Nazis und extreme Nationalisten angesichts ihrer kriminellen Energie und ihres Fanatismus überhaupt kontrollierbar waren. Kontrolle durch den Führungsoffizier steht bei geheimdienstlichen Operationen aber ganz oben auf der Agenda.
  • Zweitens waren Nazis wegen ihrer Vergangenheit potenziell erpressbar durch gegnerische Dienste und damit ein Sicherheitsrisiko in Sachen Unterwanderung und Ausspähung.
  • Drittens bedeuteten Nazis ein Skandalrisiko für die CIA selbst, wenn sie als Agenten öffentlich aufflogen.
  • Und viertens waren Nazis (und viele Wehrmachtsangehörige ebenso) dem Gegner möglicherweise bekannt, wurden von diesem also vielleicht beobachtet oder später bei einer Besetzung des Landes verhaftet, womit sie zumindest als klassische Stay-Behind-Agenten denkbar ungeeignet waren.

Diese pragmatischen Überlegungen gaben den Ausschlag für die CIA, bei der Bildung von Stay-Behind-Netzen ungerne Nazis und Kriegsverbrecher zu rekrutieren.

Die Stay-Behind-Programme der CIA 1948 bis 1954 im Einzelnen, oder:
Sechs Methoden, ein Projekt in den Sand zu setzen…

Das Office of Special Operations (OSO): „Intelligence

Die vom OSO durchgeführten Stay-Behind-Programme hatten die Tarnbezeichnungen PASTIME, KIBITZ und SATURN. Dem Arbeitsauftrag von OSO folgend waren alle drei Projekte auf den beschriebenen Kernbereich von Stay Behind ausgerichtet, die Nachrichtenbeschaffung. Doch schon bei der Frage, ob die Agentennetze nur kurzfristig („taktisch”) tätig werden sollten, also wenige Wochen nach Kriegsausbruch verloren sein würden, oder langfristig („strategisch”) arbeiten und erst Monate nach dem ersten Schuss überhaupt aktiviert werden sollten, wurden die Projektentwürfe schwammig und änderten sich von Zeit zu Zeit.

Das Programm PASTIME, das von der Berliner OSO-Basis geführt wurde, existierte von 1948/49 bis 1952/53 im Raum Berlin und war ein nahezu völliger Misserfolg. In jahrelanger Kleinarbeit kam es nie über ein Anfangsstadium hinaus, das heißt: zwei ausgebildete Funker bzw. Funkerinnen und keine Agenten, die sie mit Informationen zum Funken hätten versorgen können.

Das Programm KIBITZ wurde von der deutschen OSO-Zentrale in Karlsruhe (später Frankfurt/Main) geführt und war nur wenig erfolgreicher als das Berliner Schwesterprojekt. Es war etwas später begonnen worden und wurde wohl auch später beendet, bestand aber auch in etwa 1949 bis 1953. Auch in diesem Programm konnten nur drei Agenten vollständig ausgebildet und über einen längeren Zeitraum gehalten werden, was in einem eklatanten Missverhältnis zum betriebenen Aufwand stand.

Beide rein nachrichtendienstlich orientierten Programme waren weit davon entfernt, Agenten dort zu werben oder zu platzieren, wo sie im Kriegsfall gebraucht wurden, sondern nahm einfach alle diejenigen (wenigen), die überhaupt zu bekommen waren.

Ein besonderer Fall war das Agentennetz KIBITZ 15 unter Führung des deutschen Agenten und Ex-Offiziers Walter Kopp, über das in der jüngeren Vergangenheit schon verschiedentlich geschrieben wurde. Dieses Netz war in der Theorie deutlich größer als die anderen Projekte des OSO, in der Realität aber höchstwahrscheinlich ein Papiertiger. Einiges spricht dafür, dass große Teile davon nur in den Berichten von Kopp existierten bzw. bei weitem nicht einsatzbereit waren und maximal 60 Personen als Agenten zu rechnen sind. Auch dieses Netz brachte in den Jahren seines Bestehens 1950-1953 nur zwei ausgebildete Funk-Agenten hervor und konzentrierte sich auf Gegenden (Schwaben und Pfalz), die ganz oder überwiegend militärisch unbedeutend waren. Das OSO hatte keine wirkliche Kontrolle über das Netz.

Obwohl auch dieses Programm nachrichtendienstlich war und keinen Sabotage- oder Guerilla-Anteil enthielt, lassen die Umstände die Spekulation zu, dass Kopp sein (teils imaginäres) Netz eigentlich als Bestandteil einer (gewünschten) „Schwarzen Reichswehr” betrachtete, also als eher militärische denn geheimdienstliche Struktur, deren Finanzierung er durch geschicktes Taktieren den US-Amerikanern auferlegt hatte. Im Falle einer Remilitarisierung – ob zu Kriegs- oder Friedenszeiten – sollte dieses Netz dann mutmaßlich den offiziellen militärischen Organisationen einverleibt werden, was gleichzeitig Kopp eine wichtige Rolle im Führungsstab garantiert hätte.

Das einzige Stay-Behind-Programm des OSO, das Erfolge vorweisen konnte, war eines, das schon vor der Beteiligung der CIA gegründet worden war: Das Programm SATURN der Org. Gehlen (OG), dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND). Auch bei der OG stand zu Beginn vermutlich der militärische Charakter im Vordergrund, als 1948 mit dem Aufbau des Netzes begonnen worden war. In den Jahren 1949 bis 1960 wurde dann mit Unterstützung von CIA und US Army eine allem Anschein nach relativ solide nachrichtendienstliche Struktur aufgebaut, die alle oben genannten Kernbereiche von Stay Behind auf etwa 40 % der Fläche der Bundesrepublik abdeckte. Die kontinuierliche Ausbildung lässt auf eine tatsächliche Einsatzfähigkeit zumindest einiger Teams schließen. Die 1991 offiziell genannten Zahlen von maximal 75 Hauptamtlichen und rund 500 „nachrichtendienstlichen Zugängen”, also Agenten und deren Helfern, scheint für das gesamte Programm realistisch.

1958 entschied der BND, in Westdeutschland auch Teams für Sabotage und Guerillakampf aufzubauen (Abteilung 961), von denen einzelne wohl bis 1983 bestanden. Da die bisher gesichteten CIA-Dokumente in dieser Sache nicht über 1961 hinausreichen, kann die Geschichte dieser paramilitärischen Aktivitäten vorerst nicht weiter geschrieben werden. Es scheint aber, bei Betrachtung des Gesamtbildes und der Fallhöhe zwischen Plänen und Realität, eher unwahrscheinlich, dass die Teams des „Geheimen Widerstands” tatsächlich die Qualität von Spezialeinsatzkommandos erreichten wie es die BND-interne Legendenbildung will.

Das Office for Policy Coordination (OPC): „Paramilitary Operations”

Das OPC unterschied sich vom OSO im wesentlichen dadurch, dass es ab 1949 über viel mehr Geld und (vielfach eher motiviertes als qualifiziertes) Personal verfügte und seinen Arbeitsauftrag freier interpretierte, eben als „unconventional warfare”. Die vom OPC entwickelten Stay-Behind-Programme hießen CADROWN, KMHITHER, LCPROWL und LCSTART (beim OPC war es üblich, Cryptonyme aus zwei Anfangsbuchstaben, die meist der Klassifizierung nach Land oder Oberprogramm dienten, und einem mehr oder weniger aussprechbaren Wort zu bilden).

Die Abgrenzung originärer Stay-Behind-Programme gegenüber Projekten der Propaganda und psychologischen Kriegführung ist nicht immer ganz einfach. So war zum Beispiel die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit” (KgU), Cryptonym DTLINEN, ein CIA-finanziertes Projekt zur politischen Destabilisierung der DDR, das teils auch paramilitärische Züge entwickelte in Form von Sabotageaktionen gegen DDR-Einrichtungen, aber keinen Stay-Behind-Charakter hatte. OPC sah seinen Auftrag zu Beginn der 1950er Jahre im defensiven wie auch im offensiven Bereich der Kriegsvorbereitung, und die Bemühungen, paramilitärische Organisationen zum offensiven Guerillakampf gegen die Sowjetunion in Osteuropa aufzubauen, wurden lange Zeit intensiver betrieben als defensive Stay-Behind-Programme – sie scheiterten aber alle, ob an schlechter Organisation, am betrügerischen Charakter der beteiligten Exilanten oder an erfolgreichen Gegenmaßnahmen der östlichen Geheimdienste.

Das erste Stay-Behind-Programm von OPC war auch gleichzeitig das einzige, das bis heute Bekanntheit erlangte: LCPROWL war die Tarnbezeichnung für den „Technischen Dienst” (TD) des „Bund Deutscher Jugend” (BDJ). Sowohl der BDJ selbst als auch der aus ihm hervorgegangene TD waren 1950 hundertprozentige Gründungen der CIA und von dieser bis zuletzt geführt und finanziert – der TD wurde im Sommer 1952 aufgelöst, der BDJ Anfang 1953. Allerdings hatte der TD ein Eigenleben entwickelte, dass der CIA nur teilweise bekannt war. Es ist nicht auszuschließen, dass der TD über die bestehenden Seilschaften ehemaliger Wehrmachtsoffiziere in Verbindung mit anderen organisierten Kernen einer projektierten „Schwarzen Reichswehr” stand (vgl. weiter oben, KIBITZ). Als Organisation war der TD mit ziemlicher Sicherheit „nur” eine rechtsradikale Wehrsportgruppe mit geringer tatsächlicher Einsatzfähigkeit, die zudem zum Zeitpunkt der Enttarnung bereits nicht mehr bestand.

Das zweite Stay-Behind-Programm des OPC war LCSTART, eine Organisation, die Anfang 1952 als Pendant zum TD für den Osten Deutschlands aufgebaut werden sollte. Hier sollte als Dachorganisation und Rekrutierungsfeld für die zukünftigen Partisanenkämpfer der „Bund der Verfolgten des Naziregimes” (BVN) dienen. Allem Anschein nach kam das Projekt nie über das erste Planungs- und Gründungsstadium hinaus und wurde schon im Sommer 1952 nicht mehr als Stay-Behind-Projekt geführt, falls es danach überhaupt noch existierte.

Kaum länger dürfte das dritte Programm KMHITHER bestanden haben, das vermutlich ein eher kleines Agentennetz in ganz Deutschland ohne Kampfauftrag werden sollte. Außer der ersten Planung Anfang 1952 und einer zumindest teilweisen Beendigung spätestens im Herbst 1952 gibt es zu diesem Programm keine genauen Informationen, aber 1953 bestand es offensichtlich nicht mehr fort.

Das letzte der OPC-Projekte war CADROWN (zeitweise auch CADRASTIC genannt), ein im Frühjahr 1952 begonnener Versuch, unter dem Dach des „Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen” (UfJ) einen paramilitärischen Apparat für Widerstandsaktionen in der DDR aufzubauen. Das Programm scheiterte Ende 1953 endgültig, an eigener Unzulänglichkeit und an den Gegenmaßnahmen der Staatssicherheit. Es war allem Anschein nach ähnlich wie LCPROWL in erheblichem Maßen ein Papiertiger, der auf geschönten und übertriebenen Berichten aufbaute.

(Fußnoten/Quellenverweise sind hier weggelassen)

Das Kapitel zu LCPROWL (Technischer Dienst)

Das Kapitel zum KIBITZ-Netz und Walter Kopp

Das Kapitel zu SATURN, dem Stay-Behind-Programm des BND

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