Oktoberfest-Attentat 1980: Bewegung!?

Wer sich mit dem Thema Oktoberfestattentat beschäftigt, wird interessiert die Nachrichten der vergangenen Monate verfolgt haben, insbesondere den zusammenfassenden Bericht über neue Spuren bzw. Zeugen und Zeuginnen des Bayerischen Rundfunks am 4. Februar 2015.
Anhand des Fernsehberichtes lässt sich die Glaubwürdigkeit der Indizien nur schwer beurteilen, zumal sie in der journalistischen Verkürzung vielleicht eindeutiger präsentiert werden als sie wirklich sind. Aus der Distanz des kritischen Amateurdetektivs will ich daher nur ein paar vorsichtige Anmerkungen riskieren.

Es gibt bei Zeugenaussagen zwei große Probleme.
Das eine sind Aussagen, die erfolgen, nachdem bestimmte Informationen öffentlich bekannt wurden und die diese Informationen bestätigen. Denn es ist durchaus nicht ungewöhnlich, dass die Aussagen – ob nun gut- oder böswillig – auf ebenjenen Veröffentlichungen beruhen anstatt originäre Erinnerungen zu sein; zumindest können sie beeinflusst sein.

Das andere Problem ist großer Zeitabstand zum Geschehen, denn die Erinnerung des Menschen ist höchst inkonsistent, sie verändert sich mit der Zeit.

Beide Probleme liegen hier eindeutig vor. Und beide Probleme sind für Justiz- und Polizeibehörden ein dauerndes Ärgernis bei Ermittlungen, während sie in der Berichterstattung der Medien – so auch in dem aktuellen TV-Beitrag – meist völlig ignoriert oder bagatellisiert werden.

Erinnert sei hier an den „Fall Kramer”, der Mitte 2013 Medienwirbel verursachte mit Aussagen zur angeblichen Verwicklung des BND in das Münchener Attentat. Nachdem klar wurde, dass Kramer nur erzählte, was er sich in Veröffentlichungen zum Thema angelesen hatte, verloren die Medien schnell wieder das Interesse an ihm.
Auch die neu präsentierten Aussagen bieten, soweit dem TV-Beitrag zu entnehmen, Angriffsflächen für eine solche Kritik. Wenn ZeugInnen heute über Vorkommnisse berichten, die fast 35 Jahre zurückliegen, so muss schon kritisch hinterfragt werden, wie sie sich so sicher sein können bezüglich der zeitlichen Einordnung.
Ich gehe davon aus, dass solche Fragen gestellt werden, von Rechtsanwalt Dietrich wie auch von der Generalbundesanwaltschaft: Wenn ein Rechtsradikaler ein Flugblatt mit der Erwähnung von Köhlers Namen im Schrank hatte – war das sicher ganz zeitnah nach dem Anschlag, oder kann es auch ein, zwei Wochen später gewesen sein? Wenn ein Rechtsradikaler, der beim Hantieren mit Sprengstoff (wie er selbstverräterischerweise selbst gesagt haben soll!) eine Hand verlor, im September in ein Krankenhaus in Hannover eingeliefert wurde – war das sicher am 27./28. September? Oder vielleicht zwei Wochen früher oder später? Auch das Sichten einer zweiten Stichflamme ist interessant, doch die Story von der „zweiten Bombe“ stand in allen relevanten Veröffentlichungen zum Thema, könnte also angelesen sein; zudem waren die Zeugenaussagen zu der Stichflamme vor der Explosion schon wenige Tage nach dem Anschlag so widersprüchlich, dass hier eindeutig emotional bedingte Unschärfen zu befürchten sind.

Das rätselhafte Handfragment ist ein starkes Indiz für Mittäter, und ich bin geneigt, meine sehr skeptische Haltung dazu (vgl. meine lange Untersuchung zum Attentat) in Frage zu stellen. Allerdings ist zu bedenken, dass es zum Ablauf der Explosion und zum Aufbau der Bombe nur Theorien gibt, selbst wenn diese von einem ausgewiesenen Experten stammen (es scheint eine Unstimmigkeit dazu zu geben, ob die nachgestellte Explosion der Bombe nun vom BKA oder vom bayerischen LKA organisiert wurde. Ich meine, laut Akten vom bayerischen LKA; vermutlich haben beide Behörden kooperiert). Wenn in einer bestimmten Explosionssituation kein Handfragment hätte übrig bleiben können, dann ist damit nicht bewiesen, dass dem so war, sondern es ist nach wie vor eine Schlussfolgerung. Und auch Experten irren zuweilen oder widersprechen einander. Das Verschwinden von Untersuchungsberichten zu dem Handfragment ist an sich auch kein Beweis für Vertuschungen (wieviele Berichte sind über die Jahre sonst noch verschwunden?).

Das Argument der Staatsanwaltschaft, die Schwere der Verletzung hätte eine selbstständige Reise von München nach Hannover eigentlich unmöglich gemacht, ist nicht von der Hand zu weisen (Hinweis an die Freunde der Verschwörung: Flugbücher der Bundeswehr prüfen! Gab es in diesen Tagen geheimnisvolle Flugbewegungen?). Und was die Fingerabdrücke angeht, die Daktyloskopie ist im gesamten Fall weitgehend unbegreiflich und lässt vermuten, dass nirgends planvoll Fingerabrücke gesichert wurden oder aber nur die Praktikanten zum Suchen losgeschickt wurden. Wie war es möglich, dass an dem Auto, das Köhler erwiesenermaßen häufig nutzte, bei der Absuche zwar ein paar Fingerabdrücke gefunden wurden, aber keine von Köhler? Die Daktyloskopie ist weltweit seit etwa 1892 bekannt, nur in Bayern scheint es 1980 noch Probleme mit der Anwendung gegeben zu haben.
Die Häufung der Merkwürdigkeiten in Sachen „fehlende Hand” ist insgesamt schon recht auffällig und zwingt zu weiteren Nachforschungen, was wohl auch der Generalbundesanwalt eingesehen hat – vermutlich nicht zuletzt unter dem öffentlichen Druck des NSU-Skandals.

Zuletzt sind noch zwei Details zu berichtigen, die in dem TV-Beitrag falsch dargestelltwerden:

1. Odfried Hepp war nach allem was bekannt ist (und das halte ich für plausibel) nie V-Mann westdeutscher Nachrichtendienste und auch nicht Mitglied der WSG Hoffmann. Er kam erst nach dem Verbot der WSG Hoffmann 1980 dazu, als eine Nachfolgegruppe im Libanon entstand, und arbeitete deutlich später, ab 1982/83, als IM für das MfS der DDR („Stasi”). Ulrich Behle wurde vom Verfassungsschutz als V-Mann angeworben, soweit bekannt aber erst im Sommer 1980, Monate nach dem Verbot der WSG Hoffmann, und war erst in der WSG-Nachfolgegruppe im Libanon aktiv. Insofern ist der einzige sicher bekannte V-Mann in der WSG Hoffmann Peter Weinmann, der dort aber nur 1975/76 aktiv war und dann seine Agententätigkeit in Südtirol fortsetzte. Die von Ulrich Chaussy vermuteten V-Leute in der WSG Hoffmann in der wichtigen Zeit 1978-1980 wären also überhaupt noch zu enttarnen, bisher ist kein einziger namentlich bekannt.

2. Ob es irgendeine Verbindung zwischen Heinz Lembke, dem neonazistischen Waffensammler in der Lüneburger Heide, und dem Sprengstoff des Münchener Anschlags gab, ist völlig spekulativ. Die flott hingestreute Namenskette Lembke – Roeder – Mundlos/Böhnhardt hat nicht einmal als Indiz Kraft, denn in dem nicht allzu großen Milieu überzeugter Neonazis begegnen sich die meisten irgendwann einmal (um es dann später, versteht sich, maulfaul abzustreiten, wie aktuell im NSU-Prozess). Dass die beiden NSU-Terroristen deutlich vor ihrer Organisierung als NSU die Gerichtsverhandlung gegen einen Neonazi besuchten, der fast zwanzig Jahre vorher mit einem Mann verkehrte, über den ohne Belege spekuliert wird, er könne Sprengstoff für das Attentat geliefert haben, und dies als Hinweis auf strukturelle Kontinuitäten im rechten Terror angeboten wird – also bitte, damit verglichen sind ja selbst die hanebüchenen Unterstellung der Generalbundesanwaltschaft, wenn es etwa früher darum ging, irgendeine Beziehung von Linken zur RAF zu „belegen”, fundierte Kriminalistik! Es spricht durchaus einiges dafür, dass es Kontinuitäten des rechten Terrors gibt, doch so lassen sie sich nicht beweisen.

Fazit: Es fehlt, wie es scheint, nach wie vor an Zeugenaussagen, die bestimmte Kernvermutungen eindeutig bestätigen, so etwa den Kontakt von Köhler mit anderen Personen vor der Explosion und die Frage, wann er was mit der Bombe tatsächlich zu tun hatte (Bau, Transport, Tatortsituation).

Die in den vergangenen Monaten aufgetauchten Informationen, auch z. B. die vom BND freigegebenen Akten, haben allem Anschein nach (noch) keinen eindeutigen Hinweis ergeben.

Der Komplex „fehlende Hand” könnte noch einige Überraschungen zu bieten hatten. Sollten sich die Hinweise darauf verdichten, dass die Hand von einer anderen Person stammte, die wie durch ein Wunder die Explosion überlebte, so wäre als nächstes zu fragen, wieso Fingerabdrücke dieser Person auf „Schriftstücken” ohne Tatbezug in Köhlers Zuhause gefunden wurden und was für Schriftstücke das genau waren…

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