Karl-Heinz Hoffmann: Artikel im Antifaschistischen Info-Blatt (AIB)

Der folgende Text von mir erschien leicht gekürzt im AIB 105 / Winter 2014

Die Umtriebe des Karl-Heinz Hoffmann

Was, den gibt es immer noch? Die Älteren werden sich erinnern: Karl-Heinz Hoffmann war in den 1970er Jahren „Chef“ der Wehrsportgruppe Hoffmann, der größten rechtsradikalen Wehrsportgruppe in der damaligen Bundesrepublik. Die überwiegend aus jungen Neonazis bestehende Gruppe probte den Ernstfall rund um Nürnberg, bis sie Anfang 1980 vom Bundesinnenministerium verboten wurde. Nebenbei trat die WSG als Saalschutz bei Neonazi-Veranstaltungen auf, und Hoffmann versuchte sich als Führergestalt im rechten Lager, ohne dabei jedoch über seine angestammte Rolle als exzentrischer WSG-Chef hinaus zu kommen. Nach dem Verbot gründete Hoffmann in einem PLO-Lager im Libanon eine neue Kampfgruppe, die aber nach wenigen Monaten im Desaster, interner Folter und Mord endete. Hoffmann wurde 1981 verhaftet und umfangreich angeklagt, wobei ihm der schwerwiegendste Vorwurf nicht nachzuweisen war: Der antisemitische Mord an Shlomo Levin und Frieda Poeschke in Erlangen Ende 1980, begangen höchstwahrscheinlich von Hoffmanns WSG-Offizier Uwe Behrendt, der sich 1981 in Beirut erschoss. Ob Behrendt den Mord auf Hoffmanns Anweisung beging oder Gewaltfantasien seines Chefs selbstständig in die Tat umsetzte, blieb ungeklärt.

Über Hoffmann schwebt bis heute der Verdacht, er bzw. seine WSG sei in das Oktoberfest-Attentat in München am 26. September 1980 verwickelt gewesen1.
Der mutmaßliche Attentäter Gundolf Köhler hatte einige Jahre zuvor an WSG-Übungen teilgenommen, die Generalbundesanwaltschaft prüfte darum kurzzeitig eine Mittäterschaft Hoffmanns. Nachdem es dafür keine offenkundigen Hinweise gab, wurden die halbherzigen Ermittlungen bezüglich eines organisierten rechtsradikalen Tathintergrunds eingestellt und die Tat Köhler als Einzeltäter zugeschrieben2. Doch insbesondere in der linken Öffentlichkeit wird Hoffmann trotz fehlender Beweise bis heute als Drahtzieher des Anschlags bezeichnet, eine Beschuldigung, die ihm keine Ruhe lässt: Er sieht sich selbst als das größte Opfer des Oktoberfest-Attentats und hat bereits kurz danach, im Herbst 1980, umfangreiche Texte verfasst (später sogar einen Roman daraus gemacht), in denen er darzulegen versucht, wieso das Attentat eine gegen ihn persönlich, die WSG und die radikale deutsche Rechte insgesamt inszenierte Intrige gewesen sei, ausgeführt von „dunklen Mächten“, sprich: dem israelischem Geheimdienst.

Nach seiner Haftentlassung 1989 hatte Hoffmann sich aus dem politischen Betrieb der rechten Szene erst einmal zurückgezogen und war als Geschäftsmann tätig, im Raum Nürnberg und in Kahla (Thüringen).3 Dort war es für einen strammen Rechten in den 1990er Jahren natürlich ganz unmöglich, nicht in Kontakt mit der Neonazi-Szene zu treten, zumal auch sein alter WSG-Kompagnon Bernd Grett dort aktiv war (mittlerweile für die NPD). Doch erst nachdem Hoffmann zurück in sein Schloß Ermreuth bei Nürnberg gezogen war, begann er sich wieder öffentlich politisch zu engagieren. Hoffmann beklagt, dass er immer wieder von der Vergangenheit eingeholt wurde, und beschloss etwa 2010, sich zum einen wieder öffentlich als Rechtsradikaler politisch zu engagieren und zum anderen offensiv der Beschuldigung entgegenzutreten, er sei am Oktoberfest-Attentat 1980 beteiligt gewesen. Zu diesem Zweck ließ er eine Webseite einrichten und veröffentlichte weitere Schriften und Bücher. Dass dies auch auf Resonanz trifft, zeigen seine wiederholten öffentlichen Auftritte bei Veranstaltungen der rechtsradikalen Szene. Nach einem der ersten dieser Auftritte 2010 scherzten Neonazis am Telefon, er habe ihnen Sprengstoff gegeben, woraufhin die Polizei (die sie abhörte) schleunigst Razzien bei ihnen und bei Hoffmann durchführte – betroffen war auch André Kapke aus dem engsten Unterstützerkreis des NSU.4 Hoffmann wird also nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von der Gegenwart nicht in Ruhe gelassen.

Seine Versuche, beim Thema Oktoberfest-Attentat in die Debatte einzugreifen, werden von einigen Entwicklungen der letzten Jahre begünstigt: Die hartnäckige Aufklärungsarbeit einiger weniger, insbesondere des Journalisten Ulrich Chaussy und des Rechtsanwalts Werner Dietrich, hat dem Thema wieder verstärkt Medienaufmerksamkeit gebracht. Hinzu kommt die in den vergangenen Jahren gewachsene Offenheit der Medien für skandalisierbare staatliche Geheimpolitik und damit auch für die 1990 bekannt gewordene Gladio- bzw. Stay-Behind-Struktur des Westens im Kalten Krieg, die allerhand Ansatzpunkte für Verschwörungsvermutungen auch in Bezug auf ungeklärte Attentate bietet. Hier kommt ein dritter Aspekt dazu, nämlich eine Indifferenz vieler am Diskurs Beteiligter gegenüber politischen Standpunkten, die von neurechten Intellektuellen in den letzten Jahren verstärkt ausgenutzt wird. Gerade der Internet-Journalismus, von telepolis bis zum Blogger-Milieu, ist oft viel zu verliebt in die eigene Geste des „investigativen Journalismus“, um genauer zu hinterfragen, wer hier mit welcher politischen Motivation auf die Bühne tritt. Diese Bühne nutzt einer wie Hoffmann gerne, denn wenn er etwas mehr liebt als das Vaterland, dann ist das Karl-Heinz Hoffmann selbst in großer Pose. Sein enormes Detailwissen und sein dominantes Redeverhalten nutzt er, um sich öffentlich zu profilieren. Sei es, indem er lange Interviews – oder eher Monologe – gibt und im Internet platziert, sei es ein Auftritt bei dem neurechten Magazin COMPACT, wo er in einem „Streitgespräch“ im Februar 2014 sowohl Gastgeber Elsässer als auch den Schweizer Historiker Daniele Ganser, der durch seine Forschung zu Stay-Behind bekannt wurde, locker in die Tasche steckte weil diese seinem Detailwissen nichts entgegen zu setzen hatten. Hoffmanns Methode ist dabei stets, zwischen einer großen Menge überprüfbarer Fakten subtil seine eigenen Deutungen und gelegentlich auch gezielt konkrete Unwahrheiten einfließen zu lassen, die im gesamten Redeschwall aber nur schwer zu identifizieren sind.

Seine Erfolge im medialen Auftritt und die verbreiteten Zweifel an den bisherigen Theorien zum Oktoberfest-Attentat, die teils auch eine Entlastung der WSG und ihres „Chefs“ bedeuten, haben Hoffmann in jüngster Vergangenheit offenbar ermutigt, nicht nur sich selbst von dem alten Verdacht befreien zu können, sondern gleichzeitig seine eigene rechte Verschwörungstheorie weiter verbreiten zu können. Um diese Verschwörungstheorie zu stützen, hat Hoffmann Anfang 2014 Strafanzeige wegen Mittäterschaft gegen einen ehemaligen Weggefährten gestellt, dem vor Jahren aus der rechten Szene ausgestiegenen Walter B.5, der 1980 in Syrien einem Barkeeper gegenüber eine Beteiligung der WSG am Münchener Attentat behauptet haben soll. Hoffmann sah darin eine gegen ihn konstruierte Falle des deutschen Verfassungsschutzes, für den B. damals Zuträger war, ohne jedoch plausibel begründen zu können, worin diese bestanden haben soll. Die Strafanzeige ist daher als reine Publicity-Aktion zu werten.

Darüber hinaus versucht Hoffmann inzwischen, Resonanz in Kreisen zu finden, die ihm eigentlich zutiefst verhasst sind, nämlich bei „der Antifa“, was in Hoffmanns Augen mehr oder weniger alle Linken sind. Er hat verschiedentlich den Kontakt gesucht, um „über alle ideologischen Grenzen hinweg“ das Attentat von 1980 „gemeinsam“ aufzuklären. Welchen Beitrag der Aufklärung er dabei leisten könnte, bleibt allerdings offen, denn er reklamiert ja für sich, in keiner Weise mitverantwortlich zu sein. Vor solchen Kontakten ist zu warnen, da sie die Gefahr bergen, lediglich ein neues Kapitel alter rechtsradikaler Querfrontgeschichten aufzuschlagen.

An der von Hoffmann vertretenen Ideologie wird eine Ungenauigkeit der antifaschistischen Begrifflichkeiten deutlich: Ob einer „Neonazi“, „Nazi“ oder einfach nur „Rechter“ ist, wird auf Demos und Flugblättern meist nicht so genau genommen, doch bei genauer Betrachtung zeigen sich erhebliche Unterschiede. Hoffmann ist tatsächlich insofern kein Neonazi, als er keine Wiedererrichtung des Nationalsozialismus anstrebt6; er wurzelt eher im prä-nazistischen Milieu der Freikorps und Faschisten. Spezielle Aspekte des Nationalsozialismus, wie eliminatorischer Antisemitismus, völkischer Rassismus und Eroberungsfantasien, werden aus dieser Perspektive als „Verirrungen“ abgelehnt, die letztlich zum Scheitern und schlechten Leumund der nationalen Sache führten. Hoffmann empfindet sich dabei als modern, gebärdet sich aber eigentlich wie ein deutschnationaler Intellektueller der 1920er Jahre, der die Nazis als dumme Emporkömmlinge und als Juniorpartner im antikommunistischen Kampf ansieht. Er grenzte sich Ende der 1970er Jahre ideologisch ab von der neuen Bewegung selbstbewusster Neonazis um Michael Kühnen und die NSDAP/AO, und wenn er auch deren Mitglieder gerne in seiner WSG ausbildete, dürfte seine Missbilligung von politischer Nazi-Symbolik nicht allein juristisch-taktischen Gründen geschuldet gewesen sein. Hoffmann meint es ernst, wenn er den Verfall der deutschen Kultur bei roher Skinheadmusik und Cola-trinkenden Neonazis beklagt. Er kennt und schätzt den Orient und pflegt einen modernen Antisemitismus, der die Feindseligkeit gegenüber Juden nicht mehr völkisch-rassistisch begründet, sondern aus Verschwörungsfantasien über „dunkle Mächte“ herleitet, womit – wenig überraschend – us-amerikanische und israelische Herrschaftseliten gemeint sind. Indem Hoffmann sich selbst als nicht rassistisch und nicht antisemitisch definiert, gewinnt er das Selbstbewußtsein, als zu Unrecht verfolgter Freidenker aufzutreten.

Damit hat er sich in rechten Kreisen nicht nur Freunde gemacht, und seine Ambitionen auf eine größere Gefolgschaft blieben damals wie heute erfolglos. In der Neonazi-Szene wird er als origineller „alter Kamerad“ seinen Weg weitergehen. Ob er nun zuletzt vom Verdacht wegen des Oktoberfest-Attentats entlastet wird oder nicht – als Gesprächspartner für Linke ist Hoffmann uninteressant.

 

————– Fußnoten —————-

1 Vgl. AIB Nr. 60 / 2.2003: Der Kandidat, die Bombe und der Einzeltäter

2 Siehe dazu ausführlich: Ulrich Chaussy, „Oktoberfest – Das Attentat“, Chr. Links Verlag, 2014; sowie meine Untersuchung dazu: Tomas Lecorte, „Oktoberfest-Attentat 1980: Eine Revision“, 2014, http://www.lecorte.de/2014/01/oktoberfest-attentat-1980-eine-revision/

3 Nicht in Sachsen, wie hier zuerst irrtümlich stand. Vgl. AIB Nr. 60 / 2.2003: Rechte Glücksritter in Ostdeutschland

4Vgl. AIB Nr. 89 / 4.2010: Hausdurchsuchungen nach Neonaziveranstaltung

5 Vgl. AIB 89 / 4.2010: „Wo ist Behle?”

6 Dies hat schon Rainer Fromm in seinem Buch „Die Wehrsportgruppe Hoffmann“ 1998 ausführlich analysiert.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.