Filmbesprechung: Der blinde Fleck

Der Spielfilm „Der blinde Fleck“ von Daniel Harrich setzt den schlimmsten Terroranschlag der bundesdeutschen Geschichte auf die Tagesordnung, den Anschlag auf das Münchener Oktoberfest am 26. September 1980.

Als jemand, der sich gründlich mit dem Oktoberfestanschlag beschäftigt hat, habe ich dem Film mit Hoffnungen und Sorgen entgegengesehen. Hoffnung, weil durch das verstärkte öffentliche Interesse Bewegung in den rätselhaften Fall kommen könnte; Sorge, weil das Thema so komplex ist, dass es mir fast unmöglich schien, daraus einen stimmigen Film zu machen. Sowohl Hoffnung als auch Sorge scheinen berechtigt gewesen zu sein.

Zunächst einmal: Der Film ist spannend und handwerklich gut gemacht. Er vermittelt viel Wissen über die Geschehnisse nach dem Anschlag. Er hebt sich wohltuend vom süßlich-sättigenden Geschichtshaferbrei der Guido Knopps und Nico Hoffmanns ab, auch wenn er leider dem modernen Zwang zur düster-dräuenden Politthrillermusik nicht widerstehen kann. All dies möchte ich gleich zu Anfang betonen, da ich mich im Folgenden eher kritisch mit dem Film beschäftige.

Der Film als Film

Was nicht so gut funktioniert, ist die Konstruktion der Filmhandlung als Gut-Böse-Drama mit dem Helden Ulrich Chaussy gegen den Schurken Hans Langemann (damals Ministerialdirigent im Bayerischen Innenministerium, Abteilung Staatsschutz). Das liegt zum Teil daran, dass Benno Fürmann als schnoddriger Gemütsmensch Probleme hat, die Hartnäckigkeit eines investigativen Journalisten zu vermitteln – was auch schwierig ist, zieht sich doch die Recherche über mehr als 20 Jahre hin und ist deshalb beim besten Willen nicht als Watergate-Thriller zu verkaufen. Der Held ist dazu verurteilt, vor allem Frontalunterricht in Richtung Publikum zu erteilen, was einige Nebenfiguren im Vergleich geradezu charismatisch wirken lässt (Skandaljournalist LeWinter, Anwalt Dietrich, Staatsschutzbeamter Meier).

Doch mit der Gut-Böse-Geschichte unterwirft sich der Film auch zugleich einer unseligen Eigendynamik. Denn Gut gegen Böse bedeutet Richtig gegen Falsch, und folglich strebt die Geschichte über den Anschlag und seine Folgen zwingend einer Aufklärung zu. Die Logik des Politthrillers verlangt nach anfangs unklaren, dafür später umso klareren Zusammenhängen und Schuldigen. Der Film gerät hier in einen unauflösbaren Widerspruch zum eigenen Anspruch, keine Eindeutigkeiten zu suggerieren, wo keine bekannt sind. Er nähert sich stattdessen nach und nach der „gängigsten“ Verschwörungstheorie an, ohne diese zu konkretisieren, und tut damit genau das, was er ausdrücklich nicht will: Die ZuschauerInnen werden mit der ziemlich eindeutigen Vorstellung nach Hause geschickt, dass Neonazis die Täter waren und bayerische Staatsschutzbeamte dies wussten und es mindestens vertuschten, wenn nicht schlimmeres. Dabei bleibt die Darstellung hinreichend unscharf, um Spielraum für jeweils persönliche Spekulationen zu lassen.

Die Fallstricke der „wahren Geschichte“

Hier liegt der größte Schwachpunkt des Films. Er bezieht einen wichtigen Teil seiner Wirkung aus der Botschaft der „wahren Geschichte“, und die Mitarbeit von Chaussy am Drehbuch bürgt für Faktentreue – doch genau diese lässt sich eben bis heute gerade nicht zu einer stimmigen Geschichte bündeln. Die Insider-Geschichten aus der Löwenhöhle der bayerischen Innenpolitik sind zwar überzeugend erfunden, aber eben erfunden. Doch schlimmer noch: Auch bei den „Fakten“ geht es nicht ohne kreative Bearbeitung.

Das beginnt harmlos, indem etwa von „Sicherheitsnetzen“ gesprochen wird, die ein Einzeltäter nicht ohne fremde Hilfe hätte durchdringen können, was offenkundiger Unsinn ist; dann werden einige Zeugenaussagen so verdichtet, dass sie schlüssiger als im Original wirken, und der vermutlich verwendete Sprengstoff TNT wird als militärisches Spezialmaterial beschrieben, obwohl das Zeug in jedem Steinbruch zu finden ist.

Die dramaturgische Einführung eines geheimnisvollen Tippgebers verleiht den dunklen Machenschaften Realität. Dies kulminiert in einer Schlüsselsequenz des Films, die unter dem Schlagwort „Wolfszeit“ erzählt, wie mehrere Tatzeugen eines unnatürlichen Todes starben, kurz bevor sie von den Ermittlern vernommen werden konnten. Als Beweis werden drei Todesfälle spekulativ verknüpft. Doch die erste Behauptung, der Tatzeuge Lauterjung sei vor seinem Herztod „pumperlgesund“ gewesen, ist nicht richtig, denn Lauterjung wurde kurz nach dem Anschlag und höchstwahrscheinlich auch schon vorher wegen Herzbeschwerden behandelt. Er war außerdem bereits mehrfach vernommen worden, wie der Film ja auch zeigt, und erneute Vernehmungen standen nicht bevor. Und die zweitens dargelegte Verbindung des norddeutschen Neonazis Heinz Lembke zu Gundolf Köhler ist aus der Luft gegriffen, ebenso wie Lembkes angeblich wichtige Rolle als Waffenausrüster der rechten Szene zumindest weit übertrieben ist. Schließlich wird drittens der Selbstmord des Neonazis Stefan Wagner sachlich falsch dargestellt und seine Person mit der eines anderen früheren Wehrsportlers vermischt (Wagner war nie im Libanon), außerdem ist Wagners tatsächliche Beteiligung an dem Anschlag – entgegen seines „Geständnisses“ – äußerst unwahrscheinlich. Zudem standen weder Lembkes Selbstmord 1981 noch der von Wagner 1982 in einem Zusammenhang mit Ermittlungen wegen des Münchener Anschlags, und es gab von Seiten bayerischer Sicherheitsbehörden damals ganz sicher keine Absicht, jemanden dazu zu vernehmen, denn für die war der Fall ja abgeschlossen.

Die fehlende Hand

Zuletzt wird das Indiz der „fehlenden Hand“ im Film vereindeutigt, denn zwar könnte diese von einem Mittäter, wohl aber auch von Köhler selbst gestammt haben. Es geht nämlich dabei um stark verbrannte Fragmente einer Hand, das bedeutet, die betreffende Person muss in etwa so nahe am Explosionsort gestanden haben wie Köhler selbst, sonst wären weder die starken Verbrennungen noch die Tatsache des Zerfetzens der Hand erklärbar. Der mutmaßliche Mittäter müsste demzufolge schwerst verletzt gewesen sein, und konnte nicht – wie in einer Romanversion von 2009 – mit einem fehlenden Finger davonspazieren. Die Polizei hat seinerzeit die Möglichkeit eines verletzten Mittäters zu Anfang keineswegs ausgeschlossen und zum Beispiel kurzzeitig Ermittlungen angestellt zu einem Italiener mit verletzter Hand, der aus dem Krankenhaus entwichen war. Selbstverständlich sind Szenarios vorstellbar, die die von Chaussy vermutete Situation erklären. So könnte ein Neonazi-Mittäter ja auch tödlich verletzt worden und von seinen Kumpanen heimlich beseitigt worden sein. Oder geheimdienstliche Mitverschwörer brachten den Verletzten in ein militärisches Krankenhaus. Doch das ist völlig spekulativ.

Die offizielle Formulierung von 2010, wonach das Handfragment „keinem der Toten zuzuordnen“ war, ist missverständlich. Zuerst klang das in Veröffentlichungen so, als habe es eine serologische Untersuchung gegeben (was zu damaligen Zeiten keine DNA-Entnahme bedeutete, sondern im wesentlichen eine Bestimmung der Blutgruppe), diese habe aber eine Verbindung des Handfragment zu einem der 13 Toten ausgeschlossen. Auf Nachfrage konkretisierte die Generalbundesanwaltschaft (GBA) das später jedoch dahingehend, es habe gar keine serologische Untersuchung gegeben (so GBA-Sprecher Wallenta laut Berliner Morgenpost vom 24.09.2010), so dass lediglich keine positive Zuordnung zu einer der getöteten Personen möglich war. Das ist ein sehr wesentlicher Unterschied, denn das lässt sehr wohl die Möglichkeit zu, dass es Gundolf Köhlers Hand war. Köhler waren beide Hände abgerissen worden bei der Explosion, und keine davon war gefunden worden. Man kann also davon ausgehen, dass die ermittelnden Beamten am Tatort einfach davon ausgingen, gefundene Handteile würden wohl vermutlich von Köhler stammen.

Dies wurde gestützt von der Tatsache, dass Fingerabdrücke des Handfragments auf verschiedenen schriftlichen Unterlagen von Köhler gefunden wurden – wobei die GBA leider nicht erläutert hat, um was für Schriftstücke es sich handelte. Es wäre ja doch von erheblicher Bedeutung, ob es Bastelanleitungen für Handgranaten oder private Papiere ohne Themenbezug waren (zu der Münchener Bombe selbst gibt es keine Aufzeichnungen von Köhler).

Wieso von dem Handfragment Fingerabdrücke gesichert werden konnten, aber eine serologische Untersuchung angeblich aufgrund des schlechten Zustands nicht möglich war, ist bislang nicht plausibel erklärt worden und wissenschaftlich zweifelhaft.

Bei allen begründeten Zweifeln ist der anfängliche Eindruck, hier habe ein Beweis für die Anwesenheit eines Mittäters am Tatort vorgelegen und dieser Beweis sei 1997 verantwortungslos (oder absichtlich) vernichtet worden, alles andere als zwingend. Vielmehr ist die Variante, das Handfragment stamme von Köhler selbst, einigermaßen schlüssig und lebensnah, während die andere Version, es stamme von einem Mittäter, komplizierte Fragen nach sich zieht: Wie kamen seine Fingerabdrücke auf Köhlers Papiere? In welchem Verhältnis stand er zu Köhler – es müsste schon sehr konspirativ gewesen sein, denn es gibt aus den Ermittlungen zu Köhlers Umfeld keinen Hinweis auf eine solche Person? Wie konnte er unentdeckt vom Tatort verschwinden?

Wie lässt sich Geschichte erzählen?

Regisseur Daniel Harrich geht mit der suggestiven Darstellung stellenweise etwas zu weit, was gerade durch die emotionale Wucht des Kinofilms mehr Eindruck hinterlassen muss als zwanzig gelehrte Abhandlungen. Wer konnte sich nach Oliver Stones „JFK“ den Kennedy-Mord noch anders vorstellen als im Film gezeigt? Ist es überhaupt möglich, Geschichte als Drama zu erzählen und dabei zumindest nichts Falsches auszusagen, wenn man schon nicht allen widersprüchlichen Facetten gerecht werden kann? Mir scheint, dass gerade der Film als Medium aufgrund des Zwangs zur Verdichtung und Vereinfachung hier an Grenzen stößt. In den vergangenen Jahren sind entsprechende Versuche, die jüngere Vergangenheit Deutschlands filmisch zu bearbeiten, höchst unterschiedlich ausgefallen. Die dramatischen Spielfilme, etwa zum Thema RAF, haben durchweg Geschichten erzählt, aber nicht Geschichte, und bezeichnenderweise ist der meines Erachtens bei weitem beste Spielfilm dieser Art, „Die innere Sicherheit“ (Christian Petzold, 2000), auf ein völlig fiktives Terrain ausgewichen. Wo es dokumentarisch wurde, stellte sich ebenso die Frage nach dem Standpunkt der Kamera, und während das „Todesspiel“ (Heinrich Breloer, 1996) zeigte, wie man es nicht machen sollte, war „Black Box BRD“ (Andreas Veiel, 2001) ein sehr gelungener Versuch, Geschichte deutungsoffen aber nicht positionslos abzubilden.

„Der blinde Fleck“ hat sich für das Drama entschieden und gerät damit zuletzt doch in die Falle der Schuldzuweisung, der ironischerweise der echte Ulrich Chaussy sich bis heute entziehen konnte. Die nahezu ausnahmslos positive Aufnahme des Films vor allem in liberalen und linken Medien – die ich, um es deutlich zu sagen, dem Film und seinen MacherInnen von ganzem Herzen gönne -, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er öffentliche differenzierte Betrachtungen des Falles Oktoberfestattentat eher verengt in Richtung des seit 30 Jahren geübten ermittlungskritischen Kanons, wonach es sich erwiesenermaßen um einen Neonazi-Anschlag handeln muss.

Dass dieser Kanon weitgehend auf Halbwissen und Spekulationen beruht, zeigt sich auch an den Rezensionen, in denen JournalistInnen nach Belieben eigene Projektionen einfügen. So behauptet Adrian Prechtel in der Münchener Abendzeitung unrichtig, „alle Fakten stimmen“; Harald Jähner fabuliert in FR online, die bayerische Polizei habe die Bewegung 2. Juni für den Anschlag verantwortlich gemacht; mk bei KINO.DE lässt sich durch den Film davon überzeugen, die Beteiligung der WSG Hoffmann sei „mehr als ein loser Verdacht“ und sieht auch die „Verstrickungen zwischen Täter, Politik und Verfassungsschutz“ offenbar als erwiesen an; Eckhard Fuhr in der WELT erfindet eine „mit Nägeln und Schrauben gefüllte“ Bombe und betont mehrfach, der Film erzähle „wie es wirklich gewesen ist“ und zeige nur „historisch belegbare“ Fakten (er kann also offensichtlich überhaupt nicht unterscheiden zwischen Spielfilm und Dokumentation); Hauke Friederichs in der ZEIT wiederholt einmal mehr die (unzutreffende) Darstellung, Strauß habe seinerzeit Linke der Tat beschuldigt; Sabine Dobel (Rheinische Post) hat ebenfalls die Bombe mit imaginären „Nägeln und Schrauben“ gefüllt; Claudia Lenssen vom Berliner Tagesspiegel hält es für eine „tatsachenfixierte“ Feststellung, die Bundesanwaltschaft habe „das Material im Lauf der Zeit verschwinden“ lassen…

Trotz alledem ist es gut, dass es diesen Film gibt. Ohne Chaussys Recherchen (wir wollen ehrlich sein, er war nicht der einzige, der sich engagierte!) und ohne diesen Film hätte der Rechtsanwalt Dietrich Anfang 2014 nicht Einsicht in die Ermittlungsakten des LKA bekommen. Die Geschichte ist nicht zuende, und noch ist nichts wirklich aufgeklärt.

Der Text erschien in gekürzter Form am 04.02.2015 im Neuen Deutschland (nur mit online-Abo abrufbar).

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