Oktoberfest-Attentat 1980 Teil 2: War Gundolf Köhler ein Neonazi?

33 Jahre nach dem Oktoberfestattentat sind die Hintergründe des mutmaßlichen Täters noch immer ungeklärt

Am 26. September 2013 jährt sich zum 33. Mal der schwerste Bombenanschlag in der Geschichte der Bundesrepublik: Das Oktoberfestattentat von München 1980, das 13 Tote und über 200 teils schwer Verletzte forderte. Obwohl der Anschlag bis heute nur in Ansätzen aufgeklärt ist, hat sich bei Linken und in den meisten Medien eine historische Lesart durchgesetzt, die von einem rechtsradikalen Anschlag bzw. Neonazis als Tätern ausgeht. Allerdings stützt sich diese Sichtweise stärker auf politische Vermutungen zum möglichen Tatmotiv als auf tatsächliche Anhaltspunkte. Insbesondere gegen die oft mit dem Anschlag in Verbindung gebrachte Wehrsportgruppe Hoffmann gibt es fast keine belastbaren Hinweise.1 Von zentraler Bedeutung ist die Beurteilung des wahrscheinlichen Bombenlegers Gundolf Köhler, der bei der Explosion ums Leben kam. War Köhler ein fanatischer Neonazi? War er ein Mitläufer, wurde er manipuliert, war er halb Täter, halb Opfer, oder noch weniger? Die Antwort hierauf ist nicht so eindeutig wie es meistens dargestellt wird.

Köhler war als Jugendlicher rechtsradikal. Geboren 19592, wuchs er in einer Familie des lokalen CDU-Milieus von Südbaden in Donaueschingen auf. Seine – deutlich älteren – Geschwister waren politisch eher sozialliberal orientiert. Köhlers rechtsradikale Tendenz, die er im Alter von 13 Jahren entwickelte, scheint keine direkten Vorbilder in der Familie gehabt zu haben.

Inwieweit es andere Vorbilder gegeben haben könnte, ist nicht genauer erforscht worden. Es gab in Donaueschingen Ende der 1970er Jahren durchaus ein gewisses rechtsradikales Potenzial. So veranstaltete der NPDler Henry B. in seinem Haus Parteitreffen, und ein gut situierter örtlicher Geschäftsmann, Paul H., taucht in späteren Polizeiakten als Altnazi auf. Dessen möglicher Kontakt zu Köhler konnte jedoch nicht mehr überprüft werden, da er kurze Zeit vor dem Anschlag Selbstmord begangen hatte. Es gab damals, wie praktisch überall in Westdeutschland, keine offene rechte Szene in der Stadt, kein subkulturelles Milieu mit Anschlussangeboten an junge Neonazis, wie es sich seit den 1990er Jahren stellenweise entwickelt hat. Neonazis waren damals räumlich und sozial meist Einzelgänger, die sich ihre Bezugsgruppen zusammensuchen mussten und in ihren jeweiligen Jugendcliquen als »der Rechte« mitliefen.

Köhler suchte in dieser Zeit Kontakt zu dem rund 100 Kilometer entfernt in Tübingen agierenden Hochschulring Tübinger Studenten (HTS) des fanatischen Antikommunisten Axel Heinzmann, der sich in den folgenden Jahren zum Neonazi radikalisierte. Mehr als etwas Schriftmaterial vom HTS scheint Köhler dabei aber nicht bekommen zu haben.

Die Wehrsportgruppe Hoffmann

Im Alter zwischen 13 und 16 pflegte Köhler außerdem einen gewissen Waffenfetischismus, sammelte alte Kriegsmunition im Wald, bastelte im Hobbykeller mit Chemikalien an Feuerwerksraketen und versuchte sich als »kleiner Sprengmeister«. Er bemühte sich auch, Schusswaffen zu erwerben, scheiterte aber.

Ende 1975 kam er in Kontakt mit der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG). Kurz Zeit später, und dann noch einmal im Juli 1976, nahm er an einer Wochenendübung der WSG im 300 Kilometer entfernten Franken teil. Dies sind mit großer Wahrscheinlichkeit seine einzigen WSG-Aktivitäten gewesen. Die WSG hatte damals einen Kern von etwa 60 Mitgliedern und führte in kurzen Abständen Übungen durch. Köhler war mit seinen 16 Jahren zwar nicht der einzige Minderjährige, aber doch einer der Jüngsten. Zu der zweiten Übung brachten ihn seine Eltern persönlich, um Hoffmann kennenzulernen. Dieser war bemüht, die WSG als eine Art Pfadfindertruppe darzustellen, die Jugendliche von der Drogensucht abhalten könne. Doch ihr Eindruck war negativ, und sie verboten ihrem Sohn eine weitere Teilnahme. Das scheint Erfolg gehabt zu haben, auch wenn in den folgenden Monaten noch einzelne schriftliche oder telefonische Kontakte zu Hoffmann stattgefunden haben müssen, die Hoffmann selbst später leugnete. So war Köhler im Dezember 1976 in Tübingen, als Hoffmann und andere WSG-Mitglieder rabiat linke DemonstrantInnen angriffen, die ihnen den Auftritt bei einer Veranstaltung des HTS verstellen wollten.

Die Annahme, Köhler sei Mitglied der WSG gewesen, beruht hauptsächlich auf einer kurzen handschriftlichen Notiz Hoffmanns, die 1979 der Polizei in die Hände fiel. Dort war Köhler aufgrund seiner früheren Übungsteilnahme als ein möglicher Anwärter für einen WSG-Ableger in Schwaben notiert. Zu ihm bestehe aber seit Mai 1977 kein Kontakt mehr. Zur Gründung dieser WSG-Filiale kam es jedoch gar nicht. Der Verfassungsschutz hatte aufgrund jener vagen Information Köhler als WSG-»Anhänger« betrachtet, woraus von Generalbundesanwalt Rebmann in einer Pressekonferenz kurz nach dem Anschlag fälschlich eine »Mitgliedschaft« gemacht wurde. Der Stern veröffentlichte darüber hinaus im Oktober 1980 ein Foto, das angeblich Köhler als Mitglied der WSG im Jahr 1979 zeigte. Der Mann auf dem Foto war aber gar nicht Gundolf Köhler. Diese beiden Fehlinformationen sind hauptverantwortlich dafür, dass Köhler seit über 30 Jahren als WSG-Mitglied gilt. Selbst 1976, auf dem Höhepunkt seiner dokumentierten neonazistischen Aktivität, dürfte er in Wirklichkeit wohl kaum mehr als ein Besucher mit Anwärter-Status bei der WSG gewesen sein.


Bild: Angeblicher Beweis für Köhlers Anwesenheit bei der WSG Hoffmann 1979. Der im Magazin Stern 1980 als Köhler Bezeichnete (zweiter von links) ist gar nicht Gundolf Köhler; vermutlich handelt es sich um das hessische WSG-Mitglied Förster. Rechts der Unterführer der hessischen WSG-Gruppe, Arnd-Heinz Marx.

In den folgenden Jahren blieb Köhler vermutlich rechts orientiert, doch konkrete Vorfälle oder gar Straftaten mit rechtsradikalem Hintergrund sind nicht aktenkundig. Seine Familie und einige Bekannte sagten im Nachhinein, sie hätten den Eindruck gehabt, ab 1978 habe seine Begeisterung für rechtsradikale Ideen deutlich nachgelassen. Zu seinen Ansichten und Äußerungen gibt es widersprüchliche Angaben, er scheint wankelmütig und von nichts wirklich überzeugt gewesen zu sein. Köhlers Zimmer war 1980 keine typische Neonazi-Bude, es gab dort weder Hakenkreuze noch einschlägige Bilder. Zwischen einer Fülle von Plakaten, Zeichnungen, Büchern und einer großen Mineraliensammlung fanden sich nur einige wenige Hinweise auf rechte Ideologie (so stand Hermann Löns Buch »Der Wehrwolf« auf dem Bücherbord). Auch sein Äußeres entsprach nicht dem damals verbreiteten Aussehen eines Neonazis: Er trug legere Kleidung, Parka, zeitweise nackenlange Haare und spielte in einer Rockband mit.

Zeitliche Vermischungen und Spekulationen

Demgegenüber wurde im Jahr 2011 in der Zeitschrift Der Spiegel ein wahres Schreckensbild von Köhler als einem überzeugten Neonazi entworfen, das jedoch in wesentlichen Teilen auf falschen Darstellungen, zeitlichen Vermischungen und Spekulationen beruht. Dort wird zum Beispiel ganz und gar unglaubwürdig behauptet, er sei Mitglied der Wiking-Jugend (WJ) gewesen, was darauf hindeutet, dass der Spiegel-Journalist den Charakter der WJ als straff organisierter Kaderschmiede nicht kannte: WJ-Mitglieder hatten kurz geschnittenes, gescheiteltes Haar, trugen ihre Gesinnung deutlich zur Schau und waren stets mit Kenntnis, fast immer auch mit Zustimmung ihrer Eltern dabei – nichts davon traf auf Köhler zu. Sein Name sei zudem auf rechten »Mitgliedslisten« genannt worden, bei denen es sich aber um bloße Auflistungen von Teilnehmern an WSG-Übungen handelte, worauf schon weiter oben eingegangen wurde. Und schließlich zitiert der Spiegel-Aufreißer unkritisch (ohne den Namen zu nennen) Aussagen von Bernd K., einem Freund von Köhler, als objektive Tatsachen. Da diese Aussagen ebenso wichtig wie umstritten sind, sollen sie hier kurz näher untersucht werden.

Zum engsten Freundeskreis von Köhler gehörten Erich L., der als einziger Bekannter dessen rechte Einstellung teilte, und Bernd K. Letzterer hatte der Polizei anfangs Material für die – in den ersten zwei Wochen favorisierte – Gruppentäterthese geliefert, während andere Freunde und Bekannte sich an keine aktuellen Erlebnisse mit Köhlers rechter Gesinnung erinnerten. Bernd K. hingegen hatte ausgesagt, Köhler sei durch rechtsradikale Sprüche aufgefallen und habe im Gespräch mit ihm und Erich L. auch konkret über Anschlagsideen gesprochen. Mit jeder Nachfrage der Polizei wurden diese Erinnerungen von Bernd K. detaillierter und konkreter. Doch die Aussagen hatten stellenweise auffällige Ähnlichkeit mit bereits veröffentlichten Presseberichten, die Bernd K. vor den Vernehmungen gelesen hatte. Sie enthielten auch zeitliche und inhaltliche Unstimmigkeiten. Darüber hinaus neigte Bernd K. zu Aufschneidereien, er war beeinflussbar und »geistig nicht der Hellste«, wie es ein Ermittler später in einem Interview ausdrückte.

Das Landeskriminalamt ließ Anfang Oktober 1980 die Gruppentätervermutung und den dafür wichtigen Zeugen Bernd K. ziemlich plötzlich fallen. Jetzt wurde stattdessen die Einzeltäterhypothese verfolgt, für die Erich L. als Kronzeuge zur Verfügung stand, dessen Angaben denen von Bernd K. in wichtigen Punkten widersprachen. Seine Aussagen wirkten teilweise wie von der Polizei bestellt und waren durchaus nicht schlüssig. Das darf aber nicht zu dem kritischen Umkehrschluss verleiten, Bernd K.s Aussagen seien zwangsläufig glaubwürdig. Bei genauer Lektüre der ungekürzten Aussagen von Bernd K. und der Berücksichtigung des Kontextes scheint es sich um eine Mischung aus Angelesenem, wirklich Erinnertem und Gefälligkeitsaussagen zu handeln. Dennoch berufen sich alle Veröffentlichungen der letzten 30 Jahre, die Köhlers rechte Gesinnung im Jahr 1980 belegen wollen, nahezu ausschließlich auf die zweifelhaften Aussagen von Bernd K.

Köhler hatte im Jahr 1980 mit großer Wahrscheinlichkeit weiterhin rechtsradikale Ansichten, möglicherweise auch in stärkerem Maße, als dies Familie und Bekannte wahrnahmen. Aber die Behauptung, dass er ein ideologisch gefestigter Neonazi war, lässt sich nicht halten.

Die Terroranschläge neonazistischer Gruppen ab Ende der 1970er Jahre wurden stets unter Führung überzeugter Neonazis geplant und durchgeführt.3 Die Beteiligten waren mit wenigen Ausnahmen Mitglieder der Wiking-Jugend, der Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands (VSBD) oder der Aktionsfront Nationaler Sozialisten (ANS). Köhler passt nicht in dieses Bild. Es kann praktisch ausgeschlossen werden, dass er führender Kopf einer neonazistischen Gruppe war. Dafür war er zu jung, und ihm fehlte die szenetypische Karriere und Einbindung. Theoretisch könnte er ein Mitläufer gewesen sein in einer konspirativ agierenden Gruppe. Oder er könnte auf andere Art funktionalisiert worden sein. Denn eine Bombe basteln konnte er definitiv, und im Rahmen der WSG-Übung 1976 hätten dies auch andere Neonazis mitbekommen können, da er dort mit einer selbstgebauten Handgranate erschienen war.

Seine tatsächliche Rolle im Münchener Anschlag bleibt ungewiss: Wurde er ausgenutzt oder gar geopfert? War die ganze Explosion ein Unfall, war ein anderer Ablauf des Attentats geplant oder etwa ein ganz anderes Attentat? War er doch, entgegen vieler Indizien, ein Einzeltäter, der aus allgemeiner Verzweiflung Amok lief? Auch der Film »Der blinde Fleck«, der im Januar 2014 ins Kino kommt und die (im übrigen vorbildlichen) Recherchen von Ulrich Chaussy zu dem Anschlag nacherzählt, kann diese Frage nicht beantworten. Das verbreitete Bild über Köhler sollte aber zumindest insoweit korrigiert werden, als er nicht dem Klischee des neonazistischen Gewalttäters entsprochen hat.

 

Veröffentlicht in: ak – analyse und kritik, Nr.586, 17. September 2013

 

Fußnoten

2In der Veröffentlichung in a&k steht hier leider fälschlich 1961

3Genannt seien hier nur Uwe Rohwer, Paul Otte, Manfred Roeder, Peter Naumann, Klaus Ludwig Uhl und Friedhelm Busse, Odfried Hepp und Walter Kexel

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