Medien und Ohnmacht

Nicht, daß ich etwas gegen Kassandra-Rufe hätte. Ich rufe selbst gern in den Wald hinein. Vor fünf Jahren wagte ich in einem Text zu „Neuen Medien“ die Prognose, es werde noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern, bis diese Medien vollends ihre Funktion im Rahmen von Kapital und Herrschaft erfüllen könnten, von den anarchischen Räumen des Internet und den gepriesenen Chancen direkter Beteiligung werde dann kaum etwas übrig geblieben sein. Damit verbunden war die Erwartung, daß es in den kommenden Jahren stetig bergab gehen werde mit den Möglichkeiten neuer Medien für linke, emanzipative Ideen. Wie schon so oft hat sich die Wirklichkeit als störrischer und widersprüchlicher erwiesen als die Prognose. Das hat vor allem zwei Hintergründe.
Erstens: Die Markt- und Sicherheitsstrategen arbeiten natürlich emsig weiter an ihren Projekten, das Netz profitabel und kontrollierbar zu machen. Der Erfolg bleibt mäßig, nicht zuletzt weil das eine dem anderen dabei ständig in die Quere kommt. Große Apparate, wie etwa Sicherheitsbehörden, passen zum Markt der Neuen Technologien mit seiner ständigen Systemkonkurrenz und Weiterentwicklung wie der Elefant zur Wanderameise. Die ganz großen, wie etwa die us-amerikanische NSA, können sich zwar oben draufsetzen und mit Systemen wie „Echelon“ viele Informationen sammeln, aber schon eine Behörde wie das deutsche BKA ist offenbar vom Markt überfordert und verpulvert Millionen beim Hinterherhinken. Die logische Konsequenz wird in einigen Jahren die Privatisierung der digitalen Sicherheits-Sphäre sein (wieder ein Kassandra-Ruf) – der neue schlanke Sicherheits-Staat wird eher Profi(t)-Interessen vertrauen als Beamten.

Aber der Markt versteht sich selbst nicht. Langfristig ist der Dotcom-Hype der Neunziger Jahre und sein aktueller Zusammenbruch ein vermutlich „normaler“ Boom, bei dem ein paar Neulinge überleben und groß werden und ansonsten die Pionier-Arbeit der vielen nützlichen Idioten von den Großmächten der Wirtschaft aufgesogen und weiterverarbeitet wird. Momentan sieht es aber so aus, daß auch viele der größeren Konzerne sich über das Tempo der Entwicklung getäuscht haben. Strategische Investitionen in die Zukunft sind eben ein Problem, wenn diese Zukunft nicht auf Eisenbahngleisen oder Autobahnen klar sichtbar dahergefahren kommt, sondern in wilden Entwicklungssprüngen auf Leiterbahnen herumflitzt.

Vielleicht ist es historisch verkehrt, einen grundsätzlichen Unterschied zu den industriellen „Revolutionen“ der letzten hundert Jahre zu behaupten. Wer vor hundert Jahren strategisch in den Fahrzeugbau investierte, dachte dabei nicht an einzelne Modelle, sondern an ein System, und überließ den Rest dem „freien“ Markt. Dennoch kann heute der Eindruck entstehen, als ob solche strategischen Überlegungen weitgehend dem Mitschwimmen im Strom gewichen sind.

Linke in den Kolonien von Bill Gates

Zweitens: Mitschwimmen tun auch die anderen, subversiven Formen der Arbeit mit neuen Medien. Vor einigen Jahren noch kritisch beäugt, ist das World-wide-web incl. der darüber mögliche freie e-mail-Verkehr inzwischen zum wichtigen Kommunikationsmittel der Linken geworden. Die Diskussion über mögliche Gefahren des Netzes, sei es auf sozialer Ebene oder im Bereich der Überwachung, wird weiter von ein paar SpezialistInnen geführt; die Karawane der NutzerInnen ist weitergezogen. „Indymedia“ als freier Marktplatz der (linken) Informationen erlebte im „summer of resistance“ von Göteborg bis Genua ähnlich wie vor zehn Jahren CNN im zweiten Golfkrieg den raschen Aufstieg zur Info-Macht. Nur wenige e-mail-BenutzerInnen verwenden regelmäßig PGP zum Verschlüsseln, denn am Computer zählt jede Sekunde, und jedes bißchen Mehrarbeit streßt. Wir, die wir kritisch Weltgeschehen und Gesellschaft beobachten, werden im Angesicht der Neuen Medien zu tendenziell bewußtlosen KonsumentInnen. Wir sehen nicht mehr die Technologie, sondern nur noch deren Oberfläche. Der vielzitierte McLuhan-Satz, nach dem Medium und „Message“ identisch sind, kehrt sich hier gegen uns. Er sagt eigentlich, daß die Form den Inhalt maßgeblich bestimmt, was aber gleichzeitig bedeutet, daß die Form dahin strebt, unsichtbar zu werden und sich der Kritik zu entziehen.
Machtverhältnisse werden von uns, auch von aufgeklärten Linken, zu einem wesentlichen Teil emotional wahrgenommen. Wir können damit umgehen, wenn wir unmittelbar von anderen Menschen ausgebeutet, angegriffen, erniedrigt werden. Jede neue Abstraktionsstufe macht es schwieriger, sich zur Macht zu verhalten: Wir kennen unseren Chef nicht mehr, Verantwortlichkeiten werden delegiert und zersplittert, in Apparate verschoben, von Politikern repräsentiert, auf nationale, globale Ebenen verlagert. In diesen Prozeß gehört auch die Geschichte von Medien und Technologien. Ihre Funktion für Herrschaft ist kaum emotional erfahrbar. Die manchmal aufkommende Wut über die Macht der digitalen Technologie ist nur schwer in Verbindung zu bringen mit dem Widerstand gegen reale Herrschaftsinteressen (zum Glück gibt es wenigstens Bill Gates als Horror-Gestalt). Wir stehen der Kolonisierung durch Technologie weitgehend offen gegenüber – nach anfänglichem Gejammer über die Neuheiten, dessen Gehalt manchmal ebensogut herrschafts-kritisch wie auch konservativ verstanden werden kann, reihen wir uns ein in den Strom.

Das ist keine ganz neue Erkenntnis, und ohne die oben beschriebene Entwicklung des „großen“ Marktes, d.h. die bisher gescheiterte Regulierung nach ökonomischen Interessen, würde es die Situation linker Medienpräsenz auch nicht groß beeinflussen. Da es nun aber die Freiräume (noch) gibt und die Zeit reichte, bei vielen die anfänglichen Abwehr-Reaktionen zu überwinden, sind heute im Netz viel mehr linke subversive Aktivitäten zu verzeichnen als es zumindest ich selbst Mitte der 90er Jahre vorhergesagt hätte.

Die Nestwärme der Mailing-Liste

Wohl ist mir dabei dennoch nicht. Nicht allein deshalb, weil ich erwarte, daß – wie bei den meisten Vorhersagen der Linken – die schlechten Verhältnisse zwar später als erwartet, aber doch irgendwann eintreten. Sondern auch, weil der Trend zur Virtualität eine gefährliche Entwicklung ist. Das Netz ist das Kokain des Medien-Volkes, es macht jede einzelne Person mächtig, bekannt, kommunikativ, erfolgreich – bis jemand den Stecker zieht und all die Blasen der Allmacht zerplatzen. Das ist eine große Versuchung gerade für eine (radikale) linke Bewegung, die in Deutschland schwach ist, nur eine kleine Minderheit darstellt. Es ist leicht, im Netz zu „global action days“ aufzurufen, und wer weiß schon, ob an dem Tag dann wirklich etwas passiert? Und wenn etwas passiert, genügt ein posting im Netz, damit die ganze Welt davon erfährt – oder jedenfalls der Teil der Welt, der Zugang zum Netz hat: einigermaßen wohlhabend, gebildet, weiß, männlich (in der Tendenz zumindest)…

Die Frage, welche gesellschaftliche, materielle Bedeutung das Geschehen hat, ist zweitrangig, wenn es nur eine mediale Existenz bekommt. Die Entkoppelung von politischer Tat als Medien-Ereignis und realer Wirkung führt zu einem zunehmenden Verlust der Bodenhaftung. Diesen Effekt kennen wir auch aus anderen Bereichen. Die autonome Bewegung der späten 80er Jahre wurde von Fernsehen und Presse enorm aufgeblasen, um dann nach dem Mauerfall frustriert und zurechtgestutzt ihre tatsächliche gesellschaftliche Schwäche zu erkennen. Heute sehen wir eine erhebliche Präsenz „anti-nationaler“ Positionen in linken Medien, die bei vielen den Eindruck erweckt, diese Strömung sei bestimmend in der radikalen Linken. Ich wage die Prognose, daß ein Großteil dieser Strömung in absehbarer Zeit verschwinden wird, weil ihre VertreterInnen ähnlich früheren K-Gruppen in völkisch-nationalistischer Verwirrung enden und sich aus der Linken verabschieden werden. Entkoppelung von Medium und Realität ist also keine neue Erfindung, aber im Netz geradezu in Reinform angelegt.

Die Nestwärme der linken Web-Sites und Mailing-Listen hat das Potential, ein neues linksradikales Getto zu schaffen; weltweite Vernetzungen verstärken das Gefühl eigener Bedeutung – es ist bequemer, mit Gleichgesinnten in anderen Ländern zu kommunizieren als mit Nachbarn, die ganz anders denken, nur wird davon die Bewegung nicht größer, sondern kreist lediglich arbeitsintensiver um sich selbst (und daß Neue Technologien verdammt viel Zeit auffressen, haben mittlerweile wohl die meisten bemerkt).

Durch das Internet und die scheinbare Demokratisierung der Informationswege kommt weitere Arbeit hinzu. Die Filterung von Informationen, die ich bisher – gegen Bezahlung – einer Zeitungsredaktion o.ä. überlassen habe, muß ich nun selber erledigen. Wer soll das auf die Dauer leisten? Zwangsläufig bildet sich dabei eine Info-Elite von Menschen, die Ressourcen und Zeit haben. Was, du weißt nicht…? Stand doch bei „indymedia“, allerdings auf Seite 12 (Beitrag Nummer 189), weil es ja schon vor zwei Tagen reingestellt wurde. Wer hat Zeit, sich einen dpa-Ticker zuhause aufzustellen und auszuwerten? Der Leistungsdruck, auf dem aktuellen Stand zu sein, saugt mich tiefer hinein ins Netz und in seine Maßstäbe von Erfolg, Information und sozialem Status.

Bitte, wo geht’s denn hier raus?

Je mehr Menschen sich auf die virtuellen Mechanismen des Netzes auch im politischen Bereich verlassen, desto verwundbarer wird die politische Bewegung. Das gilt nicht für jetzt und gleich, sondern für Krisen, für zugespitzte Situationen, für schlimmste Fälle. Sei es, daß dann das Netz an sich kriselt und wichtige Kräfte allein für das Aufrechterhalten des Systems aufgebracht werden müssen – konkretes Beispiel: die Infrastruktur eines Independent Media Center, das dafür sorgt, daß weltweit Menschen sich informieren könnten über die kritische Situation, was in der Situation selbst vor Ort aber nichts nutzt. Oder sei es, daß die Funktionen des Netzes von „außen“ ausgeschaltet werden und damit die Linke handlungsunfähig wird. Glaube niemand, im Falle etwa eines eskalierten Krieges würden die westlichen Regierungen nicht über Mechanismen verfügen, das Netz zu kontrollieren oder notfalls Teile davon abzuhängen.

Davon sind wir heute noch weit entfernt. Aber die an sich undemokratische Struktur des Netzes ist aktuelle Realität. Ebenso wie vor achtzig Jahren das Radio Bertolt Brecht zu großen Hoffnungen beflügelte über demokratische Kommunikationsstrukturen, beten heute manche treu die Mär vom basisdemokratischen Netz. Einem Netz, das von wenigen, kaum kontrollierten Gremien, Gruppen und Konzernen strukturiert und gestaltet wird. Einem Netz, dessen täglicher technischer Betrieb sich vollkommen dem Einblick der Massen-NutzerInnen entzieht. Einem Netz, das offen für vielfältigste Formen von Kontrolle, Überwachung und Manipulation der einzelnen NutzerInnen ist. Einem Netz, das zugänglich ist für alle, die genügend Geld haben, am richtigen Ort wohnen, die richtigen Kenntnisse und genug Zeit haben, also – auch in Zukunft – eine Minderheit. Das Netz ist letztlich genauso demokratisch wie der kapitalistische Markt. Wer konkurrieren kann, darf teilnehmen. Daß auch wir Linke unsere Haut auf diesen Markt tragen, führt uns einmal mehr vor Augen, daß wir eben auch von den Verhältnissen gestaltet werden, die wir doch eigentlich gerne ändern würden.

Die böse Rede bleibt, natürlich, ein Ruf in der Wüste. Sehen wir der Wahrheit ins Auge: die Technologie gewinnt. Ob ich nun Glasfaserkabel durchtrenne, Online-Demos veranstalte oder linke Web-Sites schaffe – in jedem Fall bin ich der Technologie ins Hamster-Rad gehüpft und werde beschäftigt. Machen wir das Beste draus – merken wir uns, wo der Ausgang ist!

Veröffentlicht von Sven Glückspilz in Raumzeit – zeitung für den grossraum nürnberg – fürth – erlangen im November 2001

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